Expedition aus Jena Die Antarktis wird grüner

Wer an den südlichsten Kontinent der Erde denkt, denkt an Eiswüsten und Pinguine. Möglicherweise müssen wir unsere Vorstellung bald korrigieren. Schuld ist der Klimawandel, wie Forscher aus Jena jetzt zeigen.

Grün-felsiges Gebiet auf der König-Georg-Insel
Rund um die Forschungsstation Bellinghausen wird es im Sommer immer grüner. Bildrechte: Christina Braun/FSU

Für Fans von Schottland, den Färöer-Inseln oder Island scheint sich ein neues, exotisches Reiseziel aufzutun: Eine frische Brise am Meer und steinig-grüne Graslandschaften gibt es nicht nur im Nordantlantik, sondern jetzt auch in der Antarktis. Ein Grund zum Jubeln ist das aber nicht. Ort der Besorgnis ist die König-Georg-Insel im Südpolarmeer, etwa 120 Kilometer vom antarktischen Festland entfernt. "Die Antarktis wird in dieser Region von Jahr zu Jahr grüner", sagt die Forscherin Christina Braun vom Institut für Ökologie und Evolution der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Graspflanze Antarktische Schmiele: Nahaufnahme eines Grasbüschels zwischen Steinen
Antarktische Schmiele auf der Petermann-Insel Bildrechte: Wikimedia Commons/Lomvi2 (CC BY-SA 3.0)

Im zurückliegenden Sommer – auf der Südhalbkugel analog zu unserem Winter – haben Braun und drei weitere Kollegen die antarktische Pflanzen- und Tierwelt rund um die russische Forschungsstation Bellingshausen untersucht, nahe der chilenisch-antarktischen Siedlung Villa Las Estrellas. Ihre Feststellung: Die dort beheimatete Grasart Deschampsia antarctica (Antarktische Schmiele) breite sich rasant aus, da Gebiete durch den Klimawandel länger eisfrei bleiben. Die Pflanze ist nur eine von zwei heimischen Samenplanzen der Antarktis. Sie kommt auch im äußersten Süden Südamerikas vor und wird nur bis zu dreißig Zentimeter hoch.

Möwen und Schwalben kommen

Das thüringer Forscherteam hat aber nicht nur Gräser beobachtet, sondern auch Tiere: "Wir dokumentieren in einem jeweils definierten Gebiet zum Beispiel die Anzahl von Brutpaaren, die Verbreitung von Brutplätzen und den Bruterfolg von Seevögeln. Aus diesen Datensätzen lassen sich über die Jahre Veränderungen ablesen und so der Zustand des Ökosystems beurteilen", so Christina Braun. International gesehen gebe es kaum vergleichbare Beobachtungen über einen so langen Zeitraum. Und auch in der Fauna zeichnen sich erste Ergebnisse ab: Besonders Möwen und Seeschwalben würden die nun sommergrünen Gebiete schnell besiedeln.

Blick auf den einem Container-Dorf ähnelnden Ort Villa Las Estrellas an einer Bucht auf der König-Georg-Insel in der Antarktis. Grau-brauner Boden, vereinzelt Schnee.
Im Sommer ist das Gebiet rund um die chilenische Siedlung Villa Las Estrellas auf der König-Georg-Insel in der Antarktis eisfrei. Bildrechte: Wikimedia Commons/SnowSwan (CC BY-SA 3.0)

Muscheln durch schnellen Klimawandel bedroht

Am Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main hat man unterdessen festgestellt, dass eine Reihe von Lebewesen besonders unter dem Klimawandel leiden, an die viele vielleicht nicht sofort denken: Wie die Wissenschaftlerin Shan Huang zusammen mit amerikanischen Kollegen herausfand, schadet ein schneller Klimawandel besonders Muscheln. Zwar bevölkern die Meeresbewohner schon seit vielen Millionen Jahren unsere Erde und haben einige Klimawandel erlebt. Durch ihre begrenzte Mobilität können sie sich aber nur langsam an eine sich zu ihren Ungunsten verändernde Umgebung anpassen, weshalb die Individuen vor Ort ausstarben.

Auch Christina Braun und die Forscher aus Jena haben – neben ihren Landbeobachtungen – einen Blick auf den Zustand des Meeres geworfen. Und dabei festgestellt, dass Plastikmüll nicht nur an den Traumstränden von Bali, sondern auch in den eher unwirtlichen Buchten der Antarktis ein großes Problem darstellt. Netze, Flaschen und Folien werden von Seevögeln gefressen und an ihre Jungtiere weitergeben. Ausgerechnet die Tiere, die das warme Sommerwetter überhaupt erst verstärkt anlockt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 22. März 2019 | 08:13 Uhr