Ameise
Bildrechte: imago/Photocase

Entomologie Was Sie noch nicht über Ameisen wussten

In Halle haben sich in dieser Woche Deutschlands Insektenforscher getroffen. Angesichts des Insektensterben steht ihr Forschungsgebiet vor großen Herausforderungen. Und braucht auch unsere Unterstützung im Kampf für die Artenvielfalt der Krabbler. "Finger weg von den Ameisen", würde Berthold Hölldobler etwa sagen. Er ist einer der renommiertesten deutschen Ameisenforscher mit Weltruf und verrät uns Fakten über Ameisen, die nur wenige wissen.

von Karsten Möbius

Ameise
Bildrechte: imago/Photocase

Berthold Hölldobler hat sich schon als kleiner Junge eine nachtaktive Ameisenkolonie in seinem Kinderzimmer gehalten. Die letzten kleinen Nachtschwärmer waren so gegen Mittag in ihrem Bau und der junge Forscher bat immer darum, vorher nicht in seinem Zimmer zu staubsaugen. Seitdem sind Ameisen seine Leidenschaft.

Hier zeigen wir, was an Ameisen so faszinierend macht

Von wegen lästig: Die Ameise

Ameisen polarisieren: Wer sich mit ihnen freiwillig befasst, liebt sie und greift zur Lupe, wenn er sie in der Küche trifft. Alle anderen begeben sich in einen kräftezehrenden Kampf gegen gewaltige Heere.

Portrait einer Rossameise
Der Biss der Rossameise Camponotus ligniperda schmerzt ganz schön. Normalerweise leben sie dort, wo es Laubgehölze gibt - aber sie nisten sich auch gern in Häusern ein. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Portrait einer Rossameise
Der Biss der Rossameise Camponotus ligniperda schmerzt ganz schön. Normalerweise leben sie dort, wo es Laubgehölze gibt - aber sie nisten sich auch gern in Häusern ein. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Kopf einer Braunschwarzen Rossameise in Aufsicht
Bis zehn Jahre werden die Arbeiterinnen dieser Art alt. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
Mikrofoto einer Ameise
Je näher man den Ameisen kommt, Bildrechte: IMAGO
Kopf einer Ameise
...um so menschlicher werden ihre Gesichtszüge. Ähnlich wie wir wohnen sie in hochkomplexen Staaten- und Organisationsgebilden. Bildrechte: imago/blickwinkel
Ameisenhaufen im Wald
Hier sehen sehen wir die eine Hälfte eines Ameisenbaus - die andere ist mindestens genauso groß und liegt unter der Erde. In einem Nest der Roten Waldameise leben beispielsweise zwischen 100.000 und einer Million Ameisen. Bildrechte: imago/blickwinkel
Arbeiter der Blattschneiderameisen (Atta cephalotes) transportieren Blattstücke in ihr Nest
Blattschneideameisen sammeln Blätter, morsches Holz und Blüten, zerkauen und versetzten den Brei mit Kot und züchten sich so einen Pilz als Nahrung. Bildrechte: imago/imagebroker
Schwarze Bohnenläuse werden von Wegameisen als Sklaven gehalten
Andere Arten sind regelrecht bäuerlich unterwegs: Wegameisen halten sich für die Nahrungsproduktion Helfer - Bohnenläuse, die sie melken. Tropische Wanderhirtenameisen tragen Wolläuse zu deren "Weidegründen". Bildrechte: imago/blickwinkel
Honigtopfameise
Bei den Honigtopf-Ameisen in Nordamerika werden einzelne Arbeiterinnen als "Honigtöpfe" genutzt. Sie werden gefüttert und sind mit erbsengroßen Hinterleibern voller Futtersaft bewegungsunfähig. In der Trockenzeit ernähren sie ihre Artgenossen, indem sie die Flüssigkeit aus dem Kropf würgen. Bildrechte: imago/All Canada Photos
Ein Ameisenkopf, makrofotografiert
Mit ihren Fühlern können Ameisen Duftspuren verfolgen. Ameisenexperte Hölldobler sagt: "Ein Milligramm einer Substanz ist genug, um eine effktive Spur dreimal um den Erdball zu legen. Ein Tausendstel Gramm = 120.000 Kilometer." Bildrechte: IMAGO/blickwinkel
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Ameisenhaufen im Wald
Hier ist nur die eine Hälfte des Ameisenhaufens zu sehen - die zweite liegt unter dem Erdboden. Bildrechte: imago/blickwinkel

Im Gespräch mit MDR Wissens-Reporter Karsten Möbius sprudelt der 82-jährige Ameisen-Spezialist Hölldobler gleich los, dass es Ameisen seit 140 Millionen Jahren gibt, dass sie von den Wespen abstammen und dass sie, als sie beschlossen, in der Erde zu wohnen, keine Konkurrenten hatten:

Das ganze terrestrische System war offen und sie konnten es besetzen. Das hat zu einer ungeheuren Vervielfältigung, nahezu zu einer Explosion der Artenbildung und der Nischenbesetzung geführt.

Man lernt, dass die Spezies der Ameisen das gleiche Gewicht an Biomasse auf die Waage bringen wie alle Menschen auf der Erde zusammen, dass die Ameisen eigentlich die Landwirtschaft erfunden hätten. Weil sie nämlich Humus herstellen, um einen Pilz zu züchten, von dem sie sich ernähren und dass vor allem sie die Erde lockern und umwälzen:

Arbeiter der Blattschneiderameisen (Atta cephalotes) transportieren Blattstücke in ihr Nest
Starke Typen: Blattschneideameisen wälzt mehr Erde als der Regenwurm Bildrechte: imago/imagebroker

Ein Blattschneideameisennest im Regenwald wälzt im Laufe seines Lebens 40 Tonnen Erde um. Also es ist nicht der Regenwurm wie man es in der Schule lernt. Die Ameisen sind ganz entscheidend in der Bodenbiologie.

... und man lernt, dass sie entscheidend dazu beitragen, Pflanzenschädlinge zu fressen. Hölldobler hat ein eindringliches Beispiel:

Grüner Eichenwickler (Tortrix viridana
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Diese hügelbauenden Waldameisen vernichten an einem Tag ungefähr 100.000 Räupchen vom Eichenwickler.

Und natürlich weiß er auch, warum innerhalb kürzester Zeit hunderte Ameisen auf genau dem selben Weg in die Küche zum Erdbeerkuchen unterwegs sind: 

Wenn eine Späherin diesen Kuchen entdeckt, läuft sie zurück, legt eine chemische Spur und alarmiert ihre Netzgenossinnen. Die folgen dieser Spur bis zum Kuchen und wenn die einverstanden sind, dass das gut schmeckt, dann legen die auch alle eine Spur. Und da wird natürlich die Konzentration dieses chemischen Signals immer stärker und da kommen immer mehr raus.

Woher wissen Ameisen, wo der Kuchen steht?

Hölldobler hat vor allem die Drüsen der Ameisen erforscht. Die senden Duftstoffe aus, mit denen die Ameisen kommunizieren und so ihr Zusammenleben steuern. Die Nasen der Ameisen sind ihre Antennen und so sensibel, dass die besten Spürhunde gegen sie Dilettanten sind. Kleinste Mengen Duftstoff reichen, um einen Weg zu markieren:

Ameisenstraße
Wir schlagen sie tot, doch es kommen immer neue nach. Warum? Bildrechte: imago/Mattias Christ

Ein Milligramm von dieser Substanz ist genug, um eine effktive Spur dreimal um den Erdball zu legen. Ein Tausendstel Gramm = 120.000 Kilometer.

Hölldobler ist überzeugt: Wenn Außerirdische vor zehn Millionen Jahren auf die Erde gekommen wären und hätten ein Blattschneideameisennest mit seiner Arbeitsteilung und der Pilzzucht entdeckt, wären die absolut beeindruckt gewesen:

Wenn die das gesehen hätten, dann wären die zu dem Schluss gekommen: Das muss absolut die höchste Stufe der Sozialität sein, die je auf diesem Erdball entstehen kann.

Ameisen-Kino auf dem Küchenboden

Das sehen die meisten Irdischen außer Berthold Hölldobler und Kollegen wahrscheinlich anders. Und stellen zu Hause schon mal die eine oder andere Ameisenfalle auf.

Ich sag' ja immer zu den Leuten, wenn sie mich anrufen: 'Wir haben Ameisen in der Küche, was sollen wir machen?' Ich sag dann: 'Wie schön! Kaufen Sie sich ein Vergrößerungsglas, gehen Sie auf Ihre Knie und schauen Sie zu. Sie werden begeistert sein.

Hände in Gummihandschuhen verteilen Scheuermittel auf Fliesen.
Regelmäßiges Wischen beseitigt langfristig lästige Ameisen-Duftpfade Bildrechte: Colourbox.de

Und wenn Sie den Sturm auf ihren Erdbeerkuchen verhindern wollen: Die Lösung ist Wischen. Einfach immer mal mit Seifenlösung die Duftspur wegwischen. Irgendwann haben die Ameisen die Nase voll, weil sie merken, dass mit ihrer Spur irgendetwas nicht stimmt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 17. März 2019 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 08:54 Uhr