Mutmacher Feinde in meinem Kopf: Humor gegen Tumor

Wie fühlt es sich an, in einem Supermarkt ohnmächtig zu werden und mit der Erkenntnis wieder aufzuwachen, dass man einen Hirntumor hat? Wie fühlt es sich an, diese Krankheit zu überleben und acht Jahre später erneut die gleiche Diagnose zu erhalten? Dann ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos. Anja Walczak kämpfte sich zweimal zurück ins Leben und hat ein Buch darüber geschrieben. Mit Offenheit und gnadenlosem Galgenhumor.

Anja Walczak heute
Bildrechte: Karsten Möbius / MDR

Da habe ich gedacht, das gibt´s doch alles gar nicht.

Vor zehn Jahren bekam Anja Walczak gesagt, sie habe einen faustgroßen gutartigen Hirntumor. Da war sie gerade 33 Jahre alt. Sie überlebte und wurde gesund. Acht Jahre später erhielt sie erneut eine Diagnose, diesmal waren es acht gutartige Tumore.

Eine schreckliche Situation für mich. Der Horrortrip durchs Neuroland ging also weiter. Ich hatte wahnsinnige Angst.

Nach einer weiteren Operation konnte sie keinen Satz zu Ende sprechen. Sie verstand die Handlung von ganz einfachen Fernsehserien nicht mehr. Wenn sie eine Zeitungsmeldung las, wusste sie am Ende nicht mehr, was am Anfang stand. Rechenaufgaben wie 3 x 3 zu lösen, war undenkbar. Dass sie eines Tage ein Buch über all das schreiben würde, erst recht nicht. Ein Schlüsselerlebnis im Krankenhaus führte sie aus der Krise. In ihrer Panik wollte sie nur noch raus aus dem Krankenhaus, fand aber den Ausgang nicht. Sie landete auf der Kinderkrebsstation.

Da sehe ich ein Kind ohne Haare. Und dieses Kind lächelt mich an. Und da denke ich: Wahnsinn! Es gibt noch Schlimmeres als dein Schicksal. Also Kopf hoch und lächle zurück. Du bist es dem Kind schuldig, wenigstens zurück zu lächeln. Und ab dem Zeitpunkt habe ich gedacht: Okay Kind, wir schaffen das zusammen.

Anja Walczak hat es geholfen, dass eigene Schicksal zu relativieren, zu sehen, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht. Während andere an ihrer Stelle in Angst und Kummer vergehen, schafft sie es, nach vorn zu schauen und positiv zu denken. So hat sie zum Beispiel für sich selbst festgelegt, keine bösen Wörter für ihre Krankheit und die Therapie mehr zu benutzen:

Anja Walczak - Bestrahlung
Bestrahlung? Anja Walczak hat daraus "Sonnenstudio" gemacht - ein positives Wort. Bildrechte: Anja Walczak

Ich sage nicht, ich gehe zu Bestrahlung. Das klingt für mich so wie verstrahlt zu werden. Ich sage, ich gehe ins Sonnenstudio. Das ist ein positives Wort, und das hilft mir, Gedanken auszuhalten wie: Oh Gott, was brutzeln die jetzt weg in Deinem Kopf.

Und noch etwas zaubert Anja Walczak Freude und Lebenslust ins Gesicht, ohne dass sie sich verstellen muss. Sie hat Artus, einen Golden Retriever. Der lebt einfach im Moment, der denkt nicht darüber nach, was gestern war oder was morgen sein wird. Er freut sich einfach seines Lebens, besonders, wenn er sein Frauchen sieht. Für ihren Alltag als Patientin hat sie viel von ihm gelernt.

Ich lese zum Beispiel die Beipackzettel nicht. Weil ich dann denke, ich kriege all diese Nebenwirkungen auch. Und so war das auch bei den Operationen. Man muss ja unterschreiben, dass man die ganzen Risiken kennt. Das hab' ich gemacht, es mir aber nicht durchgelesen. Ich musste da ja durch, aber ich wollte einfach nicht wissen, was da alles passieren kann.

Die Ärzte sagen: Anja Walczak sei zu 80 Prozent geheilt. Es bestehe ein Restrisiko von 20 Prozent, dass wieder Tumore auftauchen. Einmal im Jahr muss sie zur Nachkontrolle. Zu diesem Termin geht sie mit großer Angst im Gepäck.

Aber da sage ich mir: Okay, an dem einen Tag hast du Angst, aber du hast immer noch 364 andere Tage, an denen darfst du dich einfach wohlfühlen.

Wenn sie wieder mal auf blöde Gedanken kommt, denkt sie an Nelson Mandela. Der saß 30 Jahre lange auf einer Insel im Gefängnis, ohne Hoffnung jemals freizukommen. Und was ist aus ihm geworden? Der Präsident von Südafrika. Auch das kann man vom Schicksal lernen, sagt Anja Walczak. Ihr Buch "Feinde in meinem Kopf" steht jetzt im Regal der Buchhandlungen. Neben Büchern von Menschen, die den Kampf gegen ihre Krankheit irgendwann verloren haben. Trotzdem will sie mit ihrer Geschichte Mut machen.

Eigentlich müssten sie jetzt einen Pfeil an mein Buch machen, auf dem steht: 'Lebt noch!'

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 05.03.2017 | 06:10 Uhr