Fr 30.07. 2021 02:30Uhr 44:30 min

Alfred Ledermann wurde als "schwuler Asozialer" am 12.7.1942 im KZ Sachsenhausen im Rahmen der "Aktion Klinker" im Alter von 20 Jahren ermordet.
Alfred Ledermann wurde als "schwuler Asozialer" am 12.7.1942 im KZ Sachsenhausen im Rahmen der "Aktion Klinker" im Alter von 20 Jahren ermordet. Bildrechte: MDR/HR
MDR FERNSEHEN Fr, 30.07.2021 02:30 03:15

Gemeinsam sind wir Vielfalt Der "Schwulen-Paragraf"

Der "Schwulen-Paragraf"

Geschichte einer Verfolgung

Film von Marco Giacopuzzi

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Bilder zur Sendung

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Ein Bild von Klaus Beer, im Hintergrund ein Bücherregal
Klaus Beer war Richter in Ulm und sprach sechs Urteile zum Paragraphen 175. Bildrechte: MDR/HR
Ein Bild von Klaus Beer, im Hintergrund ein Bücherregal
Klaus Beer war Richter in Ulm und sprach sechs Urteile zum Paragraphen 175. Bildrechte: MDR/HR
Karin Dauenheimer an einer Bushaltestelle
Karin Dauenheimer outete sich 1983 am Evangelischen Kirchentag in Dresden als lesbische Frau. Wegen Gruppenbildung wurde sie von der Stasi beobachtet. Bildrechte: MDR/HR
Ein Bild eines grünen Zettels. Auf ihm steht: Verbrechergruppe: § 175, anscheinendes 60, geb.: 25.3.1881
Verbrechergruppe: § 175. Erst 1994 wurde der Paragraph 175 im vereinten Deutschland endgültig abgeschafft. Bildrechte: MDR/HR
Günter Werner sitzend auf einem Sofa
Günter Werner war erst 16, als er mit einem amerikanischen Soldaten im Bett erwischt wurde: vier Wochen Jugendarrest in Einzelhaft wegen "widernatürlicher Unzucht": Sex mit einem Mann, zu dem es noch nicht einmal kam, weil die Polizei dem Spiel schon vorher ein Ende bereitete. Bildrechte: MDR/HR
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Man nannte sie "die 175er". Verhaftet wurden diese Männer schon mal direkt beim Liebesspiel, nicht selten am Arbeitsplatz oder die Polizei holte sie von zu Hause ab. Ein paar Stunden später saßen sie oft schon in Haft, die Kündigung vom Arbeitgeber ließ meist nicht lange auf sich warten. Ihr begangenes Verbrechen: einvernehmlicher Sex unter erwachsenen Männern. Damit verstießen sie gegen den Paragrafen 175. "Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts" begangen werde, sei mit Gefängnis zu bestrafen. So stand es zur Einführung des Paragrafen 1871 im Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches. Die Nazis verschärften ihn, erhöhten die Strafen. Viele landeten im Konzentrationslager.

Frei aber waren sie auch nach dem Krieg nicht. Die junge Bundesrepublik übernahm den Paragrafen 175 in seiner verschärften Form eins zu eins von den Nazis. Wer das KZ überlebt hatte, musste damit rechnen, erneut ins Gefängnis gesteckt zu werden, um die Reststrafe abzusitzen. Selbst das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1957, dass der Paragraf 175 mit dem Grundgesetz im Einklang stehe: Männer, die mit Männern Sex hatten, wurden in der Bundesrepublik weiterverfolgt. Nach Schätzungen des Justizministeriums wurde gegen 100.000 Männer ermittelt, 64.000 hat man verurteilt. Der Paragraf hat Leben zerstört, Existenzen vernichtet.

In diesem Film berichten Zeitzeugen davon. So wie der 80-jährige Hermann Landschreiber aus Gelnhausen, den die Polizei 1966 vom Postamt abgeführt hat, weil die Mutter seines Ex-Freundes ihn angeschwärzt hatte. Oder Günter Werner, der im katholischen Franken mit einem amerikanischen Soldaten in flagranti erwischt wurde und deshalb im Jugendarrest landete. Sie alle sprechen über ihre Verhaftung, den Knast, ihre Angst, erwischt zu werden oder erpressbar zu sein, aber auch über ihren Wunsch, trotzdem ein selbstbewusstes schwules Lebens zu führen. Sie lassen uns verstehen, wie lang und beschwerlich der Weg war von der damals verbotenen Sexualität und Heimlichkeit bis hin zur Schwulenehe heute. Wie sieht jemand wie Klaus Beer diese Entwicklung? Sechs Männer hat er als Richter wegen Verstoßes gegen Paragraf 175 verurteilt. Er setzt sich offen mit seiner beruflichen Vergangenheit auseinander. Wie dachte er damals, wie denkt er heute über diese Urteile?

Der Film führt auch in die ehemalige DDR, wo der Paragraf viel früher außer Kraft gesetzt und schon 1988 endgültig abgeschafft wurde. Lebten Männer liebende Männer oder lesbische Frauen in der DDR also angstfrei, weil ihr Sex nicht mehr strafbar war? Wann kamen sie trotzdem ins Visier der Staatsmacht? Wolfgang Schmidt war Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe in der Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit. Er gibt offen Auskunft, warum man sich dort mit den Schwulen- und Lesbengruppen beschäftigte. Die lesbische Aktivistin Karin Dauenheimer wurde Anfang der 80er Jahre observiert. Für den Film öffnet sie ihre Stasi-Akte. Frauen, die Frauen liebten, fielen nicht unter den Paragrafen 175, ihnen drohte also auch im Westen keine Strafverfolgung. Hatten sie deshalb wirklich ein sorgenfreieres Leben? Auch darauf findet der Film Antworten.

Marco Giacopuzzi geht mit großer Sensibilität auf seine Zeitzeugen zu. Sein Film zeigt eindrucksvoll, wie ein menschenverachtender Paragraf und brutale Diskriminierung das Leben unschuldiger Männer und auch Frauen zerstörte, und warum es so lange dauerte, bis § 175 aus der bundesdeutschen Rechtsprechung endlich verschwand. Erst 2017 beschloss die Bundesrepublik ein Gesetz zur Rehabilitierung aller Opfer des Paragrafen. Doch nur wenige trauten sich, einen Antrag zu stellen und die meisten waren ohnehin verstorben.

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