Analysen aus dem Klärwerk Abwasser verrät: Kokain & Co. werden in Magdeburg besonders häufig konsumiert

Abwasser ist für die meisten Menschen keine sehr angenehme Substanz – für die Forschung aber eine besonders spannende. Sie bildet den Konsum einer Gesellschaft ab – insbesondere die dunklen Seiten. Das zeigen aktuelle Ergebnisse eines europaweiten Drogenberichts.

Kleines Häufchen mit weißem Pulver auf schwarzem Untergrund, im Hintergrund leicht unscharf zu Röhrchen gerollter Geldschein
Zugegeben: Mit Geldschein ist nicht ganz zeitgemäß. Aber ein Symbolbild soll ja auch nicht zum Nachahmen anregen. Bildrechte: imago images/Esbenklinker

Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwas wissen wollen – und das ist ja im Grunde ihr permanentes Anliegen – haben sie mehrere Möglichkeiten. Geht es um Mutter Natur, bietet es sich häufig an, Dinge zu messen. Um das Verhalten von Menschen zu analysieren, reicht aber häufig auch die Methode der Befragung. So ist es nicht schwer, herauszufinden, wie viele Butterbrote an einem durchschnittlichen Donnerstagmorgen in Bad Klosterlausnitz verzehrt werden. Je unangenehmer allerdings die Forschungsfrage, desto schwieriger wird es, valide Antworten zu bekommen.

Beim Thema Drogenkonsum ist die Krux, dass er meistens illegal stattfindet. Und zudem zumindest in Teilen der Gesellschaft als wenig angesehen gilt. Um in Erfahrung zu bringen, welche Drogen wo in welcher Menge konsumiert werden, ist die Variante, die Menschen einfach nach ihrem Rauschgiftpräferenzen zu fragen, eher wenig zielführend. Forschende müssen also eine Ecke weiter denken.

Abwasser: Abbild der Gesellschaft

Und diese Ecke heißt Abwasser: Ein verräterisches Produkt, das sehr viel mehr über eine Gesellschaft aussagt als wie gründlich sie sich hinter den Ohren wäscht. Durch Abwasseranalyse lässt sich ziemlich genau abbilden, was Menschen konsumieren und ausscheiden. Besonders deutlich wird das beim Thema Medikamente und Drogen.

Luftaufnahme der Wasseraufbereitungsanlage am See an einem sonnigen Tag. Direkte Draufsicht, viel grün, viel Farben und Kontrast.
Was konsumiert wird, landet hier – in leicht abgewandelter Form. Bildrechte: imago images/Westend61

Abwasseranalyse ist dabei eine recht junge Disziplin, die in den 1990er-Jahren aufkam, um herauszufinden, welche Auswirkungen flüssige Haushaltsabfälle auf die Umwelt haben können. Schnell hat sich aber herausgestellt, dass damit auch die Schätzung des illegalen Drogenkonsum eines Ortes erleichtert wird. So können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anhand der Rückstände von Medikamenten, Drogen und deren Stoffwechselprodukten im Abwasser, herausfinden, was die Gesellschaft so zu sich nimmt. Oder anders gesagt: Irgendwann müssen Sie wohl nach dem Kiffen Pipi machen – und schon werfen Sie Ihr THC als Daten in den Ring.

Kokain

Amphetamin

Crystal Meth

MDMA

Ein ziemlich repräsentatives Unterfangen also, dem man sich nur entziehen kann, indem man nach erfolgtem Drogenkonsum auf absehbare Zeit kein ans Abwassersystem angeschlossenes Örtchen mehr aufsucht, sondern das Geschäft nur noch auf Plumpsklos oder im Wald verrichtet. Dass das die Mehrheit der Menschen tut, ist unwahrscheinlich. Seit 2010 erfolgt die Abwasseranalyse standardisiert im europäischen SCORE-Netzwerk. Und lässt damit auch innereuropäische Vergleiche zu.

Biomarker und Abbauprodukte – je nach Substanz

Zum Beispiel solche wie die jetzt vorliegende Beobachtung des illegalen Drogenkonsums in achtzig europäischen Städten – unter den seit 2011 durchgeführten Analysen ist es die bisher umfänglichste ihrer Art. So wurden zwischen März und Mai 2020 entnommene Proben zum einen durch Biomarker aus dem Urin auf Amphetamin, Methamphetamin und MDMA untersucht. Das heißt: Hier wurde nach messbaren Merkmalen der Substanzen geschaut. Um den Konsum von Kokain und Cannabis zu ermitteln, wurde zum anderen das Vorkommen der entsprechenden Abbauprodukte des Körpers bei diesen Stoffen gemessen.

Rohre und ein großer Klärwerk-typischer Bottich, im Hintergrund die Elbe, im Klärwerk Dresden-Kaditz
Klärwerk Dresden-Kaditz: Auch hier werden Proben genommen und Daten erhoben. Bildrechte: imago/Sven Ellger

Knifflig wird's bei Heroin: Das entsprechende Abbauprodukt ist im Abwasser zu instabil. Und der im Abwasser sichtbare Biomarker Morphin wird auch im therapeutischen Bereich verwendet. Hier ist es wichtig, möglichst verlässliche Verkaufs- und Verschreibungszahlen zu haben, um den legalen Morphin-Konsum gegenrechnen zu können.

Drogen haben ihre geografischen Hotspots

Im Ergebnis zeigt sich: Kokain wird vor allem im Süden und Westen Europas konsumiert, Amphetamin – auch bekannt als Speed – im Norden und Osten. Das verwandte Methamphetamin – also Crystal Meth – zeigte sich vor allem in Nordeuropa, im Osten Deutschlands, Spanien und Zypern.

Die Analyse hilft nicht nur, den Drogenkonsum geografisch, sondern auch zeitlich abzubilden. So hat sich gezeigt, dass trotz des heruntergefahrenen Nachtlebens während der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 am Wochenende größere Mengen der Rückstände von Kokain und der Partydroge MDMA im Abwasser vorhanden waren als werktags.

Magdeburg: Bei drei von vier Drogen in Mitteldeutschland vorn

Während Hamburg Deutschlands Kokainhauptstadt ist, ist der größte Kokainkonsum Mitteldeutschlands in Magdeburg zu verzeichnen. Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts liegt auch bei Speed und MDMA vorn, während die größten Mengen Crystal Meth in Erfurt festgestellt wurden, das auch deutschlandweit an der Spitze liegt. Generell zeigen sich die größten Methamphetamin-Vorkommen Europas nach Tschechien in Mitteldeutschland.

Junger Wissenschaftler mit Kittel, Haube und Schutzbrille hält zwei Glaskolben – einen mit klarem und einen mit bräunlichem Wasser – im Labor vor Laptop hoch und betrachtet Inhalt.
Bei der Abwasseranalyse lässt sich nicht nur das Drogenkonsumverhalten einer Gesellschaft erkennen – möglicherweise kann sie uns auch vor künftigen Pandemien warnen. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Elnur

Dass Magdeburg die mitteldeutsche Drogenhauptstadt ist, lässt sich damit allerdings nicht sagen, da nur für Dresden, Erfurt, Chemnitz und eben Magdeburg Daten vorliegen. Dass der Drogenkonsum während der Covid-19-Pandemie generell zugenommen hat, ist aber naheliegend. Das legt auch eine Abwasseruntersuchung der TU Dresden und der Berliner Wasserbetriebe nahe, die im Auftrag des ARD-Politikmagazins Kontraste durchgeführt wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Menge an Kokain-Abbauprodukten im Berliner Abwasser von 2017 bis 2021 verdoppelt hat.

Die junge Disziplin der Abwasseranalyse hat aber noch mehr drauf, als den Drogenkonsum zu kartografieren, wie vor allem das vergangene Jahr gezeigt hat. Auch Viren lassen sich im Klärwerk nachweisen. Seitdem laufen etwa am Leipziger Umweltforschungszentrum UFZ Untersuchungen, mit dem Ziel, das Corona-Infektionsgeschehen über das Abwasser zu messen. Ein wichtiger Ansatz, auch für künftige Entwicklungen: nämlich als Präventionsmaßnahme. Eine kontrovers diskutierte Studie sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen, als sie zu dem Ergebnis kam, dass in Barcelona bereits im März 2019 Spuren von Sars-CoV-2 im Abwasser zu finden waren.

Ob diese Entdeckung haltbar ist und etwas am Pandemiegeschehen geändert hätte, wenn das Virus bereits bekannt gewesen wäre, sei dahingestellt. Klar ist aber: Die stinkende Matschepampe aus den Örtchen und Siphons einer Stadt hat ein immenses wissenschaftliches Potenzial.

flo

Alle Ergebnisse der Analyse

… – auch die aus vergangenen Jahren – und ein interaktives Tool in englischer Sprache: Hier entlang.

2 Kommentare

MDR-Team vor 5 Wochen

Hallo part,
eine steile These, die Sie aufstellen. Die Studienergebnisse sagen dazu aber leider nichts aus. Die Analyse hilft, den Drogenkonsum geografisch und zeitlich abzubilden. Welche Personen allerdings welche Substanzen zu sich nehmen und welchen finanziellen Background diese haben, kann man anhand der Daten nicht bestimmen. Erschwerend kommt hinzu, das in Mitteldeutschland eben nur für Dresden, Erfurt, Chemnitz und eben Magdeburg Daten vorliegen.

part vor 5 Wochen

So zeigt sich das Wohlstandsgefälle auch im Abwasser, denn die Drogen der Schönen und der Reichen kann sich nicht jeder leisten. Was aber Magdeburg hierbei so besonders macht, kann ich mir auch nicht erklären.

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