Aus Leipzig, Deutschland und Europa Korrespondenten-Blog zur Leipziger Schlacht

Wie erleben die Menschen in und um Leipzig die Schrecken der Schlacht? Wie wird das Ereignis in den Hauptstädten Europas bewertet? Welche Reaktionen gibt es? Hier finden Sie täglich aktuelle Blog-Einträge unserer Reporter und Korrespondenten aus Leipzig, Sachsen, Deutschland und Europa.

Rolf Seelmann-Eggebert
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Publiziert am 18. Oktober 1813, 19:00 Uhr, von ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert Eine Habsburgerin auf Frankreichs Kaiserthron

Eine Habsburgerin auf Frankreichs Kaiserthron

"Bella gerant alii, tu felix Austria nube. - Kriege führen mögen andere, du glückliches Österreich heirate." Seit Jahrhunderten hat das Haus Habsburg seine Macht durch eine geschickte Heiratspolitik zu mehren und zu erhalten gewusst. Auch Kaiser Franz von Österreich dürfte sich Anfang 1810 daran erinnert haben, als Napoleon am Wiener Hof um die Hand seiner ältesten Tochter Marie-Louise anhalten ließ. Der Habsburger war alles andere als abgeneigt. Nach vier verlorenen Kriegen gegen das nachrevolutionäre Frankreich sah er in einem Heiratsbündnis mit dem auf dem Gipfel seiner Macht stehenden Kaiser der Franzosen die Chance, Österreichs ramponierte Stellung in Europa wieder aufzupolieren.

Erzherzogin Marie-Louise war gerade mal 18 Jahre, als sie am 11. März 1810 im Wiener Stephansdom den zwar abwesenden, doch durch seinen Generalstabschef Berthier vertretenen Franzosen-Kaiser heiratete. Der Mann ihrer Träume sah sicher anders aus. Seit frühester Kindheit hatte der "Antichrist", wie Marie-Louise Napoleon bis dahin genannt hatte, ihrem geliebten Vater schwere Niederlagen und schlaflose Nächte bereitet. Die französischen Revolutionäre, denen Napoleon seinen Aufstieg verdankte, hatten ihre Tante, Königin Marie Antoinette, unter die Guillotine gelegt. Doch die Interessen einer Monarchie und eines Landes nehmen keine Rücksicht auf die Gefühle einer Prinzessin. Kaiser Franz wollte endlich auf der Gewinnerseite stehen. Und Napoleon wollte eine Dynastie mit einem der angesehensten Häuser Europas begründen. Beides gelang - zumindest vorerst.

Ein Jahr nach ihrer Ankunft in Paris, am 20. März 1811, brachte Marie-Louise mit Napoléon-François-Charles-Joseph Bonaparte den lange ersehnten Thronerben des Franzosen-Kaisers zur Welt. Der hatte es nicht nur geschafft, seine 22 Jahre jüngere Frau als Liebhaber zu erobern, sondern auch als Mensch zu gewinnen. Er nahm ihr die Furcht vor der fremden Umgebung, ermunterte sie, ihr künstlerisches Talent auszuleben, und gewann ihr Vertrauen. Und als der Arzt im Angesicht einer erwarteten schweren Geburt die Frage stellte, ob er im Ernstfall das Leben des Kindes oder das der Mutter erhalten solle, entscheid sich Napoleon für die Mutter. Marie-Louise erinnert sich bis heute in Dankbarkeit daran. Sie zahlt es ihrem Gatten mit Aufrichtigkeit und Loyalität zurück, auch wenn sie als Regentin Frankreichs sogar gegen ihren eigenen Vater steht. Wenn es ein Beispiel dafür gibt, dass Liebe und Respekt in einer Ehe wachsen können, dann scheint es die Verbindung zwischen Kaiser Napoleon und seiner habsburgischen Gemahlin zu sein.

Udo Lielischkies
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Publiziert am 17. Oktober 1813, 22:00 Uhr, von Russland-Korrespondent Udo Lielischkies Der Vaterländische Krieg

Der Vaterländische Krieg

Ein knappes Jahr ist es her, dass Napoleons Grande Armeé in Russland vernichtet wurde. Im Zarenreich sind die Spuren des Feldzuges bis heute präsent. Eine Schneise der Verwüstung zieht sich 1.000 Kilometer durchs Land. Das einst prächtige Smolensk - ein Raub der Flammen. Ebenso Moskau, die alte Hauptstadt. Waren es plündernde Franzosen, die es anzündeten? Oder doch die Russen selbst, die nicht wollten, dass ihr heiliges Moskau, das "Dritte Rom", ein Zentrum der Orthodoxie , den "gottlosen Franzosen" in die Hände fiel.

Vieles spricht dafür, dass es vor allem Russen waren, die der überwiegend aus Holz gebauten Metropole den roten Hahn aufsetzten. Und was ist mit den Verheerungen ganzer Landstriche? Fest steht: Soldaten des Zaren waren die ersten, die sich auf der Flucht vor Napoleons Truppen aus dem Land ernährten und sich einen Dreck um das Elend der Bevölkerung scherten. Die nachrückenden Franzosen, vom eigenen Tross-System verlassen, plünderten den Rest und kümmerten sich noch weniger darum. Das hatten sie auch schon vor über einem Jahrzehnt in Italien und Deutschland getan. Der große Unterschied: Dort reichte es selbst für die Ausgeplünderten noch zum Überleben. Im bitterarmen Russland nicht. Und auch das "Tauschgut", das die Franzosen auf früheren Feldzügen mit sich führten - die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - interessierten in Russland niemanden, wenn sie denn überhaupt noch angepriesen wurden. Denn kein General oder Konsul der Französischen Republik zog durch das Zarenreich, sondern ein selbstgekrönter Kaiser, gefolgt von Vasallen.

"Napoleon ist der leibhaftige Antichrist", schärften die Popen ihren strenggläubigen Schäfchen ein. Und die taten ihr Bestes, sich an den geschlagenen Soldaten des "Antichristen", die sich ab Oktober 1812 aus Moskau als Jammergestalten zurückkämpften, mit perverser Grausamkeit zu rechen. Wehe dem, der ihnen in die Hände fiel. Der Weg durch ihr zerstörtes Land hat die russischen Soldaten nicht sanftmütiger gemacht. Und ihr Zar, von dem böse Zungen behaupten, er fürchte die bürgerliche Ideenwelt der Franzosen mehr als die Hölle, wird einen Teufel tun, ihren Rachedurst zu zähmen, bevor Napoleon gestürzt und die Ideen der französischen Revolution aus ganz Europa vertrieben sind.

Publiziert am 16. Oktober 1813, 08:00 Uhr, von Leipzig-Reporter Roland Kühnke Die Not mit dem Brot

Die Not mit dem Brot

Man ist ja in Leipzig einiges gewöhnt. Seit dem Frühjahr hat die Messestadt alle möglichen Heere durchmarschieren sehen. Erst kamen Russen und Preußen, dann kehrten die Franzosen zurück. Und jeder hat sich in der Stadt und dem Umland bedient. Lazarette, Truppeneinquartierungen, nach der Schlacht bei Dresden auch Tausende österreichische Kriegsgefangene. Große Verpflegungsengpässe hat es bis vor einigen Tagen aber kaum gegeben. Die Bauern des Umlandes haben es immer wieder geschafft, die Märkte der 30.000 Einwohner-Stadt mit dem Nötigsten zu versorgen.

Doch jetzt lagern Hunderttausende Soldaten Napoleons und seiner Gegner in und um Leipzig. Sie verstopfen nicht nur die Zufahrtsstraßen, sondern plündern auch die Dörfer systematisch aus. Fleisch gibt es interessanterweise noch ausreichend. Die Franzosen hatten in den vergangenen Tagen riesige Viehherden zusammengetrieben. Doch Brot ist mittlerweile absolute Mangelware. Dabei scheint es so, als würden die Leipziger das Problem durch ihre Hamsterkäufe selbst noch anheizen. Kaum erreicht ein Brotwagen die Stadt, wird er von einer schreienden und rempelnden Menge aus Weibern und Männern umlagert, die bereit sind, jeden Preis für die Backwaren zu zahlen und so viel wie möglich davon zu horten. Nach ersten Übergriffen auf Bäckereien ist die französische Stadtkommandantur mittlerweile dazu übergegangen, die Backstuben durch Soldaten schützen zu lassen.