Ärztebewertungen im Netz Gute Noten für Weißkittel

Kaum 35 geworden, will Anna Winzer eine Hautkrebsvorsorge in Anspruch nehmen. Doch bis jetzt hat sie nicht einmal einen Hautarzt. Also geht sie auf ein Bewertungsportal für Ärzte. Hier kann sie ihre Postleitzahl und Hautkrebsvorsorge eingeben und bekommt drei Treffer angezeigt. Eine Ärztin hat 26 Bewertungen und kommt mit der Note 4,0 sehr schlecht weg, ihre beiden Kollegen haben zwar eine gute Note, jedoch auch nur 1-2 Bewertungen. Doch wie zuverlässig sind diese Informationen?

Ein Stethoskop hängt um den Hals einer Frau im Arztkittel
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Anna Winzer fällt ihre Entscheidung leicht. Sie hat keine Lust lange zu warten und wählt die Ärztin aus, bei der man laut Bewertung schneller einen Termin bekommt. So wie Anna Winzer geht es vielen Patienten in Deutschland. In einer emnid-Befragung aus diesem Jahr gaben 53% der Befragten an, dass sie sich mehr Informationen vor einem Arztbesuch wünschen, 27% haben sogar Angst davor ohne diese Informationen nicht den richtigen Arzt zu finden. Das ist einer der Gründe, warum das größte Ärztebewertungsportal jameda monatlich 7 Millionen Seitenaufrufe verzeichnet. Laut der Studie haben sich 60 Prozent der Nutzer von Bewertungsportalen aufgrund dort gefundener Informationen schon einmal für einen bestimmten Arzt entschieden, 43 Prozent schon einmal dagegen. Bei den unter 40-Jährigen sind die Zahlen sogar noch höher.

Die Portale auf dem Markt

Mittlerweile gibt es mehr als 30 Arzt-Bewertungsportale im Netz. Obwohl in der emnid-Befragung über 80% der Befragten angaben, dass ein Arztsuchportal neutral und werbefrei sein sollte, heißt der Marktführer mit großem Abstand jameda. Die Plattform bietet neben der kostenlosen Arztsuche für Patienten auch Premium-Accounts für Ärzte an. Laut eigener Aussage können Ärzte damit nur ihre Profile attraktiver gestalten – auf das Ranking und die Bewertungen hat ihre Mitgliedschaft keinen Einfluss. In der Vergangenheit gab es trotzdem mehrere Rechtsstreitigkeiten, weil das Unternehmen zum Beispiel auf der Seite einer Ärztin Werbung für ihren Konkurrenten anzeigte. Werbefrei und neutral präsentiert sich zum Beispiel "Die Weiße Liste". Das Portal ist ein Projekt der Bertelsmann Stiftung, steht unter Schirmherrschaft der Bundesregierung und wird von den Dachverbänden der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen begleitet.

Startseite von jameda
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Die Funktionsweise der verschiedenen Portale ist ähnlich. Um eine Bewertung abzugeben, muss der Nutzer sich einmalig registrieren – bei jameda reicht eine E-Mail-Adresse, bei der "Weißen Liste" meldet man sich über die Versicherkarte an – und kann dann für einen Arzt einmalig eine Bewertung abgeben. Bei jameda gibt es fünf Pflichkategorien, in denen Schulnoten vergeben werden müssen: Behandlung, Aufklärung, Vertrauensverhältnis, genommene Zeit, Freundlichkeit, plus einen zusätzlichen Freitextkommentar, um die Notenvergabe zu erläutern. Die "Weiße Liste" stützt die Beurteilung auf einen standardisierten, wissenschaftlich entwickelten Fragebogen.

"80% der Bewertungen sind positiv"

Natürlich gibt es Fälle, in denen unzufriedene Patienten sich an ihrem Arzt rächen wollen, doch die gute Nachricht ist: Die meisten Patienten in Deutschland geben ihren Ärzten eine gute bis sehr gute Bewertung. Das deckt sich auch mit Befragungen, die die Krankenkassen oder die Kassenärztliche Vereinigung regelmäßig durchführen. Interessanterweise kommen auf den Bewertungsportalen einige Facharztgruppen durchschnittlich schlechter weg als andere – allen voran: Orthopäden.

Einer aktuellen Studie zufolge wollen 94 Prozent der Befragten auf Bewertungsportalen vor allem wissen, wie hoch die Fachkenntnis des behandelnden Arztes mit der eigenen Krankheit ist. Doch können Patientenbewertungen darauf überhaupt eine objektive Antwort geben? Nein, sagt Stephan Hofmeister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
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Beim Arzt, ähnlich wie beim Jurist oder Architekt, ist es sehr viel schwieriger dessen inhaltliche Qualität zu beurteilen. Ich finde auch Focus-Berichte über die zehn besten Ärzte ähnlich kritisch, wie soll jemand beurteilen, welches die zehn besten Ärzte in einem Fach sind? Ich finde das ist ein Hype, der problematisch ist.

Deswegen wird bei der "Weißen Liste" erst gar keine Beurteilung der fachlichen Kompetenz abgefragt. Hier fordert man eher eine ganz andere Herangehensweise. Ähnlich wie im Krankhausbereich üblich, will die Plattform Leistungs- und Abrechnungsdaten niedergelassener Ärzte veröffentlichen.

Marcel Weigand, Projektmanager bei der Weißen Liste
Marcel Weigand, Projektmanager bei der Weißen Liste Bildrechte: Weiße Liste

In Ländern wie den USA oder den Niederlanden ist die Transparenz im ambulanten Bereich viel weiter. Ich kann dort Fallzahlen einsehen, also wie oft behandelt der Arzt Diabetispatienten und das würden wir uns auch für Deutschland wünschen, auch Informationen über die Ausstattung der Praxis. Viele dieser Daten sind bei den Kassenärztlichen Vereinigungen vorhanden, aber sie werden derzeit nicht freigegeben, um sie im Internet zum Beispiel im Rahmen von Arztsuchen zu veröffentlichen, aber wir würden das sehr begrüßen.

Das fordern auch 65% der Befragten in der emnid-Studie und zweifelsohne würde es die Arztsuche im Netz auch deutlich objektiver gestalten. So gibt es, obwohl ein so großer Anteil an Bewertungen positiv ist, natürlich auch die Fälle, in denen sich Ärzte ungerecht behandelt fühlen. Sie haben dann das Recht, Einspruch einzulegen. Damit gehen die Plattformen unterschiedlich um. Bei jameda wird die Bewertung dann erst einmal offline genommen. Der Arzt muss erklären, warum er mit der Bewertung nicht einverstanden ist, diese Stellungnahme wird an den Patient weitergeleitet, der dann die Möglichkeit hat, sich anonym dazu zu äußern und zu guter Letzt kann der Arzt noch einmal Dinge richtig zu stellen. Ein Mitarbeiter der Qualitätssicherung entscheidet dann, ob die Bewertung wieder online geht oder nicht. Dieser Prozess kann Monate dauern. Bei der "Weißen Liste" läuft das Prozedere ein wenig anders ab.

Wir nehmen das natürlich sehr ernst, aber was wir nicht machen, ist, dass wir einzelne Bewertungen löschen, weil dann müssten wir die Patientenbefragung ja gar nicht durchführen. Die Ärzte haben allerdings die Möglichkeit zu sagen, wir wollen grundsätzlich nicht mehr bewertet werden und dann nehmen wir diese Bewertungen komplett raus, aber es gibt da keine Rosinenpickerei.

Marcel Weigand - "Weiße Liste"

So unterschiedlich die Plattformen auch mit Beschwerden von Ärzten umgehen – eine Herausforderung stellt sich ihnen allen: Die Authentizität von Bewertungen. Zum einen darf jeder Patient jeden Arzt nur einmal bewerten und zum anderen soll durch aufwendige Algorithmen und Sicherheitssysteme gewährleistet werden, dass hinter jeder Bewertung auch ein echter Mensch steckt.

Gekaufte Bewertungen

Mehrfach gab es in der Vergangenheit Skandale um gekaufte Bewertungen auf Arztsuchportalen. Ganze Agenturen soll es in diesem Bereich geben, die die Noten von Ärzten in die Höhe treiben soll. Auch für jameda ein großes Problem.

Kathrin Kirchler von jameda
Kathrin Kirchler von jameda Bildrechte: jameda GmbH

Diese Agenturen gibt es tatsächlich und da muss man auch klar sagen, wo keine Nachfrage ist, also Ärzte, die bereit sind Geld für Fake-Bewertungen auszugeben, da gäbe es auch kein Angebot. Es ist aber so, dass gerade Fake-Bewertungen im größeren Stil relativ einfach zu erkennen sind, also da ist es viel schwieriger mal eine einzige gefakte Bewertung herauszufiltern, als wenn da wirklich System dahinter steckt.

In der Vergangenheit ist jameda schon gegen mehrere Ärzte und auch Agenturen gerichtlich vorgegangen, denn, so betont Kathrin Kirchler, man lebe von authentischen Bewertungen und müsse alles für diese Glaubwürdigkeit tun.

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2018, 09:06 Uhr