Polizisten bei einer Personenkontrolle
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Umschau | 29.08.2017 | 20:15 Uhr Faktencheck Ausländerkriminalität

Hat sich die Sicherheitslage in Mitteldeutschland verändert?

Kaum etwas verunsichert viele Menschen so sehr wie die Zuwanderung, auch in Mitteldeutschland. Aber ist diese Angst berechtigt? Am Beispiel von Leipzig haben wir uns die Fakten angesehen und mit Experten gesprochen.

Polizisten bei einer Personenkontrolle
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Nichts verunsichert die Deutschen gegenwärtig so sehr wie die Zuwanderung. Besonders groß ist dabei die Angst, der Zustrom von Flüchtlingen könne auch zu einem Anstieg der Kriminalität führen. Und nicht nur das, wie der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow feststellt: "Wenn man den Umfragen glauben darf, dann ist die Angst vor den Problemen durch den Flüchtlingszustrom und vor Terroranschlägen die Nummer eins der Angst bei den Deutschen. Andere Ängste, wie zum Beispiel ein Pflegefall im Alter zu werden, sind jetzt in den Hintergrund getreten."

Aber ist die Kriminalität tatsächlich angestiegen? Gibt es Zusammenhang zwischen Kriminalität und Asylbewerbern? Und wie berechtigt ist die Angst? Am Beispiel von Leipzig suchen wir nach Antworten auf diese Fragen.

Leipzig ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Zu den neuen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt zählen auch zahlreiche Ausländerinnen und Ausländer. Ihr Anteil machte 2016 rund neun Prozent der Gesamtbevölkerung aus. 2011 lag er noch unter fünf Prozent.

Ist Leipzig unsicherer geworden?

Andreas Loepki von der Polizeidirektion Leipzig
Andreas Loepki von der Polizeidirektion Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Frage kann Andreas Loepki von der Polizeidirektion nur bejahen: "Die polizeiliche Kriminalstatistik – die aktuellste, die vorliegt ist von 2016 – weist für Leipzig einen enormen Anstieg über die gesamte Kriminalität hinweg aus. Wir hatten im letzten Jahr 88 000 Fälle für die Stadt Leipzig zu verzeichnen gehabt. Der Anstieg, der von 2015, wo die Zahlen auch schon nicht gering waren, zu 2016 stattgefunden hat – 15 000 Fälle, wenn man es auf die Zahl bringt –  ist gewaltig und erstreckt sich mit wenigen Ausnahmen über nahezu alle Deliktsfelder."

Dennoch hält er Städte wie Leipzig, Hamburg oder Frankfurt am Main für sicher: "Leipzig hat sicher gewisse Probleme im Bereich der Kriminalität, da sprechen die Zahlen für sich. Aber vergleicht man das mit manch südamerikanischer Stadt, dann ist hier Friede, Freude, Eierkuchen."

der Leipziger Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke)
Leipzigs Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch der Leipziger Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) hält seine Stadt trotz des aktuellen Kriminalitätsanstiegs für sicher. Er kennt aber die Ängste der Bevölkerung: "Wir führen in regelmäßigen Abständen Umfragen zur Sicherheit bei den Leipzigern und Leipzigerinnen durch. 50 Prozent der Befragten benennen die Kriminalität als wichtigstes kommunalpolitisches Thema und sie benennen auch deutlich, dass sie in ihrem subjektiven Sicherheitsempfinden gestört sind." Gleichzeitig fühlten sich aber 90 Prozent der befragten in ihrem Viertel sicher. Welche Maßnahmen helfen, um die Kriminalität einzudämmen und das Sicherheitsgefühl zu stärken? Hier setzt Rosenthal auf Präsenz und Prävention: "Wir diskutieren sehr mit dem Freistaat Sachsen über die polizeiliche Präsenz in Leipzig und über die Ausweitung von Polizeirevieren in Leipzig. Wir selbst werden 20 neue Mitarbeiter im Stadtordnungsdienst einstellen, um die Präsenz zu erhöhen. Und wir wollen unseren Kommunalen Präventionsrat, unser Präventionsmittel, stärken, um dort mit neuen Ideen, Konzepten auch auf bestimmte Bereiche zu reagieren, wo die Leipziger und Leipzigerinnen auch sagen: 'Hier fühlen wir uns allein gelassen, hier muss mehr in der Prävention passieren.'"

Hängt das Wachstum der Kriminalität mit der gestiegenen Zahl von Asylbewerbern zusammen?

Polizisten bei einer Personenkontrolle
Besonders die Drogenkriminalität machen der Leipziger Polizei zu schaffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Leipziger Polizeisprecher Andreas Loepki betont: "Leipzig ist eine prosperierende Großstadt mit einem Zuwachs, der seinesgleichen sucht. Und das führt zwangsläufig zu einem Mehr an Kriminalität. Das liegt auf der Hand." Gleichzeitig bestätigt er aber, dass die Zahl der Mord- und Totschlagsdelikte stark zugenommen hat und die Ermittler in etwa 80 Prozent der Fälle einen Dolmetscher einsetzen müssten. Sorge bereitet der Polizei auch der verstärkte Einsatz von Waffen, vom Pfefferspray über Messer bis hin zu Schusswaffen. Auch in den Dealerszenen ist der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen sehr hoch: "Die Personen, die wir in diesem Bereich ermitteln sind vorrangig und zwar absolut vorrangig aus dem nordafrikanischen Raum."

Beim größten Anteil der Vergehen, den Eigentumsdelikten, lässt sich allerdings speziell nichtdeutsche Täterschaft ausmachen. Zudem gibt zahlreiche von Flüchtlingen begangene Delikte, die in die Statistik einfließen, obwohl sie ausschließlich von Flüchtlingen begangen werden können, insbesondere illegale Einreise und illegaler Aufenthalt. Diese Fälle fließen nicht bei allen Bundesländern ein, erklärt Andreas Loepki: "Das sind im Übrigen Delikte, die in anderen Bundesländern teilweise gar nicht verfolgt werden. In Sachsen kommen sie zur Anzeige und werden dann nach meinem Wissen später komplett eingestellt. Das heißt, sie sind ein statistischer Füller."

Furcht und Fakten: Wie berechtigt ist die Angst?

Zwar lässt sich sagen, dass die Kriminalität durch die Zuwanderung durchaus angestiegen ist und die Zahl der schweren Delikte und der Rauschgiftkriminalität zugenommen hat. Die Zahlen liefern aber keine Bestätigung dafür, dass sich die der 580.000 Leipziger stärker fürchten müssen, Opfer von Kriminalität zu werden, denn trotz des Anstiegs bleibt das Risiko vergleichsweise gering.

der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow
"Angst ist kein guter Statistiker", sagt der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch objektive Fakten haben nur selten einen Einfluss auf die subjektive Furcht, wie Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow erklärt: "Angst ist kein guter Statistiker. Wir sehen Gefahren, die neu sind und als unbeherrschbar erscheinen, statistisch viel häufiger als Dinge, die wir kennen. Und deswegen haben wir davor eben mehr Angst. Das könnte zum Beispiel ein neues Virus sein, aber natürlich ist auch die Angst durch Terroranschläge umzukommen – und das ist deutlich subjektiv. Menschen können einiges aushalten und haben sich an bestimmte Gefahren  eben gewöhnt, wie zum Beispiel, dass man durch einen Sportunfall umkommt, ist 9000 Mal pro Jahr in Deutschland und dennoch würden alle Leute weiter Sport betreiben."

Eine ähnliche Entwicklung erwartet er auch bei der aktuellen Angst vor Ausländerkriminalität: "Dieses subjektive Gefühl nimmt aber nach einer gewissen Zeit ab. Es nicht so, dass wir uns daran gewöhnen, sondern einfach die statistische Wahrscheinlichkeit wieder realistischer einschätzen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 29. August 2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2017, 22:22 Uhr