Mo 28.12. 2020 20:15Uhr (VPS 20:14) 90:00 min

Sigmund Jähn ist 82 Jahre alt geworden. Er starb am 21 September 2019.
Sigmund Jähn ist 82 Jahre alt geworden. Er starb am 21 September 2019. Bildrechte: MDR/Lona Media
MDR FERNSEHEN Mo, 28.12.2020 20:15 21:45

Winter der Legenden Sigmund Jähn – ein Vogtländer im Weltall

Sigmund Jähn – ein Vogtländer im Weltall

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Sigmund Jähn und sein Flug ins Weltall

Sigmund Jähn und sein Flug ins Weltall

Sigmund Jähn als Oberstleutnant der NVA-Luftstreitkräfte am 15. Juli 1978 vor seinem Flug ins All
Am 26. August 1978 flog NVA-Oberstleutnant Sigmund Jähn mit einer sowjetischen "Sojus 31" in den Orbit. Der Mann aus Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland war damit der erste Deutsche im Weltall überhaupt. Für die DDR ein riesen Propaganda-Erfolg. Zwei Jahre war Jähn zuvor in der Sowjetunion auf die Mission vorbereitet worden. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn als Oberstleutnant der NVA-Luftstreitkräfte am 15. Juli 1978 vor seinem Flug ins All
Am 26. August 1978 flog NVA-Oberstleutnant Sigmund Jähn mit einer sowjetischen "Sojus 31" in den Orbit. Der Mann aus Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland war damit der erste Deutsche im Weltall überhaupt. Für die DDR ein riesen Propaganda-Erfolg. Zwei Jahre war Jähn zuvor in der Sowjetunion auf die Mission vorbereitet worden. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn mit Familie in Moskau
Unter strengster Geheimhaltung war Sigmund Jähn zum Jahreswechsel 1976/77 mit seiner Familie nach Moskau umgezogen (im Bild: Jähn mit Frau und Kind beim Bootsausflug). Auch Jähns Ersatzmann Eberhard Köllner und seine Angehörigen lebten dort. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn und Waleri Bykovski
Gemeinsam mit seinem Kommandanten, dem sowjetische Oberst Waleri Bykowski, wird Jähn perfekt auf den Weltraumflug vorbereitet. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn und Waleri Bykowski beim Training in der Rakete, 1978
Training vor dem Flug: Jähn sollte später im All wissenschaftliche Versuche ausführen, zum Beispiel wie die Schwerelosigkeit das Sprechvermögen beeinflusst. Bildrechte: IMAGO
Waleri Bykovski (UdSSR) and German spaceman Sigmund Jähn auf dem Weg zum Abflug
Jähn und Bykowski auf dem Weg zum Abflug: "Denkt man beim Start über die Risiken der Mission nach?" will ein "Spiegel"-Reporter 2014 von Jähn wissen. Der antwortet: "Das ist zu spät, das muss man vorher bedenken. Wenn man in der Rakete sitzt, kann man sich keine philosophischen Gedanken mehr machen. Und wer zu viel Angst hat, ist als Astronaut sowieso im falschen Beruf." (aus: Spiegel Online, Mai 2014) Bildrechte: IMAGO
Waleri Bykovski und Sigmund Jähn
Vor dem Start der Rakete: Waleri Bykowski und Sigmund Jähn am 26. August 1978. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn und Walery Bykovski nach der Landung mit der Sojus 31
Das Lächeln täuscht: Die Rückkehr auf die Erde nach acht Tagen in der Schwerelosigkeit ist unsanft: Die Raumkapsel überschlägt sich mehrfach, Jähns Wirbelsäule wird verletzt und beschert ihm ein Rückenleiden. Doch davon darf die Öffentlichkeit damals nichts wissen. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn und Waleri Bykovski
Interview nach der Landung: Es folgt ein beispielloser Medien- und Starrummel nach dem Ausflug ins All: Die Begeisterung über das geglückte Weltraumabenteuer ist auch den Journalisten anzusehen, die die beiden Raumfahrer Jähn und Bykowski nach der Rückkehr aus dem Weltraum interviewen. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn - politisch genutzter Ruhm
Für die SED ist Jähn der perfekte Volksheld: Er ist der wandelnde Beweis dafür, dass man es im Arbeiter- und Bauernstaat als Sohn eines Arbeiters mit Fleiß bis ins All schafft. Mit ihm schmückt sich der Staat gern und ausdauernd, wie hier 1981 beim X. Parteitag der SED im Palast der Republik. Bildrechte: IMAGO
Kosmonaut Sigmund Jähn (Mitte, GDR) und Kosmonaut Waleri Bykowski (re., URS) während ihres Besuches im Armeemuseum in Dresden.
Auch fünf Jahre nach dem Flug ins All ist die Begeisterung für Jähn ungebrochen. 1983 besuchen Sigmund Jähn und Waleri Bykowski das Armeemusuem in Dresden. In dem Jahr gibt das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR auch das Buch: "Gemeinsam im Kosmos" heraus. Von Jähn signierte Exemplare werden für etwa 25 Euro angeboten. Bildrechte: IMAGO
Raumfahrtmuseum Morgenröthe Rautenkranz, 2011. Im Vordergrund ein MiG-Jagdflugzeug, das auch von Gagarin geflogen wurde.
Der Rummel um den Raumfahrer Jähn schwappte bis ins Vogtland: Jeder DDR-Bürger kannte nun den Geburtsort des Kosmonauten Morgenröthe-Rautenkranz und Neugierige pilgerten schon 1978 dorthin. Ein Jahr später eröffnete eine Raumfahrtausstellung. Seit 2007 gibt es sie in der jetzigen Form mit jährlich etwa 60.000 Besuchern. Bildrechte: dpa
Jugendliche betrachten den Raumanzug von Sigmund Jähn (1978 als Kosmonaut an Bord der sowjetischen Raumstation Salut 6 erster Deutscher im All) im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.
Jähns Raumfahrt ist auch ins "Haus der Geschichte" eingezogen: Der Raumanzug des ersten Deutschen im Weltall steht hier exemplarisch für die Geschichte des Kosmonauten aus dem Vogtland. Bildrechte: IMAGO
Sigmund Jähn
Sigmund Jähns Leben ist von der Raumfahrt geprägt: Auf Vorträgen, zu "langen Nächten der Wissenschaft", in Hörsälen spricht er über seinen legendären Flug, seine Ausbildung, sein Leben und sucht nach Worten für das, was die Menschen jeden Alters bis heute fasziniert: Wie sich die Schwerelosigkeit anfühlt. Im September 2019 stirbt er im Alter von 82 Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Vor seinem Haus am Strausberger See geht Sigmund Jähn, immerhin schon über 80, zum Schwimmen. Dort begegnet ihm ein Ruderer, der ihn als Held seiner Kindheit anspricht und dessen Huldigung Jähn mit seiner typisch verschmitzten Verlegenheit entgegen nimmt. Diese Auftaktsequenz bringt uns jenen Menschen bereits sehr nahe, der bis heute eine Identifikationsfigur für alle Ostdeutschen geblieben ist: der Sigmund, einer von uns.

Die Dokumentation erzählt das Leben dieses Mannes, der als Arbeiterkind aus dem sächsischen Morgenröthe-Rautenkranz erst Pionierleiter und Jagdflieger der NVA, dann erster Deutscher im All und schließlich unumstrittener Volksheld wurde. "Ich war reingewachsen in diese DDR. Die hat mich zum Flieger ausgebildet und in den Weltraum geschickt. Ich hab das in guter Erinnerung." Dazu gehört eine Kindheit mit einem strengen Vater, eine Militärkarriere bis zum Generalsrang, das unvergessliche Kosmos-Abenteuer, aber auch die Vereinnahmung durch den Staat und ein abrupter Bruch nach dem Mauerfall. Seltenes und überraschendes Archivmaterial lassen den Zuschauer eintauchen in die verschiedenen Lebensphasen des Menschen Jähn.

"Ich habe mich nie mit dem Gedanken befasst, einmal ein Volksheld zu sein." Nie wurde aus Sigmund Jähn ein abgehobener Star und später auch kein frustrierter Wendeverlierer. Er blieb der bescheidene Junge aus den Wäldern des Vogtlandes. Davon berichten Wegbegleiter wie sein ältester Schulfreund Lothar Quäck, sein Kosmonautenkamerad Eberhard Köllner und der westdeutsche Weltallpionier Ulf Merbold, ebenfalls ein Vogtländer und Freund. Sie erzählen in sehr persönlichen Aussagen von seiner Liebe zu Heimat und Natur, seinem unerschütterlichen Charakter, aber auch von seiner Zurückstellung des Privaten hinter die Pflichten des DDR-Staatsdieners.

Immer wieder unterbricht der Film die Etappen dieser Biografie und bewegt sich in Szenen der Gegenwart. Wir entdecken die vogtländischen Wälder seiner Jugend, man sieht Jähn in seinem Haus in Strausberg. Man trifft ihn bei der Gartenarbeit und beim Bewältigen seiner Fanpost und findet ihn umlagert bei einer Kosmos-Veranstaltung in Rostock und gegen Ende noch einmal beim Baden, wo ihm ein junger Sportschwimmer begeistert auf die Schulter klopft: "Schauen Sie in dieses glückliche Gesicht! Da braucht man nicht nach Asien zu fahren, um Buddha zu entdecken."

Das mehrstündige Interview mit Sigmund Jähn in seinem Haus in Strausberg war das letzte, das er gegeben hat. Er ist während der Produktion des Films im September 2019 überraschend verstorben. So endet unser Film bei der Trauerfeier in Jähns vogtländischem Heimatort, wo Freunde und Familie Abschied nehmen. Unter ihnen ist der Star der europäischen Raumfahrt Alexander Gerst: "Ich wünsch Dir eine gute Reise, mein Freund, und immer eine weiche Landung!"

Die Dokumentation über das Leben von Sigmund Jähn ist so auch zu einem Vermächtnis geworden!

Ein Film von Nicola Graef und Florian Huber