Umschau-Quicktipp | 03.04.2018 Kurzzeitversicherungen: Wie gut ist der schnelle Schutz für wenige Euro?

Ohne großen Papierkram für ein paar Euro den Urlaub, den Sport, die Probefahrt oder die Busreise absichern: Das geht mit so genannten Kurzzeitversicherungen. Die können Kunden bei immer mehr Versicherungen über Apps oder online abschließen. Das geht dann sogar noch auf der Fahrt zum Festival oder in den Urlaub. Aus Sicht von Verbraucherschützern bieten die Policen aber nur einen sehr beschränkten Schutz.

Keine Lust auf Aufwand

Zahlreiche Versicherer haben entdeckt, dass sie mit der kurzfristigen Absicherung übers Smartphone neue Kunden gewinnen können. „Das sind häufig Jüngere, die auf Beratung verzichten, weil sie sich im Internet schon selbst schlau gemacht haben. Die wollen dann auch eine kurze Versicherung ohne großen Aufwand und über einen schnellen Weg“, sagt Martin Müller, Experte für Digitalisierung bei Versicherungen aus Köln. Für die Kurzzeit-Policen schließen sich App-Entwickler wie SituatiVe oder Telekom und etablierte große Versicherer wie Die Bayerische, Allianz oder Axa zusammen.

App runterladen, Versicherung anklicken, fertig

Die Versicherungs-Apps kann man kostenlos auf Smartphones oder Tablets mit den Betriebssystemen iOS und Android herunterladen. Dann werden die persönlichen Daten eingegeben, der passende Schutz und die gewünschte Zahl von Versicherungstagen angeklickt. Der Schutz startet sofort, eine Bestätigungsmail oder ein Schreiben vom Versicherer ist nicht nötig. Der schickt in der Regel die Versicherungsbedingungen noch nachträglich per E-Mail aufs Handy. Der Vertrag gilt auch, wenn die App vom Ausland aus genutzt wird. Kündigen müssen Nutzer in der Regel nicht. Die Versicherung verliert wie gewünscht nach einem oder mehreren Tage ihre Gültigkeit. Bezahlt wird in der Regel über die Handyrechnung. Auch Zahlungen über PayPal oder Kreditkarte sind bei den Anbietern möglich.

Anbieter App Versicherung Kosten ab…
SituatiVe (mit ARAG, Bayerische und andere) AppSichern (iOS, Android) Unfallschutz für Schüler:



Unfälle während einer schulischen Veranstaltung sind bis zu 50.000 € abgesichert.
1,49 €/Tag
SituatiVe (mit ARAG, Bayerische und andere) AppSichern (iOS, Android) Auslandsreisekrankenversicherung:



Krankenversicherung für den Urlaub
7,50 €/Tag
SituatiVe (mit ARAG, Bayerische und andere) AppSichern (iOS, Android) Busreiseschutz:



Gepäck wird gegen Diebstahl abgesichert
2,49 €/Tag
Die Baeyrische und SituatiVe SafeNow (iOS, Android) Mietwagenschutz:



Selbstbeteiligung wird übernommen
4,99 €/Tag
Allianz und Telekom Smartphone- und Tablet-Versicherung (iOS, Android) Handyschutz:



Übernimmt Kosten bei Sturz- und Elektronikschäden, Ersatzgerät
3,95 €/Tag
Axa Smartschutz von Axa (iOS, Android) Handyschutz:



Übernimmt Kosten bei Sturz- und Elektronikschäden oder Einbruch, Ersatzgerät
5,99 €/Tag
Barmenia Unfallversicherung Trainer-Schutz (keine App) Unfallschutz für Smartphonenutzer:



Übernimmt Kosten bei Invalidität bis 35.000 €
35 €/Jahr

Sehr begrenzte Leistungen

Aus Sicht von Verbraucherschützern und Versicherungsexperten sind die Kurzzeitversicherungen maximal eine Notlösung. Etwa, wenn der Nutzer schon auf dem Weg in den Urlaub und keine Zeit mehr für den Abschluss einer regulären Police ist. Häufig enthalten die App-Tarife nur einen Teil der Leistungen, die Nutzer über eine herkömmliche Police bekommen würden. So seien etwa bei Unfallversicherungen für den Schulausflug oder den Winterurlaub die Summen für den Fall einer Invalidität viel zu niedrig. Das kritisiert Finanztest in einem aktuellen Test (Heft 1/2018). Ähnlich sieht das auch Hermann-Josef Tenhagen vom unabhängigen Verbrauchermagazin Finanztip: „Dann bekomme ich bei einem bleibenden schweren Schaden maximal 50.000 Euro und das reicht hinten und vorn nicht. Eine ordentliche Unfallversicherung würde 200.000, 300.000, 500.000 Euro zahlen.“ Zudem sei der Versicherungsrahmen oft auch zeitlich sehr eng gefasst: Verletzten sich Kunden nach dem Konzert, Wiesnbesuch oder Sportereignis, besteht oft schon kein Versicherungsschutz mehr. Anders als branchenüblich zahlen viele Versicherer in der Regel auch keine lebenslange Rente, wenn man nach einem Unfall nicht mehr voll oder gar nicht mehr arbeiten kann.

Genaue Leistungen stehen nur im Kleingedruckten

Bei Reise-Krankenversicherungen über Apps wird oft nur ein Teil der Kosten für den Rücktransport nach Deutschland übernommen. Dann ist meist auch nur der „medizinisch notwendige“ Krankenrücktransport versichert. Auch würde nur dann gezahlt, wenn im Ausland nicht operiert werden kann und der Versicherte in Gefahr ist. Besser sollte die Klausel lauten: „medizinisch sinnvoll und vertretbar“. In diesem Fall haben Versicherte beim Thema Rücktransport ein Mitspracherecht und sind nicht nur auf den ausländischen Arzt angewiesen. Zusätzlich gelten einige Versicherungen nur für einen Urlaub in der EU und nicht für weiter entfernte Ziele. Diese im Ernstfall sehr wichtigen Einschränkungen stehen oft aber nur im Kleingedruckten. Das müssen Nutzer entweder mühsam über den Smartphone-Bildschirm lesen oder nachträglich in der E-Mail vom Versicherer kontrollieren. „Die haben sie meist natürlich nicht gelesen“, sagt Finanztip-Experte Tenhagen.

Doppelt versichert?

Hermann-Josef Tenhagen rät dazu, vor dem Abschluss auch nochmal zu überlegen, welche regulären Policen schon abgeschlossen wurden. Oft sei der Abschluss einer zusätzlichen Versicherung etwa fürs Fliegen mit der Drohne unnötig. „Wenn man eine alte, normale Haftpflicht hat, dann würde die zum Beispiel den mit einer Drohne angerichteten Schaden vielleicht mit tragen. Die trägt erstmal alles, was nicht explizit ausgeschlossen ist“, sagt Hermann-Josef Tenhagen. „Viele wissen gar nicht, was sie an Versicherungen sowieso schon haben. Die holen sie sich dann nochmal über die Apps“, sagt Dr. Dietmar Kottmann, Versicherungsexperte beim Strategieberatungsunternehmen Oliver Wyman. Er nennt als Beispiel die Mietwagenversicherung, die in den Apps als Kurzzeit-Variante angeboten wird. Die Mietwagen-Police ist aber bei vielen Kreditkarten schon dabei und greift, wenn das Auto mit der Karte bezahlt wurde.

Vergleichsweise teuer

Die Bequemlichkeit beim Abschluss erkaufen sich Versicherte nicht nur mit eingeschränkten Leistungen. Die App-Policen sind zudem recht teuer, auch wenn Preise von drei, vier Euro pro Tag beim ersten Hinschauen recht günstig wirken. „Solche Policen über eine App sind meist Spontankäufe und da vergleicht keiner die Preise und auch nicht die Leistungen“, sagt Martin Müller. „Das schließe ich spontan ab, weil ich mich freue, weil ich gerade auf dem Weg in den Urlaub bin oder ein neues, schickes Smartphone gekauft habe“, sagt Dietmar Kottmann. Zum Vergleich: Eine leistungsstarke Unfallversicherung gebe es für ein ganzes Jahr aber schon für 70 Euro. Reisekrankenversicherungen übers Smartphone kosten für zwei Tage Urlaub schon 15 Euro. Für diesen Betrag gibt es bereits eine gute herkömmliche Police fürs ganze Jahr. Drei Euro pro Tag sollen Drohnen-Policen kosten. Sehr gute Haftpflicht-Versicherungen gibt es laut Stiftung Warentest schon für fünfzig Euro im Jahr.

Fazit

Aufgrund der hohen Kosten und den Lücken bei den Leistungen empfehlen unsere Experten die Kurzzeit-Policen über App wenn überhaupt nur als Notfall-Lösung. Den umfassenden Schutz durch eine herkömmliche Versicherung können sie nicht ersetzen.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 03. April 2018 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2018, 10:31 Uhr