Familienbande Die drei Formen der Liebe

Wer schwer verliebt ist, hat nicht mehr alle Sinne beisammen. Körpereigene Hormone sorgen für eine Art Drogenrausch. Darüber haben wir am Valentinstag ausführlich berichtet (siehe Video unten). Damit die Liebe auch dann hält, wenn diese Wirkung nachlässt, muss der Kopf eingeschaltet bleiben.

Eine glücksstrahlende junge Frau mit Luftballons.
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Die Natur ist der größte Zufallsgenerator, den wir kennen. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Letztendlich geht es darum, dass sich das beste, das erfolgreichste Konzept durchsetzt. Klingt einfach und brutal, ist aber so. Auch bei der Erhaltung unserer Art. Damit da möglichst wenig schief läuft, hat die Natur diesen Prozess quasi standardisiert und nutzt alles, was in ihrer Apotheke verfügbar ist.

Phase 1: Die Pubertät

Raus aus dem Sandkasten und ran an den Spiegel. Es beginnen die Jahre, in denen vor allem eins das Leben bestimmt, die Suche nach einem Partner und Sex. Der Grund für die Veränderung: Hoden und Nebennieren beginnen Testosteron auszuschütten, erklärt Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin: "Dann ist man schon verliebt, aber weiß noch nicht in wen!"

Grafik zeigt einen Jungen und ein Mädchen, Hand in Hand über eine Herz-Sinuskurve hüpfend, darunter das Wort "love" 5 min
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Phase 2: Das unsterbliche Verlieben

Dabei überschwemmt uns Mutter Natur mit Varianten der Glückshormone Adrenalin und Dopamin. Die Folgen, die Walschburger beschreibt, kennen die meisten von uns: "Es passiert eine überstarke Fixierung auf nur einen Partner. Ein Mensch, der so ist wie alle anderen, wird zum besten aller Menschen. Man ist verloren an den anderen."

Hirnregionen, die mit Belohnung zu tun haben oder die bei Süchten angesprochen werden, reagieren auf diese Hormone. Logisches Denken wird quasi ausgeschaltet, so dass Herz- und Bauchgefühle uns vollständig im Griff haben.

Chemiker Sven Sebastian formuliert diesen extrem emotionalen Zustand so: Das ist so, als ob wir unter Drogen stehen, eigentlich müssten wir zum Arzt. "Kokain oder Ecstasy, die wirken genauso. Ich sag immer, Verliebte mssten krankgeschrieben werden!"

Rein statistisch dauert diese Phase anderthalb Jahre. Die Natur versucht das Paar solange zu binden bis es zum erfolgreichen Vollzug gekommen und Nachwuchs auf dem Weg ist. Nach und nach weicht die völlig irrationale Begeisterung für den einen unter den 7,5 Mrd. Menschen nüchterner Betrachtungsweise.

Phase 3: Oxytoxin

Die rosarote Brille wird abgesetzt. Aber noch bleibt für den Nachwuchs eine gemeinsame Partnerschaft wichtig. Die Natur greift in das nächste Hormonregal, sagt Biopsychologe Walschburger.

Dann kommt - wenn alles klappt - nochmal ein anderer Hormonmechanismus ins Spiel, der auch dafür sorgt, dass eine vertrauensvolle Beziehung unterstützt wird. Was früher bestimmt wichtig war, zum Beispiel unter den Bedingungen der Savanne. Wenn eine Frau da ein Kind gekriegt hat, brauchte sie mindestens einen Beschützer.

Peter Walschburger, Biopsychologe

Oxytocin heißt das Bindungshormon, das unter anderem für die enge Beziehung von Mutter und Kind sorgt, uns warm ums Herz werden lässt, wenn wir gestreichelt werden, uns geborgen fühlen oder als Beschützer auftreten dürfen. Je größer und unabhängiger die Kinder werden, desto mehr verschwindet auch dieses Bindungshormon. Dann hebt die Natur die Hände. Dann lässt sie den Dingen offenbar ihren freien Lauf. Wahrscheinlich hängt auch das vielzitierte "verflixte siebente Jahr" damit zusammen.

Phase 4: Nüchternheit

Rein funktional gibt es keinen Bedarf mehr, irgendwelche Bindungsprozesse chemisch zu unterstützen. Dann treten beim Zusammenleben soziale und rationale Argumente in den Vordergrund.

Immerhin die Hälfte der Ehen halten. Und da treten doch mehr Effekte auf den Plan, die mit unserer Zivilisation zu tun haben. Also Wertvorstellungen einer monogamen Partnerschaft, dass man zusammenbleibt, dass man die Kinder schützt - und nicht mehr so sehr die Hormone.

Peter Walschburger

Und jetzt wird es endlich romantisch. Denn wahre Liebe ist nicht nur mit Hormonen zur erklären, und dass man später einfach nur vernünftig bleibt und die Nerven behält. Es geht um die wahre Liebe, die dann eine große Chance hat, wenn es gelingt, während der Partner-Wahl – also unter Drogen – den Kopf einzuschalten.

Wenn Liebe etwas Ernsthaftes sein soll, dann braucht es unbedingt dieses logische Denken. Also wer in Philosophie und Mathematik nicht aufgepasst hat, der wird sich verlieben, wird aber nicht wirklich das finden, was er sucht.

Sven Sebastian, Neuro-Coach

Phase 5: Die wahre Liebe

Wissenschaftler gehen davon aus, dass beim Menschen erst die Verknüpfung der evolutionären, hormonellen als auch der geistigen Komponenten den perfekten Mix, die wahre Liebe möglich machen.

Das ist die sexuelle Liebe, dann gibt es die zutiefst freundschaftliche Liebe und die fürsorgliche Liebe. Und das ist das Geheimnis im Alltag alle drei Formen der Liebe zu leben. Und das ist dann das Erfüllende.

Sven Sebastian, Neuro-Coach

Was so chemisch und rein wissenschaftlich begonnen hat, ist also doch mehr als nur ein Griff ins Hormonregal der Natur. Es ist nicht nur Zufall, sondern eng verbunden mit unserem Bewusstsein und unserer Intelligenz. Aber dass Hormone bei Gefühlen immer mit im Spiel sind, macht die Sache erst wirklich schön. Ohne sie hätten wir vermutlich nie Schmetterlinge im Bauch und würden Streicheleinheiten nicht so genießen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Lexi-TV | 21.02.2017 | 15:00 Uhr