eingefärbte Aufnahme von MRSA-Keimen
Bildrechte: imago/Science Photo Library

Schreckensszenario Antibiotika-Resistenz Kein Wirkstoff funktioniert ewig

Krankheitserreger, die nicht mehr von Antibiotika gestoppt werden können – das ist eine Horrorvorstellung, die immer öfter Realität wird. Deshalb ist es auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, sagt der Mann, der in Deutschland vermutlich an vorderster Linie in diesem Kampf steht: Prof. Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI).

eingefärbte Aufnahme von MRSA-Keimen
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1,85 m, athletische Figur, volles Haar, randlose Brille, offener Blick. Professor Lothar Wieler sieht aus wie jemand, der anpacken kann. Und er ist ein Mann mit einer Mission. Er möchte uns zu aufgeklärten Patienten machen. Zu Patienten, die die Entscheidungen ihres Arztes kritisch hinterfragen. Denn nicht bei jedem Husten muss gleich ein Antibiotikum verschrieben werden. Wir Patienten sind mündige Bürger, sagt Wieler bei seinem Vortrag am Mittwochabend in der Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Halle/S.: "Die Gesundheitskompetenz der Patienten steigt auch in Deutschland kontinuierlich. Und es ist ein Teil der Verantwortung, dass Patienten den Arzt fragen, welches Medikament es sein soll." 

Prof. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts
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Der Grund ist klar: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto besser stellen sich die Bakterien darauf ein. Und kein Wirkstoff funktioniert ewig. Es ist also ein ständiger Wettlauf, weltweit. Im Augenblick liegen die Bakterien vorn, denn wir haben versäumt, neue Antibiotika zu entwickeln, so Wieler, dessen Spezialgebiet Infektionskrankheiten sind. Forscher und Pharmaindustrie hatten falsche Ansätze und es gab kaum wirtschaftliche Anreize für neue Antibiotika, sagt der RKI-Präsident. Daher gibt es immer noch einen Riesenlücke zwischen der Grundlagenforschung in Universitäten und den Wirkstoffen, die für die Patienten verfügbar sind. Und die Entwicklung neuer Antibiotika ist extrem aufwändig, langwierig und teuer.

Wie die Engländer sagen: Peel it, cook it or leave it!

Prof. Lothar Wieler

Das bedeutet, dass der Staat einspringen muss, um die Entwicklung neuer Antibiotika zu beschleunigen. Eine der Aufgaben, die das Robert-Koch-Institut koordinieren hilft. Und auch die internationale Zusammenarbeit gehört dazu. Denn die Erreger machen an den Grenzen nicht halt. Auch wir transportieren sie über den ganzen Globus. Denn der Mensch kann antibiotikaresistente Keime auf und in sich tragen, ohne sofort daran zu erkranken. Damit ist der Mensch einer der Hauptüberträger der Bakterien.

Einführung für Prof. Lothar Wieler zum Vortrag "Antibiotika-resistente Bakterien: eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung"
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Selbst aus dem Urlaub können wir sie mitbringen, vor allem dann, wenn wir in tropischen Ländern unterwegs waren. Dann sind wir wieder gefragt – als mündige Bürger mit Gesundheitskompetenz, sagt Professor Wieler: "Wenn ich in so einem Land gewesen bin und aus irgendwelchen Gründen muss ich hinterher ins Krankenhaus, dann muss ich das meinem Arzt mitteilen, so dass er eventuell Maßnahmen trifft. Denn, wenn man aus bestimmten Risiko-Ländern kommt, dann wird man z. B. in einem Krankenhaus anders hygienisch behandelt als wenn man nicht daher kommt."

Das Thema der Resistenzen ist inzwischen so wichtig, dass die UNO für September in New York ein Treffen der Staatschefs angekündigt hat, ein sogenanntes high-level-meeting. Es ist erst das 4. Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen, dass so ein Meeting zu einem Gesundheitsthema angesetzt wird. Bisher geschah das bei HIV, nichtübertragbaren Krankheiten (Herz-Kreislauf, Atemwege, Diabetes, Krebs) und Ebola.

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2017, 15:13 Uhr