Sendergeschichte Am Anfang stand die Mirag

Am Anfang des MDR stand die Mirag - die "Mitteldeutsche Rundfunk AG". Vor 85 Jahren ging sie "on air" und entwickelte bald den ehernen Grundsatz, die Hörer rundum versorgen zu wollen. Der gilt noch heute.

von von Tobias Knauf

Knapp drei Kilometer Luftlinie trennen die heutige MDR-Zentrale in Leipzig vom "Geburtsort" des ersten Mitteldeutschen Rundfunks. Obwohl zwischen beiden mittlerweile 85 Jahre liegen, haben sie doch eins gemeinsam: Nach dem gleichen technischen Grundprinzip strahlen sie ihr Programm für ein Gebiet aus, das flächenmäßig nahezu identisch ist. Auch der Anspruch, die Hörer rundum zu versorgen, hat sich nicht verändert.

Am 1. März 1924, gegen 14:30 Uhr, ging der Spruch "Hallo, hallo - hier ist Leipzig, hier ist der Leipziger Meßamtssender der Reichs-Telegraphen-Verwaltung für Mitteldeutschland, wir senden auf Welle 450" zum ersten Mal über den Äther. Historisch gesehen war die Messestadt damit die Nummer zwei der deutschen Sendestädte. Nur vier Monate zuvor hatte in Berlin mit der Radio-Stunde im Vox-Haus der erste deutsche Unterhaltungssender überhaupt den Betrieb aufgenommen.

Start als "Leipziger Meßamtssender"

Grund für den Sendestart des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig am 1. März war, dass unmittelbar am nächsten Tag die Frühjahrsmesse begann. Dort wollte die Funkindustrie in einer gesonderten Schau erstmals anhand eines laufenden Radioprogramms die Leistungsfähigkeit ihrer Neuheiten präsentieren. Gerade dieser wirtschaftliche Aspekt war es, der neben der zentralen Lage im künftigen Sendebezirk, den Ausschlag für den Sendestandort Leipzig gab.

Wie weit das neue Medium Rundfunk in Leipzig auf gesellschaftliches Interesse stieß, verdeutlicht der Personenkreis der an der unmittelbaren Gründung der Sendegesellschaft Beteiligten: Neben der "Radio-Vereinigung Leipzig", einer aus heutigem Verständnis Funkamateurvereinigung, war es der Verkehrsverein, die Handelskammer, die Rundfunk-Händler und nicht zuletzt die örtliche Tagespresse. Die Liste der Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder der am 22. Januar 1924 gegründeten Mirag liest sich mithin wie ein Who is Who der Leipziger Gesellschaft.

Zwar stand die Sendegesellschaft unter hoheitlicher Aufsicht der Reichspost, im Vergleich zu den acht anderen deutschen Sendegesellschaften wich die Post jedoch gleich dreimal von ihrem sonst eher strikten Vorgaben ab: Zum einen genehmigte sie mit Dr. Erwin Jaeger einem führenden Kopf der Radio-Amateurbewegung in Leipzig, als Vorstand wesentlichen Einfluss auf das Programm zu nehmen. Zum anderen band sie mit Dr. Fritz Kohl einen Vertreter der Rundfunkhändler und Vertrauten der Handelskammer in die Gesellschaft ein. Mit Edgar Herfurth als Herausgeber der regional dominierenden konservativen Tageszeitung "Leipziger Neueste Nachrichten" wurde schließlich der Hauptaktionär gefunden. Herfurth stellte neben dem Startkapital gleichzeitig kostenlos das Nachrichtenmaterial zur Verfügung, somit eine nicht unwesentliche Quelle für das laufende Programm.

Erstes Studio in der "Alten Waage"

Mit einem Gründungskapital von 80.000 Goldmark überstieg die Mirag anfangs im Vergleich zu den anderen regionalen Sendegesellschaften deutlich die von der Post gesetzte Mindestgrenze von 60.000 Goldmark. Zwischen der Sendegesellschaft und den Körperschaften in der Stadt Leipzig gab es nicht nur personelle Parallelen. Die ersten Studios und Verwaltungsbüros kamen in der "Alten Waage" (Am Markt 4) unter, dem früheren Messamt. Schon aus dieser räumlichen Nähe rührte nicht zuletzt der Begriff Messamtssender her.

Dicht besiedeltes Empfangsgebiet

Mit einer Bevölkerungsdichte von 185 Einwohnern je Quadratkilometer waren die Bedingungen in Leipzig günstiger als im Reichsdurchschnitt mit 134 Einwohnern. Als sicher gilt, dass der erste Leipziger Sender von verstärkerlos arbeitenden Empfängern bis zu einem Umkreis von 30 Kilometern empfangen werden konnte. Damit blieb die Mirag für Besitzer dieser recht preiswerten Empfänger zunächst eher ein Leipziger Stadtradio.

Die Zahl der Rundfunkhörer stieg schon im ersten Jahr an. Ende Dezember 1924 registrierte die Post in ihrem Direktionsbezirk Leipzig allein 48.000 Gebührenzahler. Wie viel sogenannten Zaungäste (Schwarzhörer) genau das Programm verfolgten, ist nicht erwiesen. Aber bereits Ende Juni 1924 widmeten die "Leipziger Neusten Nachrichten" diesem Phänomen einen Artikel, in dem allein für die Stadt die Zahl von rund 6.000 genannt wird. Zum gleichen Zeitpunkt weist die Statistik rund 10.000 angemeldete Hörer aus.

Wachsende Sendeleistung, die Inbetriebnahme des Nebensenders Dresden im Februar 1925, sinkende Verkaufspreise für Empfangsgeräte und nicht zuletzt die Senkung der Rundfunkgebühren von jährlich 60 Goldmark auf monatlich zwei Mark ab April 1924 führten zu einem Anstieg der Hörerzahlen. Im Juni 1925 hatte der Leipziger Sender bereits über 100.000 Hörer.

Radio-Hörer zunächst nur in den Großstädten

Das soziale Spektrum der Mirag-Hörerschaft der ersten Jahre ist kaum bekannt. Deutschlandweit waren 1928 insgesamt 80 Prozent der Hörer in 26 Städten konzentriert. Die starke Verstädterung im mitteldeutschen Sendebezirk lässt den Schluss zu, dass zunächst Beamte und Angestellte zu den ständigen Hörer gehört haben dürften. Einwohner des ländlichen Raums hingegen waren eher unterrepräsentiert.

Was wurde den Hörern im ersten Sendejahr geboten? Anfangs waren es täglich zwei bis drei Sendestunden, bei denen sich Musik und Wort die Waage hielten. Den Auftakt machten um 10:00 Uhr eine Viertelstunde Wirtschaftsnachrichten mit Börsennotierungen. 12:45 Uhr folgten unter dem Titel "Was die Zeitung bringt" Nachrichten, die laut Leserbriefen in Rundfunkzeitschriften vornehmlich vorgelesene Zeitungsnachrichten waren. Um 20:15 Uhr folgte ein weiterer Programmpunkt, meist ein eineinhalbstündiges Konzert der "Hauskapelle". Den Abschluss bildeten die Pressemeldungen bis 22:00 Uhr.

Trotz dieser sehr schmal wirkenden Programmstruktur darf nicht vergessen werden, dass alles ausnahmslos live gesendet wurde. Gelegentlich gab es um 19:30 Uhr einen Halbstundenvortrag; einen festen Senderplatz hatte dieser noch nicht. Leiter des Wortprogramms (des sogenannten Literarischen Programms) war Julius Witte, ein früherer Presseredakteur, der damit vom Hörspiel bis zu den Vorträgen Verantwortung trug.

Sendelücken werden gefüllt

Wittes musikalisches Pendant war der Kapellmeister Alfred Szendrei, der zudem als Leiter des Leipziger Sinfonie-Orchesters wesentlich an der Einbindung des Klangkörpers in das Programm ab Herbst 1924 sorgte. Ab Mai wurden die nächsten festen Sendeplätze belegt. So gehörte die Zeit zwischen 16 und 18 Uhr dem Nachmittagskonzert. Der Halbstundenvortrag hatte vor allem donnerstags und freitags seinen Platz gefunden. Neben radio-technischen Vorträgen waren dies vor allem Themen, bei denen sich die Programmverantwortlichen eher einem Bildungs- als einem Unterhaltungsauftrag verpflichtet sahen. Das Spektrum reichte von Musik, Theater, Literatur, Geschichte und Philosophie über Psychologie und Pädagogik bis hin zu Geographie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft sowie Landwirtschaft, die anfangs als Einzelvorträge, mit der Zeit jedoch zu ganzen Vortragsreihen ausgebaut wurden.

Mirag bietet lukrative Nebeneinnahmen

Glaubt man damaligen Kritikern, so teilten die dabei vortragenden Dozenten und Professoren ihre Vorlesungsreihen in 30-Minuten-Blöcke, für die jeweils bis zu 75 Reichsmark Honorar gezahlt wurden. Mit Blick auf damalige Einkommensverhältnisse gewiss ein lukrativer Verdienst, wurde doch einem gelernten Arbeiter in der sächsischen Metall- und Maschinenindustrie im Dezember 1924 ein Stundenlohn von 0,56 Reichsmark gezahlt.

Aktuelle Sendungen außerhalb der politisch sehr restriktiv gehaltenen Nachrichten gab es relativ früh. Dazu gehörte eine Sondersendung zur Reichstagswahl vom 4. Mai 1924, bei der bis weit in die Nacht Stimmergebnisse bekannt gegeben wurden. Hierbei nutzte die Mirag ihre Verbindung zum Korrespondentennetz der "Leipziger Neuesten Nachrichten".

Kaum aktuelle Innenpolitik

Während "Vaterländische Abende", Gedenkfeiern zur Reichsgründung 1871 oder zur Völkerschlacht von 1813 fest zum Repertoire gehörten, fanden aktuelle innenpolitische Berichte keinerlei Eingang in das aktuelle Programm. Ebenfalls im Mai 1924 erlebte der "Bunte Abend" - eine Mischung aus unterhaltender Musik und Rezitationen - seine Premiere im Leipziger Programm.

Im Juni wurde das aktuelle Programm um eine Komponente erweitert: den Sportfunk, der nun am späten Abend ausführliche Meldungen mit starkem regionalen Bezug brachte. Außerdem wurden die Wirtschaftsnachrichten stärker auf die Zielgruppen ausgerichtet: mittags gab es vor allem Informationen für die ländliche Bevölkerung, die Meldungen um 13:00 und 16:40 Uhr richteten sich an Interessenten von Devisen- und Börsenkursen.

Ein Unikum unter den deutschen Regionalsendern blieb die Mirag bis zuletzt. Die im Oktober 1924 eingeführten sonntäglichen Morgenfeiern trugen zwar religiösen Charakter, wurden jedoch nicht von den beiden großen Konfessionen selbst ausgetragen.

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2009, 14:38 Uhr