Umschau-Quicktipp | 24.01.2018 Jetzt noch auf Erdgasautos setzen?

Die Erdgastechnologie ist alt und simpel. Man nehme einen Benzin-Verbrennungsmotor, modifiziere einige Einstellungen an der Steuerung und Einspritzung und schon läuft der Motor neben Benzin auch noch mit CNG, also Compressed Natural Gas. Das ist bis zu 40 Prozent günstiger als Diesel oder gar Benzin. Fährt der Motor mit zwei Antriebsstoffen, also Benzin und Erdgas, wird das richtig günstig. In der richtigen Kombination schafft das Auto je nach Fahrzeug und Tankgröße eine Reichweite von bis zu 1.000 Kilometern. Die großen Autobauer könnten so die EU-Abgasziele schaffen und hätten außerdem Zeit für die bisher verschlafene Entwicklung wirklich effizienter und preiswerter E-Autos.

Wirklich sauberer?

Fahren mit Erdgas schont auf den ersten Blick die Umwelt. Schließlich enthalten die Emissionen bis zu 25 Prozent weniger Kohlendioxid und fast 96 Prozent weniger Stickoxide als Dieselabgase. Außerdem ist der Treibstoff Erdgas an sich effizienter. Doch der Autoexperte Andreas Keßler schränkt ein: "Sie müssen beim Kauf eines Erdgasautos den gesamten ökologischen Fußabdruck beachten. Ist Ihr aktuelles Auto noch in Ordnung und Sie lassen es nur wegen der Prämie verschrotten und  kaufen ein CNG-Auto, dann ist das ökologischer Unsinn." Denn der Bau und die Entsorgung eines Autos belasten die Umwelt ungleich mehr als schlechte Abgaswerte. Mit anderen Worten: Ist Ihr altes Auto noch in Ordnung, dann lassen Sie es nicht verschrotten. Brauchen Sie dagegen sowieso ein neues  Auto, dann ist Erdgas eine sinnvolle Alternative zu Benzin und Diesel.

Kaum Tankstellen

Derzeit sollen zwischen 80.000 und 100.000 Erdgas-Autos in Deutschland angemeldet sein. Für sie gibt es bundesweit knapp 1.000 Tankstellen. Das ist nicht viel. Suchen Sie beispielsweise in der Gegend um Zittau oder Görlitz eine Erdgastankstelle, gehen Sie komplett leer aus. Dazu unser Experte: "Bei einer Reichweite mit Gastank von etwa 500 Kilometern und täglichen Arbeitswegen kommen Sie da mit Erdgas allein nicht weiter. In solchen Regionen lohnt sich so ein Auto überhaupt nicht." Gleiches gilt für weite Landstriche in Thüringen oder dem Harz. Die Mineralölkonzerne und Autobauer versprechen einen Ausbau des Tanknetzes bis auf 2.000 Stück im Jahr 2020. Das ist noch zwei Jahre hin, aktuell werden nicht ausgelastete Gas-Tankstellen sogar zurückgebaut.  

Komplizierte Technik

Ein Tankrüssel steckt am den Gastank eines Erdgasautos.
Bildrechte: IMAGO

Obwohl das Grundprinzip des Erdgasverbrennens in einem Otto-Motor ziemlich simpel ist, hat ein modernes Erdgas-Auto eine Menge Zusatztechnik an Bord. "Das fängt an beim speziellen Gas-Tank, der öfter gewartet und kontrolliert werden muss, und geht hin bis zur Steuerungstechnik. All das ist teuer in der Wartung und Reparatur", warnt Andreas Keßler. Hinzu kommt, dass Sie die meisten Erdgas-Autos nur in der Fachwerkstatt der Hersteller warten und reparieren lassen können, mit entsprechenden Original-Ersatzteilen. "Gerade die deutschen Autobauer haben da quasi ein Monopol. Ein Erdgasauto in der Werkstatt kann richtig teuer werden", so der Experte.  

Die Preise

Um einen möglichst realistischen Vergleich zu erzielen, sollen hier die Golf-Modelle für Benzin-, Gas- und Elektroautos beispielhaft verglichen werden. Ähnlich sehen die Vergleichs-Ergebnisse aber auch bei Autos aller anderen großen Hersteller aus.

  • Der Benzin-Golf TSI 1,0 mit 110 PS kostet in der Anschaffung ab rund 22.000 Euro. Bei 20.000 Kilometern Fahrleistung pro Jahr geben Sie nochmal rund 1.300 Euro für Benzin aus. Die Steuer kostet knapp 50 Euro.
  • Der Erdgas-Golf TGI 1.4 mit 110 PS kostet in der Anschaffung ab rund 26.000 Euro. Bei 20.000 Kilometern Fahrleistung pro Jahr geben Sie hier rund 770 Euro für Erdgas aus. Steuer kostet knapp 35 Euro.
  • Der E-Golf mit 136 PS (ein anderes Modell gibt es nicht) kostet ab knapp 36.000 Euro. Bei 20.000 Kilometern jährlicher Fahrleistung kommen rund 750 Euro Stromkosten hinzu. Der E-Golf ist von der Steuer befreit.

Umbauen

Ein Benzinmotor lässt sich für eine Nutzung mit Erdgas umrüsten. Das kostet inklusive Zusatztank rund 5.000 Euro. Erst nach ungefähr 60.000 Kilometern soll diese Investition wieder "eingefahren" sein. 

Die Gesamtrechnung

Auch wenn die Autokonzerne die höheren Anschaffungskosten für Erdgas-Autos derzeit mit hohen Umwelt- und Abwrackprämien auszugleichen versuchen und Erdgas deutlich preiswerter als Benzin ist, müssen Sie beim geplanten Kauf unbedingt auf die gesamten Kosten achten. Beantworten Sie sich darum folgende Fragen:

Tankanzeige für den CNG-Tank eines Erdgasautos in einem Armaturenbrett.
Bildrechte: IMAGO

  • Wohnen Sie in der Nähe einer Erdgastankstelle oder verfahren Sie  regelmäßig zusätzlich Kilometer, um dorthin zu gelangen?
  • Sind Sie soviel unterwegs, dass der Preisvorteil beim Erdgas sich wirklich für Sie rechnet?
  • Haben Sie eine Vertragswerkstatt, der Sie wirklich vertrauen können?

Autoexperte Andreas Keßler gibt außerdem zu bedenken: "Sie sind nicht wirklich umweltgerecht unterwegs, wenn Sie sich aller drei Jahre die neueste Technologie anschaffen wollen und dafür ein neues Auto kaufen."

Fazit

Erdgasautos sind eine umweltschonende und sparsame Alternative zu Benziner und Diesel. Sie sind wesentlich preiswerter als aktuelle E-Autos. Für eine  sinnvolle, nachhaltige Anschaffung müssen aber bei Ihnen persönlich die richtige Infrastruktur, also Tankstellen und Werkstatt vorhanden sein. Bei Reparatur und Wartung müssen Sie jedoch mit vergleichsweise hohen Kosten rechnen.

Die Auswahl an Fahrzeugen ist gegenüber Benziner und Diesel deutlich geringer. "Ausgereift ist die Technik aber allemal und daher dem Kauf eines ungleich teureren Elektro-Autos derzeit vorzuziehen", rät Autoexperte Andreas Keßler.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 24. Januar 2018 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2018, 00:10 Uhr