Umschau-Quicktipp | 18.07.2017 Brandgefahr durch Fassadendämmstoffe

Beim Brand des Londoner Grenfell Towers am 14. Juni 2017 starben 79 Menschen. Mindestens ebenso viele wurden verletzt, 120 Wohnungen brannten völlig aus. Vom zweiten Stock breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit über die frisch gedämmte Fassade bis zum Dach aus. Wir klären, ob so ein Szenario auch bei uns möglich ist.

Feuerwehr löscht Glutnester am Grenfell Tower in London
Bildrechte: IMAGO

Hauptbestandteil der in London verwendeten Fassadendämmung ist Polystyrol, besser bekannt unter dem Handelsnamen Styropor. Auch bei uns ist dieser Stoff massenhaft im Einsatz, denn er ist rund 30 Prozent preiswerter als andere Dämmstoffe mit vergleichbaren Eigenschaften.

Das Problem: Styropor wird aus Erdöl gemacht und ist brennbar. Deshalb wird es mit sogenannten Flammschutzmitteln wie Hexabromcyclododecan (HBDC) behandelt. Außerdem werdenFassadendämmungen mit Styropor noch mit einem äußerst schwer entflammbaren mineralischen Putz versehen. Das alles soll verhindern, dass die Fassade eines Hauses in Brand geraten kann.      

Trotzdem brennt es

Ein Bauarbeiter bringt eine Dämmplatte aus Styropor an einer Hauswand an.
Bildrechte: IMAGO

Bei einem Feuer ist es nur eine Frage der Zeit und der Intensität der Brandeinwirkung, bis eine Fassade aus Styropor in Flammen steht, wie der Brandschutzexperte Prof. Dr.-Ing. Michael Rost erklärt: "Wenn beispielsweise eine Mülltonne nur nahe genug am Haus steht und in Brand gerät oder gar ein Auto, dann haben Sie lange genug den entsprechenden Branddruck und die Fassade kann Feuer fangen." Brennt Styropor erst einmal, entsteht große Hitze, die dafür sorgt, dass sich der Brand schnell ausbreitet, auch über die ganze Hausfassade. Deutsche Bauvorschriften sind weltweit mit die strengsten und sollen dafür sorgen, dass so etwas nicht passiert.

Problem Fassadenbrand 

Breitet sich ein Feuer vertikal über die Fassade aus, dann haben gerade die Bewohner oberer Stockwerke kaum eine Chance zur Flucht. Während es unten  brennt und die Bewohner sich vielleicht noch schnell mit einem Sprung aus dem Fenster oder über die Treppe im Haus retten können, bleibt das Feuer in den oberen Etagen unter Umständen lange unbemerkt. Wenig später sind dann die Fluchtwege im Haus voll mit giftigem Qualm, während außen die Fassade brennt. Die Bewohner sitzen in der Falle.  

Brandschutzvorschriften bei Hochhäusern

Brandschutzvorschriften sollen Menschenleben retten. Sie sollen zum einen verhindern, dass es überhaupt brennt. Zum anderen sollen sie dazu beitragen, dass Menschen im Falle eines Brandes möglichst schnell entkommen können.

Wohn-Hochhaus im Berliner Hansaviertel.
Bildrechte: IMAGO

Bei Häusern mit maximal sieben Metern Höhe geht man davon aus, dass Menschen genügend Zeit zur Flucht haben. Deshalb wurde und wird hier  normal entflammbare Fassadendämmung verbaut. Ab sieben Metern Gebäudehöhe müssen mindestens schwer entflammbare Dämmsysteme eingesetzt werden. Dazu sind feuerfeste Fensterstürze oder umlaufende Brandriegel aus nichtbrennbaren Dämmstoffen Pflicht. Ab 22 Metern Höhe dürfen nur noch nichtbrennbare Dämmstoffe wie Stein- oder Glaswolle an die Fassade. Im Erdgeschossbereich sind zusätzlich Brandriegel vorgeschrieben, damit kein Feuer von einer Mülltonne auf die Fassade überspringen kann.

Experte fordert mehr Maßnahmen

Prof. Dr.-Ing. Michael Rost erklärt, warum Brandriegel im Erdgeschossbereich und Vorschriften, dass Mülltonnen mindestens drei Meter von der Hauswand entfernt aufgestellt werden müssen, nicht immer verhindern können, dass sich ein Feuer an der Fassade ausbreitet: "So ein Feuer kann durch ein in Brand geratenes Auto auf die Wand überspringen, ebenso kann das Feuer im Haus entstehen und aus dem Fenster regelrecht explodieren." Deswegen fordert der Experte eine nichtbrennbare Außendämmung schon ab dem Erdgeschoss. Und nicht nur das: "Wichtig wäre auch ein Brandriegel pro Geschoss und nicht nur für jede zweite Etage. Denn je größer die Fläche, desto größer die Hitzeentwicklung und die Chance, dass sich das Feuer nach oben ausbreitet." 

Neue Regelungen gelten nicht Bestandshäuser

Die Bauverordnungen zum Fassaden-Brandschutz gelten nur für Neubauten und bei einer Sanierung. "Bei Bestandsgebäuden, die schon vor Jahren gedämmt wurden sieht die Sache anders aus, da kann es unter ganz schlechten Umständen große Brände geben", warnt Prof. Rost. Auch die deutsche Berufsfeuerwehr fordert schärfere Brandschutzbestimmungen und eine Nachbesserung des Brandschutzes gerade an diesen Gebäuden. Ersatzvorschriften, wie etwa die sichere Abstellung von Mülltonnen oder die sogenannte Einhausung von gefährdeten Stoffen gehen da nicht weit genug.                              

Brandschutzvorschriften bei Einfamilienhäusern

Dämmplatten liegen vor dem eingerüsteten Rohbau eines Einfamilienhauses.
Bildrechte: IMAGO

Der Brand eines Hauses ist für die Bewohner immer ein traumatisches Erlebnis. Beim eigenen Haus kommen noch materielle Verluste und entsprechende Sorgen  hinzu. Für die Rettung der Bewohner spielen Fassadenbrände bei Ein- und Zweifamilienhäusern hingegen keine entscheidende Rolle. "Auch im ersten Stock eines Wohnhauses bekommen Sie sehr schnell mit, dass es unten oder draußen brennt und haben noch die Zeit, sich zu retten", erklärt der Brandschutzexperte. Deshalb gibt es für solche Häuser keine speziellen Dämmvorschriften. Die Bauherren können aber zwischen den verschiedenen Dämmsystemen wählen. Zwischen sechs und fünfunddreißig Euro pro Quadratmeter Hauswand liegt die Preisspanne bei Dämmmaterial. Besonders preiswert ist dabei Styropor, nachhaltig ist die Dämmung mit nachwachsenden Rohstoffen wie Hanf und wirklich feuersicher sind Glas- oder Steinwolle.

So sollten Sie dämmen

Nicht bei jedem alten Haus lohnt sich eine Dämmung der Außenwände. Lassen Sie sich hier am besten von firmenunabhängigen Bau-Experten beraten. Besonders im Innenbereich können Sie mit der richtigen Dämmung den Brandschutz sogar noch erhöhen, wenn Sie etwa alte Holz-Balken mit entsprechenden Materialien abdichten. Dämmen Sie nicht so preiswert, sondern so sinnvoll wie möglich. Der preiswerte Baustoff von heute ist in Deutschland oft der Sondermüll von morgen. Bester Beweis dafür ist das Hin- und Her bei der Entsorgung von Styroporplatten mit dem Feuerschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD). Sie durften im vergangenen Jahr nur noch teuer als Sondermüll entsorgt werden. Auf Druck der deutschen Bauindustrie ist diese Regelung inzwischen wieder ausgesetzt. Zur Verhütung eines Fassadenbrandes am Eigenheim, halten Sie alle Brandschutzregeln ein. Wirken Sie nicht mit offenem Feuer, wie zum Beispiel einem Gasbrenner gegen Unkraut, auf die Fassade ein. Autos, Mülltonnen und  leicht entzündliche Stoffe sollten immer möglichst weit weg vom Haus abgestellt werden. 

Fazit

Baufachleute und Feuerwehren sehen in Fassadendämmungen mit Styropor für Mehrfamilien- und Hochhäuser eine potentielle Gefahr. Zwar sind die Bauvorschriften in den letzten Jahren diesbezüglich strenger geworden. Dennoch scheint ein kompletter Verzicht auf brennbare Dämmelemente sinnvoll. Auch ältere gedämmte Häuser sollten diesbezüglich nachgerüstet werden. Ein Fassadenbrand wie in England ist auch bei uns nicht völlig ausgeschlossen.

Über dieses Thema berichtet auch MDR JUMP am Vormittag | 18.07.2017 | 9:20 Uhr
MDR UMSCHAU | 18.07.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2017, 22:21 Uhr