Umschau-Quicktipp | 04.06.2018 Wie sinnvoll sind Sensitiv-Produkte?

Bis zu 20 Prozent der Deutschen leiden unter einer Kontaktallergie. Das schätzt der deutsche Allergie- und Asthmabund. Wer glaubt, sich mit Sensitiv-Produkten vor dem Entstehen und den Folgen einer solchen Allergie schützen zu können, der irrt. Auch Sensitiv-Produkte können empfindliche Haut erheblich belasten. Wir sagen Ihnen, worauf Sie beim Kauf achten müssen. 

Das Problem von Kosmetikprodukten

Die Produkte sollen pflegen. Das ermöglichen künstliche und natürliche Bestandteile. Daneben sollen sie aber auch noch gut riechen und möglichst lange haltbar sein. Und das erreichen die Hersteller mit Duft- und Konservierungsstoffen. Dabei greifen die Hersteller zum Teil zu drastischen Stoffen wie Fungiziden und Bioziden. Das sind Mittel, die alles angreifen, was nach Pilz oder anderem organischen Leben aussieht - Mikroben und Bakterien etwa. Die Verwendung von Kosmetikprodukten mit solchen Inhaltsstoffen direkt auf der Haut, besonders auf empfindlichen Stellen, kann derart reizen, dass der Verwender eine Allergie gegen diese Art Duft und Konservierungsstoffe entwickelt.

Nachfrage wächst

Laut einer Schätzung deutscher Dermatologen hat gut jeder Zweite eine empfindliche Haut. Das heißt nicht unbedingt, dass man eine Allergie hat. Zumindest die Neigung dazu ist jedoch vorhanden. Vor allem diese Menschen greifen zu Produkten, die besonders schonend reinigen und pflegen sollen, zu Sensitiv-Produkten. Aber auch Menschen ohne Allergieneigungen greifen aufgrund der offerierten speziellen hautfreundlichen Wirk- und Duftstoffe gern zu diesen Produkten. Die Kosmetikindustrie freut sich und verkauft solche Produkte in großer Vielfalt und großen Mengen. Über 150 verschiedene Sensitiv-Produkte gibt es allein in Supermärkten und Discountern.

Der Irrtum

Der Begriff "sensitiv" ist nicht durch eine Norm oder Verordnung geschützt. Um ein Produkt so zu bezeichnen, reicht es dem Hersteller, wenn er das Produkt an Menschen testet, die nach eigener Aussage eine empfindliche Haut  haben. Und sensitiv bedeutet auch nicht, dass keine Duft- oder Konservierungsstoffe enthalten sind. Die Chemikerin Dr. Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen beschreibt das so: „Manche Hersteller schreiben sensitiv drauf, wenn sie dem ursprünglichen Produkt ein bisschen Aloe oder Kamille zugefügt haben. Bei anderen ist im Deo kein Aluminium oder Alkohol. Das berührt aber den Rest der Inhaltstoffe nicht.“ 

Chemiker
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Ähnlich bedeutungslos sind Bezeichnungen wie „dermatologisch getestet“ oder „von Dermatologen empfohlen“. Dazu unsere Expertin: „Solche Bezeichnungen besagen lediglich, dass an irgendeiner Stelle der Entwicklung und Prüfung des Produktes ein Dermatologe anwesend war. Was der dabei gemacht oder geprüft hat, das ist weder nachweisbar, noch wird das von irgendwelchen Stellen gefordert. Rechtliche Vorschriften gibt es dazu nicht.“ Das heißt: Weder „sensitiv“ noch „dermatologisch getestet“ sind Garantien, dass im jeweiligen Produkt keine kritischen Stoffe enthalten sind.  

Die kritischen Stoffe

Konservierungsstoffe wie Isothiazolinone sind in vielen Sensitiv-Produkten wie zum Beispiel Shampoos enthalten. "Isothiazolinone sind aber dafür bekannt, dass sie Kontaktallergien auslösen können. Deshalb passen die überhaupt nicht zum Begriff sensitiv und sollten in diesen Shampoos nicht enthalten sein“, warnt Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale. Diese Isothiazolinone sind im Moment auch nur noch in ausspülbaren Produkten enthalten, welche nur eine sehr kurze Zeit auf der Haut bleiben. Hersteller versichern, nur laut EU-Kosmetikverordnung zulässige Mengen zu verwenden. Bei einer entsprechenden  Allergie auf so ein Biozid kann aber auch schon eine kurze Kontaktzeit ausreichend, um gesundheitliche Probleme, wie Hautauschlag oder Atembeschwerden auszulösen. Künstliche Duftstoffe wie Lilial oder Lyral, die unter anderem bei Reinigungstüchern oder Hautcremes verwendet werden, stehen im Verdacht, die Fortpflanzung zu beeinflussen, Allergien auszulösen und das Erbgut zu verändern. Tierversuche lassen das vermuten. Allerdings können Ergebnisse aus diesen Versuchen nicht immer eins zu eins auf Menschen übertragen werden. Einige als gefährliche eingestufte Stoffe dürfen laut EU-Verordnungen nur noch bis 2021 verwendet werden. Manche Hersteller verwenden sie schon jetzt nicht mehr, andere nutzen den Zeitrahmen voll aus. Und das kann auch bei Sensitiv-Produkten der Fall sein."Bevor ein Verbot kommt, gibt es eine lange Vorlaufphase mit wissenschaftlichen Gutachten. Dass der Maiglöckchen-Duftstoff Lilial zu Allergien führt, ist schon seit Jahren bekannt. Die Hersteller hätten schon längst reagieren können", kritisiert die Verbraucherschützerin.

Problem Kontaktallergie

Menschen mit empfindlicher Haut können sich über die problematischen Inhaltsstoffe der Kosmetik sensibilisieren, das heißt, eine Allergie entwickeln. Wer das weiß, meidet die entsprechende Kosmetik. Ganz einfach, könnte man meinen. Oder auch nicht: „Diese Konservierungsstoffe wie zum Beispiel Isothiazolinone sind eben auch in Wandfarben oder andern Produkten im Haushalt vorhanden und verarbeitet. Wir kennen Fälle, da mussten Leute, die sich mit der Kosmetik sensibilisiert hatten, später aus ihrer frisch renovierten Wohnung ausziehen“, sagt Dr. Etzenbach-Effers. Und eine Kontaktallergie bleibt nach aktuellem Forschungsstand ein Leben lang. Sie können sich dagegen nicht wieder desensibilisieren.   

Das können Sie kaufen

Bürste und Seife
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Um Ihre Haut wirklich nicht mit problematischen Duft- oder Konservierungsstoffen zu belasten, rät unsere Expertin: „Verwenden Sie nur Basics, also zum Beispiel reine Seife. Keine Lotion, keine Cremes. Vermeiden Sie möglichst alles, was Wasser enthält. Dort sind oft Konservierungsstoffe  zugesetzt. Greifen Sie lieber auf reine Öle und ganz allgemein auf zertifizierte Naturkosmetik zurück.“ Aber Achtung: Auch natürliche Duftstoffe können Allergien auslösen. Das finden Sie mit Ihrem Hautarzt raus und können die entsprechenden Stoffe dann meiden. Ausgewiesene Ökoprodukte für Allergiker sind eine weitere Möglichkeit für eine schonende Kosmetik.   

Fazit

Vertrauen Sie besonders bei empfindlicher Haut und der Neigung zu Allergien nicht einfach auf vielversprechende Aufschriften von Sensitiv-Produkten. Auch ob ein Produkt sehr teuer oder ein Markenartikel ist, sagt nichts über seine Hautfreundlichkeit aus. Achten Sie auf mögliche allergieauslösende Konservierungs- und Duftstoffe. Im Zweifel greifen Sie zu speziellen Produkten für Allergiker oder aus der Naturkosmetik.    

Diese Konservierungsstoffe lösen Allergien aus

  • Methylchloroisothiazolinone
  • Iodopropynyl Butylcarbamat
  • DMDM Hydantoin (Formaldehydabspalter)
  • Imidazolidinyl (Formaldehydabspalter)

Diese Duftstoffe können Allergien auslösen

26 Duftstoffe gelten als allergieauslösend und müssen deshalb laut Kosmetikverordnung auf der Liste der Inhaltsstoffe extra aufgeführt werden:

  • Cinnamal
  • Isoeugenol
  • Evernia Prunastri Extract
  • Evernia Furfuracea Extract
  • Cinnamyl Alcohol
  • Hydroxycitronellal
  • Hydroxyisohexyl 3-Cyclohexene Carboxaldehyd
  • Amyl Cinnamal
  • Citral
  • Eugenol
  • Farnesol
  • Butylphenyl Methylpropional
  • Methyl 2-Octynoate
  • Anise Alcohol
  • Benzyl Cinnamate
  • Linalool
  • Benzyl Benzoate
  • Citronellol
  • Hexyl Cinnamal
  • Limonene
  • Alpha-Isomethylionone
  • Benzyl Alcohol
  • Amylcinnamyl Alcohol
  • Benzyl Salicylate
  • Coumarin
  • Geraniol

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 04. Juni 2018 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2018, 09:46 Uhr