Do 08.04. 2021 22:10Uhr 29:30 min

artour

Das Kulturmagazin des MDR

Komplette Sendung

Thomas Bille 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 08.04.2021 22:10 22:40

Beiträge aus der Sendung

Beine stehen zwischen Nebel. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
* Helga Schuberts neues Buch "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten"
"Wenn eine Helga heißt, weiß man gleich, sie ist im Zweiten Weltkrieg oder davor geboren. Alle meine Vorgängerinnen und Nebenbuhlerinnen bei Männern und die Schriftstellerinnen meiner Generation hatten diesen Vornamen: Helga Königsdorf, Helga Novak, Helga Schütz." Das schreibt Helga Schubert in ihrer Erzählung "Vom Aufstehen". Es ist im Grunde die Beschreibung einer lebenslang anhaltenden schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Dafür bekam sie mit 80 Jahren, 2020, den Ingeborg-Bachmann-Preis und ist damit die älteste Preisträgerin dieser Veranstaltung. Vor 40 Jahren, also 1980, war sie schon einmal nach Klagenfurt eingeladen. Damals erlaubten ihr die DDR-Oberen die Teilnahme nicht. Wie wäre ihre Schriftstellerkarriere verlaufen, hätte sie damals schon gewonnen? Auf jeden Fall wäre sie bekannter gewesen, denn irgendwie stand sie immer im Schatten von DDR-Schriftstellerinnen wie Helga Schütz, Christa Wolf oder eben Helga Königsdorf.
Helga Schubert arbeitete 30 Jahre lang, bis 1987, als Psychotherapeutin, vorwiegend in der Erwachsenen-Therapie, und parallel dazu schrieb sie Erzählungen, arbeitet als Schriftstellerin - und das bis heute. Der Bachmannpreis war für sie nicht die späte Genugtuung, sagt sie, er war für sie Ermutigung, jetzt, 2021, wieder etwas zu veröffentlichen, ihr letztes Buch erschien 2003. Herausgekommen ist der Erzählband "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten" - und landete auf Platz 4 der Bestsellerlisten. Wir stellen die Autorin und das Buch vor.
Autor: Hans-Michael Marten

* Über Bestattungskultur in Zeiten von Corona
Warum krempelt ein 30jähriger sein Leben um, schmeißt seinen gutbezahlten Job als Musikmanager bekannter Rockgruppen hin, um was zu werden? Bestatter? Eine dieser farblosen Gestalten in schlechtsitzenden schwarzen Anzügen und ausgetretenen Schuhen, mit einem Gesichtsausdruck, der auf Magengeschwüre tippen lässt? Falsches Bild. Eric Wrede, den wir in seinem Bestattungsladen in Leipzig treffen, entspricht dem Slogan auf der Fensterscheibe seines Geschäfts - "lebensnah". Von der Statur eher Zehnkämpfer als Seelentröster, mit schwarzen Jeans und T-Shirt, ist er einer der unkonventionellsten Trauerbegleiter Deutschlands. Dass er vor acht Jahren von der Musikbranche in die Bestattungsbranche wechselte, hat mit einem Interview zu tun, das er zufällig auf einer Autobahnfahrt hörte. "Trauer-Pionier" Fritz Roth erzählte über den kommerzialisierten und teilweise seelenlosen Umgang mit Tod und Trauer in Deutschland, plädierte für mehr Gefühl als Geschäft, weniger Bürokratie und mehr Mitbestimmung der Angehörigen. Sein "Erweckungserlebnis" nennt Eric Wrede das Interview heute. Was ihn von Anfang an an diesem Beruf faszinierte? Die Chance, Angehörigen wieder eine Perspektive für ihr Leben zu geben. Nicht der Tod, das Leben ist sein Geschäft, nicht das Särgeverkaufen, sondern das Zeitnehmen. Über den Tod hat Eric Wrede inzwischen einen Bestseller geschrieben, mit Prominenten und Nichtprominenten spricht er in seinem Podcast bei Radio Eins über ihre Erfahrungen mit Verlusten von Familienangehörigen und Freunden, und er hat eine Zeitungskolumne zum Thema Trauer.
Gegen das Sterben kann ich nichts machen, sagt Eric Wrede, aber für einen guten Abschied sorgen schon.
Einen Tag lang waren wir mit dem Mann für die letzten Dinge unterwegs, haben erfahren, was zu einem "guten Abschied" gehört und wie Eric Wrede selbst "verabschiedet" werden will.
Autorin: Gabriele Denecke

* „Der Rausch" von Thomas Vinterberg
Es ist lange her, dass der Geschichtslehrer Martin seine Schüler für seinen Unterricht begeistern konnte. Seinen Freunden, die an derselben Schule unterrichten, geht es genauso. In „Der Rausch", dem neuen Film des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg, treffen wir auf vier Männer in der beginnenden Midlife-Krise in einer uns vertrauten Welt: mittelmäßig, langweilig und festgefahren. Inspiriert von der These eines norwegischen Psychiaters, ein konstanter Alkoholpegel beflügle die Menschen zu Bestleistungen, starten die Freunde einen Selbstversuch, der bald außer Kontrolle gerät. In dem Film „Der Rausch", mit einem herausragenden Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, lotet der Filmemacher die Wirkung von Alkohol aus - und das ist heiterer, als man vielleicht vermuten würde. Die Tragikomödie ist mit zwei Nominierungen in den Kategorien „Beste Regie" und „Bester Internationaler Film" Anwärter auf den diesjährigen Oscar.
Autorin: Denise Günther

* Howard Carpendale wurde 75 und schlägt ernste Töne an
Der Südafrikaner Howard Carpendale begann als Elvis-Imitator und Beat-Sänger. Dann kam "Das schöne Mädchen von Seite 1" und brachte ihm den ersten Platz beim Deutschen Schlager-Wettbewerb 1970. Über Jahrzehnte war er Liebling der Medien und der älteren Damen. 2003 gab er sein letztes Konzert, um dann aber 2007 den Rücktritt vom Rücktritt zu erklären und seitdem wieder aufzutreten. Jetzt denkt er auch über Apartheid, den Kapitalismus und das eigene Ende nach.
Autor: Andreas Krieger

Kulturkalender
* Theater Weimar: Wolfgang Borchert "Draußen vor der Tür" (Online - Version)
* Kunstsammlungen Zwickau: Ausstellung "Italiensehnsucht" (bis 30.05. vorerst nur online)
* "Tonsüchtig" -Dokfilm über Wiener Symphoniker
Autorin: Julia Ribbe


"artour" ist das Kulturmagazin für das MDR-Sendegebiet und für Ostdeutschland. "artour" wird in Rostock wie in Weimar geschaut, aber natürlich auch in Hamburg und München. Das Kulturmagazin mit Ostkompetenz greift Themen auf, die die Zuschauer bewegen.

Von Thälmann bis Theater, von der Kittelschürze bis zum Konzert, von der Off-Bühne bis zur Oper. Themen werden auch mal gegen den Strich gebürstet, egal, ob es sich um eine Kunstausstellung oder einen kulturpolitischen Skandal handelt.