Umschau-Quicktipp | 18.02.2019 Glutenunverträglichkeit: Wenn Getreide krank macht

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MDR JUMP Mo 18.02.2019 10:45Uhr 01:16 min

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Eine Scheibe Roggenmischbrot, ein Glas Hefeweizen, ein Stück Kuchen – was für gesunde Menschen zu den tagtäglichen Lebensmitteln zählt, ist für Patienten mit Glutenunverträglichkeit ein absolutes Tabu. Sie bekommen beim Essen von Getreide-Produkten starke gesundheitliche Probleme – Bauchschmerzen und Durchfall sind die typischsten Symptome. Dagegen gibt es bislang keine Therapie, die Heilung verschafft. Mit einer speziellen Diät ist es aber möglich, dauerhaft ohne Beschwerden zu leben. Gluten ist ein Eiweiß, das in vielen Getreidesorten vorkommt. Es sorgt dafür, dass Teig die typische, klebrige Konsistenz bekommt und wird deshalb auch als "Klebereiweiß" bezeichnet. Praktisch alle Lebensmittel, die aus Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste und einigen weniger bekannten Getreidesorten hergestellt werden, enthalten Gluten.

Glutenunverträglichkeit ist genetisch bedingt

Geschäftsmann mit Bauchschmerzen, 2006
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Bei einer Zöliakie, wie die Glutenunverträglichkeit auch genannt wird, sorgt das Eiweiß Gluten dafür, dass sich die Schleimhaut im Dünndarm entzündet und Darmzotten zerstört werden. Dadurch kann die Nahrung im Dünndarm nicht mehr vollständig verdaut und die Nährstoffe nur noch teilweise aufgenommen werden. Die typischen Folgen: Mangelerscheinungen durch fehlende Nährstoffe, Bauchschmerzen, Durchfall, fettig-glänzender Stuhl bedingt durch die gestörte Fettverdauung oder Gewichtsverlust. Bei kleinen Kindern kommen häufig ein aufgeblähter Bauch, Erbrechen, Essensverweigerung sowie Schreianfälle dazu. "Typischerweise wird eine Glutenunverträglichkeit schon im jungen Alter diagnostiziert, es gibt aber auch Menschen, die erst im Rentenalter so viele Symptome entwickeln, dass sie sich dann doch noch untersuchen lassen", sagt Ernährungsberaterin Nicole Lins aus Magdeburg. Noch ist nicht geklärt, ob es sich bei der Glutenunverträglichkeit um eine Allergie oder eine Autoimmunerkrankung handelt, weil sie Merkmale von beidem aufweist. Klar ist jedoch, dass nur Menschen mit einer genetischen Veranlagung an Zöliakie erkranken können. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse litt im Jahr 2016 etwa 1 Prozent der Deutschen unter Glutenunverträglichkeit. Experten schätzen, dass bis zu 40 Prozent der Bevölkerung die genetische Veranlagung in sich tragen und damit ein dreifach höheres Risiko für die Entstehung einer Zöliakie haben.

Einzige Chance: Auf glutenhaltige Lebensmittel verzichten

Die Glutenunverträglichkeit wird meist in zwei Schritten nachgewiesen. Zunächst liefert ein Antikörpertest des Bluts erste Erkenntnisse, anschließend wird bei einer Magenspiegelung Gewebe des Dünndarms entnommen und untersucht. Wenn der Patient sich bis dahin glutenhaltig ernährt hat, sind im Fall einer Zöliakie die Veränderungen am Dünndarm erkennbar. Wird die Erkrankung diagnostiziert, ist das eine lebenslange Diagnose. Es gibt kein Medikament und keine Therapie, die Heilung verschaffen. Einzige Möglichkeit für Betroffene, ohne Beschwerden zu leben, ist deshalb, strikt auf glutenhaltige Lebensmittel zu verzichten. "Es reicht nicht, ein bisschen weniger davon zu essen und dann gehen die Beschwerden weg. Schon kleinste Mengen an Gluten reichen aus, um den Darm zu schädigen", erklärt Nicole Lins. "Es reicht schon aus, wenn zum Brotschneiden das gleiche Brettchen oder das gleiche Messer benutzt wird. Wenn Krümelchen von glutenhaltigem Brot gegessen werden, führt das schon zu Beschwerden", ergänzt Ernährungsberaterin Susanne Bilz aus Dresden.

Ernährungsumstellung vom Profi begleiten lassen

Die Umstellung auf eine streng glutenfreie Diät ist zunächst schwierig, weil viele Lebensmittel glutenhaltige Anteile enthalten, in denen man diese auf Anhieb nicht vermuten würde. So ist das genaue Studium der Zutatenliste beispielsweise bei Fertiggerichten oder Produkten, die stark verarbeitet wurden, angeraten. Wird eine Zöliakie diagnostiziert, bezahlen die Krankenkassen in der Regel Ernährungsberatungen bei zertifizierten Profis zu 80 bis 100 Prozent. "Den meisten Patienten fällt es natürlich erst einmal schwer, die Ernährung komplett umzustellen, und glutenfreie Produkte schmecken anders, als man es gewöhnt ist. Aber ein Betroffener, dem es vorher ganz schlecht ging und dem es durch die glutenfreie Ernährung stetig besser geht, der ist auch motiviert, dran zu bleiben", sagt Nicole Lins. Meist bessert sich das Befinden bereits binnen zwei Wochen, und die Entzündung der Darmschleimhaut geht im Lauf der Zeit komplett zurück.

Glutengehalt von Nahrungsmitteln

Generell glutenfrei sind unter anderem folgende Getreide- und Mehlsorten:

  • Hafer
  • Mais
  • Reis
  • Hirse
  • Buchweizen
  • Amaranth
  • Quinoa
  • Mehle aus Hülsenfrüchten und Nüssen

Getreide
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Wichtig ist jedoch, dass diese Lebensmittel nicht durch andere Getreidesorten kontaminiert sind, beispielsweise, weil sie in einer Fabrik hergestellt wurden, in der auch glutenhaltige Lebensmittel produziert werden. "Seit einiger Zeit gibt es den glutenfreien Hafer, der wirklich nicht kontaminiert ist mit anderen Getreidesorten. Das ist ganz toll für Zöliakie-Patienten, weil Hafer viele wichtige Nährstoffe enthält, die sonst schwer zu bekommen sind mit glutenhaltiger Ernährung", sagt Susanne Bilz. Mangelerscheinungen durch glutenfreie Ernährung können bei Eisen, B-Vitaminen oder Ballaststoffen auftreten, jedoch durch eine ausgewogene Ernährung weitestgehend vermieden werden. Auch deshalb raten Ernährungsberater dringend davon ab, sich ohne diagnostizierte Zöliakie glutenfrei zu ernähren. "Das ist völlig unnötig, kann zu Mangelerscheinungen führen und ist auch noch teurer, als sich ganz normal zu ernähren", so Susanne Bilz.

Herausforderungen im Alltag

Sich glutenfrei zu ernähren, ist heutzutage viel einfacher als noch vor einigen Jahren. In fast jedem Supermarkt gibt es spezielle glutenfreie Lebensmittel, darunter auch Brot oder andere Backwaren. Sie werden direkt als "glutenfrei" beworben oder tragen das Symbol einer durchgestrichenen Ähre auf der Verpackung. Zudem ist die Kennzeichnung von glutenhaltigem Getreide als Inhaltsstoff in Lebensmitteln seit November 2005 für die Industrie verpflichtend. "Schwierig ist jedoch, dass es sich die Hersteller einfach machen und bei vielen Produkten draufschreiben: 'Kann Spuren von Gluten enthalten', obwohl da vielleicht überhaupt nichts drin ist. Aber Zöliakie-Patienten dürfen das dann vorsichtshalber trotzdem nicht essen", beschreibt Nicole Lins ein Problem aus dem Alltag. Besonders schwierig ist es im Restaurant oder auf Reisen, sich strikt glutenfrei zu ernähren. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft bietet mittlerweile Informationen zu Hotels und Gaststätten, die auf glutenfreie Ernährung spezialisiert sind und Reiseinformationen für viele Länder.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 18. Februar 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 00:10 Uhr