Raffinerie in Leuna nachts
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Wissenschaftler fordern eine neue Zeitrechnung Leben wir im “Anthropozän“?

Geologen sagen ja. Es ist das Zeitalter der Menschen. Auf dem Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt stimmten sie mit überwältigender Mehrheit dafür, den Terminus einzuführen.

Raffinerie in Leuna nachts
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Reden wir über die Zeitalter der Erde. Pleistozän fällt einem da ein – die Eiszeit. Oder – 60 Millionen Jahre her – die Kreidezeit, in der die meisten Dinosaurier ausstarben. Wer weiß, dass wir im Holozän leben? Sicher nur wenige. Und die können das auch gleich wieder vergessen. Das zumindest fordern die führenden Geologen der Welt. Denn wir leben im “Anthropozän“, dem Zeitalter der Menschen. Auf ihrem Kongress in Kapstadt haben sie sich fast einstimmig (34 von 35) für diesen Vorschlag entschieden.

Kein „Present“ mehr?

Bisher leben wir im Holozän. Das begann vor rund 12.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit. Holozän ist griechisch und bedeutet so viel wie “das völlig Neue“. Viele Wissenschaftler benutzten stattdessen jedoch auch den Begriff “Present“, also Gegenwart. All das wird unserem Zeitalter nicht gerecht, glauben die Geologen, die in einer Arbeitsgruppe des Kongresses gemeinsam den Vorschlag entwickelt haben. Sie sind davon überzeugt, dass wir spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts in einem von Menschen veränderten Zeitalter leben.

Klimawandel
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Pro und Kontra

Die Gegner des Projekts glauben, dass der bisherige Name bereits den Einfluss des Menschen beinhaltet und daher keine Änderung nötig sei. Zumal das Holozän mit seinen knapp 12.000 Jahren gerade mal ein Zweihundertstel des Pleistozän gedauert hat. Die Befürworter dagegen meinen, dass der beispiellose und dauerhafte Einfluss des Menschen auf die Erde ein neues Zeitalter rechtfertigt. “Viele dieser Veränderungen sind geologisch dauerhaft und manche sind praktisch unumkehrbar“, schreibt die Arbeitsgruppe. Für sie ist der neue Name ein Weg zur Rettung der Erde, eine Art Initialzündung für eine Umkehr, ein neues globales Bewusstsein.

Anthropozän? Geprägt wurde der Begriff “Anthropozän“ im Jahr 2000 von dem US-Biologen Eugene Stoermer und dem niederländischen Meteorologen Paul Crutzen, dem früheren Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz. Seitdem wird das Wort ständig verwendet, aber nicht als offizielle Epoche. Der Begriff könnte man übersetzen mit “das menschlich (gemachte) Neue“. Bis der Begriff des Menschen-Zeitalters tatsächlich in die geologische Zeitskala übernommen wird, dürften jedoch noch einige Jahre vergehen.

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2016, 13:09 Uhr