Der Hasseröder-Komplex in der Vogelperspektive.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umschau | 31.07.2018 | 20:15 Uhr Billigpreispolitik setzt mitteldeutschen Brauereien zu

Hasseröder kämpft seit Jahren gegen sinkende Absatzzahlen. Die Brauerei soll bekanntermaßen verkauft werden. Doch warum haben es beliebte Biermarken aus dem Osten eigentlich so schwer, sich auf dem Markt zu behaupten?

Der Hasseröder-Komplex in der Vogelperspektive.
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Hasseröder ist die fünftgrößte Brauerei in Deutschland. Das Bier aus Wernigerode ist das meistgetrunkene Bier im Osten. Doch ist die Zukunft des Unternehmens ungewiss. Der derzeitige Besitzer Anheuser-Busch InBev (AB Inbev) will es verkaufen. Besser gesagt, wollte es schon längst verkauft haben. Mitte des Jahres war für einen Eigentümerwechsel anvisisiert. Von den Verkaufplänen erfuhren die Miatrbeiter im Januar bei einer Betriebsversammlung. Doch Verhandlungen mit einem Interessenten, der Hasseröder am 1. Juli übernehmen sollte, sind nicht termingerecht zustande gekommen. Der Ausgang des Verkaufvorhabens ist weiterhin offen.

Für die Mitarbeiter ist das schlimm, weil sie ein sehr unsicheres Gefühl dabei entwickeln. Aber hier gibt jeder sein Bestes und möglicherweise auch sein Letztes, um diese Brauerei am Laufen zu halten.

Manfred Tessmann, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten

Hasseröder kämpft mit rückläufigem Umsatz

Ein Mann mit kurzen weißen Haaren und Brille spricht.
Volker Friedrich, stellvertretender Bürgermeister von Wernigerode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den 1990er-Jahren war das 1990 von der Gilde-Gruppe übernommene Hasseröder eine ostdeutsche Erfolgsmarke. Die Werbung vor diversen Sportübertragungen im Fernsehen war schon fast Kult. "Das war diese Zeit, wo das unheimlich abging. Jedes Jahr gingen die Produktionszahlen ab, wie eine Rakete. Und natürlich lief damals die ganze Geschichte mit Werbung" beschreibt Volker Friedrich, der stellvertretende Bürgermeister von Wernigerode, rückblickend die so erfolgreiche Zeit.

Ein älterer Herr mit Brille und blauem Hemd.
Mannfred Gessmann, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit 2003 gehört Hasseröder zum heutigen Anheuser-Busch-Konzern. Kurz darauf wurde auch das Werbe-Budget für das Traditionsunternehmen in Wernigerode gekappt. Hasseröder hat vielleicht nicht zuletzt auch deswegen seit einigen Jahren mit rückläufigem Umsatz zu kämpfen. Mit Rabattaktionen will das Management immer wieder gegen den Abwärtstrend ankämpfen. Zu großen Teilen wurden die Biere so zuletzt über Angebote verkauft - vor allem im Pilssegment. Die Brauerei konnte sich dennoch dem allgemeinen Trend des sinkenden Bierabsatzes eigenen Angaben zufolge nach mehreren Wachstumsjahren nicht mehr entziehen. Allein seit 2009 ist der Umsatz um ein Drittel eingebrochen.

Die ständigen Preisaktionen gewöhnen den Verbraucher daran, dass Bier ein Billig-Produkt ist, wie Zucker oder ähnliche Produkte. Die warten dann darauf, dass sie ihr Heimatbier, das Hasseröder, zu einem besonders günstigen Preis kriegen.

Manfred Gessmann, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten

Biergigant Anheuser-Busch Inbev wendet sich vom Osten ab

Anheuser-Busch Inbev ist die weltweit größte Brauerei-Gruppe. Zu ihr gehören unter anderem die deutschen Marken Beck's, Franziskaner und die spanische Marke Corana. Der Konzern verkauft in Deutschland eigenen Angaben zufolge jährlich rund neun Millionen Hektoliter Bier - was ungefähr 2,7 Milliarden 0,33-Liter-Flaschen entspricht. Anheuser-Busch InBev erklärte die Verkaufsabsichten mit dem Vorhaben, sich auf dem deutschen Markt auf die Weiterentwicklung der oben genannten Marken konzentrieren zu wollen.

Bier und Brauereien in Mitteldeutschland

Bis zur Wiedervereinigung dominierten in Mitteldeutschland Getränkekombinate die Produktion. Sie wurden privatisiert. Einige Brauereien wurden geschlossen. Welche Rollen spielen mitteldeutsche Brauereien als Absatzmarkt?

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Seit einigen Jahren steigt auch die Zahl der Brauereien in Mitteldeutschland wieder. Damit folgt die Region dem Deutschlandtrend. 2017 gab es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen insgesamt 137 Braustätten. Bildrechte: Grafik/MDR
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Seit einigen Jahren steigt auch die Zahl der Brauereien in Mitteldeutschland wieder. Damit folgt die Region dem Deutschlandtrend. 2017 gab es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen insgesamt 137 Braustätten. Bildrechte: Grafik/MDR
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16 Prozent der 85,4 Millionen Hektoliter Bier, die 2017 in Deutschland gebraut wurden, kamen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bildrechte: Grafik/MDR
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14 Prozent der 93,5 Hektoliter Bier, die 2017 in Deutschland verkauft wurden, gingen nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In den drei Bundesländern leben zehn Prozent der deutschen Bevölkerung. Bildrechte: Grafik/MDR
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1.492 Brauereien produzierten 2017 rund 85,4 Millionen Hektoliter Bier. Zwei Drittel kamen von den zehn größten Brauereigruppen im Land. Bildrechte: Grafik/MDR
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Jobs von Hasseröder in der Region in Gefahr

Ein Mann mit weißen kurzen Haaren trägt ein blaues kurzes Hemd und verschränkt die Arme.
Rainer Schulze, Buchhalter aus Wernigerode und Kaufinteressent von Hasseröder Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon im Januar sagte Stadtsprecher Tobias Kascha: "Für uns ist wichtig als Stadt, dass die Arbeitsplätze gesichert sind. Perspektivisch ist auch wichtig, dass der Standort Hasseröder Brauerei in Wernigerode gehalten wird. Das sind unsere beiden wichtigsten Prämissen an einen neuen Investor." Interessenten gibt es, die das umsetzen wollen. Etwa der Buchhändler Rainer Schulze aus Wernigerode, gemeinsam mit dem ehemaligen Chef der Brauerei, dem früheren Braumeister und externen Geldgebern. "Weil das für die Stadt Wernigerode eine gute Sache wäre, einerseits wegen der Arbeitsplätze, andererseits wegen eines Betriebes, der für eine Stadt, eine Region durchaus einen Identifikationswert hat", betont Schulze. "Sie haben mitgeteilt, dass sie unser Angebot berücksichtigen. Seitdem haben wir aber nichts mehr gehört", erklärt er etwas ernüchtert weiter.

Westeigentümer ließen ostdeutsche Brauereien sterben

Mit Hasseröder könnte die nächste Region im Osten ihre Heimatbrauerei verlieren, wenn der zukünftige Käufer doch die Produktion verlagern sollte. Das wäre kein Einzelfall. Das Brauereisterben in Ostdeutschland beginnt Anfang der 1990er-Jahre, oft betrieben von westdeutschen Braukonzernen.

1994 wird die Dessauer Brauerei vom Münchner Paulaner übernommen. Das Dessauer Castor-Pils wird dann aber in München gebraut. Auf dem Etikett prangt weiterhin "Dessauer Castor-Pils". 90 Mitarbeiter in Dessau haben so ihren Job verloren. Und auch das einstige Erfurter Traditionsbier Braugold wird nicht mehr in der Region, sondern seit 2010 in Braunschweig hergestellt und abgefüllt - nachdem die Produktionsstätte in Thüringen von dem neuen westdeutschen Besitzer heruntergewirtschaftet wurden. "Da sind klassische Management-Fehler gemacht worden. Braugold hätte so nicht enden müssen", erklärt Detlaf Projahn, Präsident vom Bundesverband Private Brauereien. Garley-Bräu traf es noch härter, die Produktion wurde nach wirtschaftlicher Schieflage ganz eingestellt.

Überall im Osten drücken zudem West-Brauereien ihre Biere in den Markt - auf Kosten ostdeutscher Traditionsmarken.  

So dass hier die Brauereien geschlossen wurden. Heute noch ist der Warenstrom so, dass viele Biere nach hier rüber transportiert werden, in die neuen Bundesländer. Aber der Warenstrom in die alten Länder nicht funktioniert.

Detlaf Projahn, Präsident Bundesverband Private Brauereien

Drei große Konzerne dominieren inzwischen das Biergeschäft im Osten: Inbev mit Hasseröder in Sachsen-Anhalt, Bitburger mit Köstritzer und Wernesgrüner in Thüringen und im Vogtland, und die Radeberger-Gruppe mit Radeberger, Sternburg, Ur-Krostitzer und Freiberger.

Überregionale Biere aus Mitteldeutschland - diese Konzerne stecken dahinter

Die großen Brauereien in Mitteldeutschland sind nicht mehr wirtschaftlich selbstständig, sondern gehören internationalen Konzernen an. Wem gehört also am Ende Ur-Krostitzer, Sternburger und Co?

Eine Flasche Hasseröder Bier
Hasseröder gehört zum weltgrößten Bierkonzern Anheuser-Busch InBev, mit Hauptsitz in Belgien. Neben der Traditionsbrauerei in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) gehören auch die Spaten-Franziskaner-Bräu in München (Marken: Spaten, Franziskaner Weissbier, Löwenbräu), die Brauerei Beck in Bremen (Beck’s, Haake-Beck) und Brauerei Diebels in Issum zu den deutschen Töchtern des Getränkekonzerns. 2.700 Mitarbeiter hat die Anheuser-Busch InBev in Deutschland, 260 davon bei Hasseröder. Laut "Barth-Report 2017" ist die Anheuser-Busch mit 31,4 Prozent Anteil an der Weltbierproduktion mit weitem Vorsprung die Nummer eins im Ranking der 40 größten Brauereigruppen der Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Flasche Hasseröder Bier
Hasseröder gehört zum weltgrößten Bierkonzern Anheuser-Busch InBev, mit Hauptsitz in Belgien. Neben der Traditionsbrauerei in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) gehören auch die Spaten-Franziskaner-Bräu in München (Marken: Spaten, Franziskaner Weissbier, Löwenbräu), die Brauerei Beck in Bremen (Beck’s, Haake-Beck) und Brauerei Diebels in Issum zu den deutschen Töchtern des Getränkekonzerns. 2.700 Mitarbeiter hat die Anheuser-Busch InBev in Deutschland, 260 davon bei Hasseröder. Laut "Barth-Report 2017" ist die Anheuser-Busch mit 31,4 Prozent Anteil an der Weltbierproduktion mit weitem Vorsprung die Nummer eins im Ranking der 40 größten Brauereigruppen der Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Vor dazugehörigen Bierkisten stehen jeweils eine Flasche Köstritzer und Wernesgrüner Bier.
Die Wernesgrüner Brauerei in Wernesgrün (Sachsen) und die Köstritzer Schwarzbierbrauerei in Bad Köstritz (Thüringen) gehören zur Bitburger Braugruppe mit Sitz in Bitburg in der Eifel. Zur Gruppe gehören auch die Bitburger Brauerei (Bitburger), König-Brauerei in Duisburg (König Pilsner) und Licher Privatbrauerei in Lich (Licher). Die Unternehmensgruppe beschäftigt rund 1.800 Mitarbeiter in Deutschland. Die Bitburger Braugruppe liegt im Ranking des "Barth Reports 2017" auf Platz 30 der 40 größten Brauereigruppen der Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Bierflaschen von Sternquell Plauen und Braustolz Chemnitz.
Die Brauereien Sternquell in Plauen und Braustolz in Chemnitz gehören zur Kulmbacher Brauerei AG. Diese wiederum ist Bestandteil der Paulaner Brauerei Gruppe in München. Das Braustolz-Bier wurde bis 2017 in Chemnitz gebraut. Danach wurde die hauseigene Brauerei geschlossen - und das Bier wird seither bei Sternquell in Plauen gebraut. Unter dem Dach der Paulaner Brauerei Gruppe werden am Standort Kulmbach etwa auch auch die Marken Kulmbacher, EKU, Mönchshof und Kapuziner geführt. Bundesweit beschäftigt die Paulaner Brauerei Gruppe rund 2.300 Mitarbeiter. "Barth-Report 2017": Platz 33. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bierflaschen von Sternburg, Radeberger, Freiberger und Urkrostitzer Bier.
Die Sternburg Brauerei in Leipzig, die Radeberger Exportbierbrauerei in Radeberg, das Freiberger Brauhaus in Freiberg (Sachsen) und die Krostitzer Brauerei in Krostitz (Ur-Krostitzer) gehören zur Radeberger Gruppe. Bis Juli 2002 firmierte die Unternehmung unter Binding-Gruppe bzw Oetker-Gruppe. Die Radeberger Gruppe hat in ganz Deutschland 14 Bier-Standorte. Zum Portfolio gehören rund 50 Marken. Neben den Bieren aus Sachsen sind das u.a. Jever, Rostocker, DAB, Berliner Pilsner, Schultheiss, Tucher, Schöfferhofer Clausthaler und Binding. Die Radeberger Gruppe beschäftigt rund 5.900 Mitarbeiter. Die Radeberger Gruppe belegt Platz 20 im "Barth-Report 2017". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bierflasche Oettinger
In der Gothaer Brauerei produziert die Oettinger-Gruppe Biere, die unter dem Markennamen "Oettinger - gebraut in Gotha" verkauft werden. Neben der Brauerei in Gotha lässt der Konzern an drei weiteren Standorten in Deutschland brauen: in Oettingen (Stammsitz), Braunschweig und Mönchengladbach. Der ostdeutsche Standort Schwerin wurde 2011 geschlossen. Die Brauereien haben eine Kapazität von zusammen rund zehn Mio. Hektolitern. Rund 1.400 Mitarbeiter beschäftigt Oettinger in Deutschland. Unter den 40 größten Brauereigruppen der Welt hat es die Oettinger-Gruppe im "Barth-Report 2017" auf den 24. Platz geschafft. Bildrechte: Oettinger
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Gegen den Globalisierungstrend: Vereinsbrauerei Apolda setzt auf Region

Ein Mann mit grauen kurzen Haaren und Brille lächelt.
Detlef Projahn, Geschäftsführer der Vereinsbrauerei Apolda Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2017 feierte die Vereinsbarauerei Apolda ihr 130-jähriges Bestehen. Mehr als 55 Mitarbeiter sind eigenen Angaben zufolge in dem Unternehmen beschäftigt, das sich selbst als zu "100 Prozent privat in Thüringen existierende Brauerei" beschreibt. Allein seit der Wende wurden 30 Millionen Euro in neue Anlagen investiert. Und das auf solider Basis. "Es ist alles bezahlt. Das ist auch wichtig. Wir haben solide gewirtschaftet. Vielleicht sind wir auch deshalb noch so erfolgreich am Markt", betont Geschäftsführer Detlef Projahn.

Das Unternehmen setzt bei der Verarbeitung auf Produkte aus der Region. "Bier ist Heimat und das ist auch ein Erfolgsfaktor" erklärt Projahn. 90 Prozent der Brau-Gerste stammten aus dem Weimarer Land, führt er weiter aus. Die Mälzerei in Erfurt, die Brauerei in Apolda - so werden Jobs in der Region gehalten und gesichert.

Dieser geschlossene regionale Kreislauf, das ist doch wichtig. Das honoriert auch der Verbraucher.

Detlef Projahn, Geschäftsführer Apoldaer Vereinsbrauerei

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 31. Juli 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2018, 14:53 Uhr