Suchtforschung Dresdner Forscher untersuchen Crystal- Schwangerschaften

Methamphetamin-Kristalle, auch Crystal genannt, sind in Sachsen Dauerthema, denn die Zahl der Crystal-Süchtigen bleibt konstant hoch. Das ist auch auf den Geburtsstationen zu bemerken. Immer wieder werden die Mitarbeiter mit schwangeren Konsumentinnen und geschädigten Neugeborenen konfrontiert. In einer Studie haben sich Forscher der TU Dresden und des Dresdner Universitätsklinikums diese Schwangerschaften genauer angeschaut - die Ergebnisse sind Besorgnis erregend.

von Kristin Kielon

Sachsen hat ein Drogenproblem: Nirgendwo sonst in Deutschland grassiert die Methamphetamin-Sucht so wie in Sachsen. Die meist als Crystal bezeichnete Droge macht in kürzester Zeit schwer abhängig, die Zahl der Konsumenten ist stetig gestiegen. Ein Drittel der Menschen, deren Crystal-Sucht in sächsischen Kliniken behandelt werden, sind Frauen, sagt Dr. Uwe Schmidt, Leiter der Forensischen Medizin an der Technischen Universität Dresden:

Deutschlandweit liegt der Beratungsbedarf für Stimulanzien, insbesondere Crystal, bei 6,9 Prozent. In Sachsen liegt der Beratungsbedarf bei 23,8 Prozent. Wir haben in Sachsen wirklich eine eigene Struktur an Stimulanzienabhängigen. Das schlägt bis in die Geburtskliniken durch.

Dr. med. Uwe Schmidt - TU Dresden

Wie viele Betroffene gibt es in Sachsen?

Etwa zwanzig Kinder von Crystal-Konsumentinnen kamen zuletzt allein im Dresdner Universitätsklinikum pro Jahr zur Welt, erklärt Schmidt. Die Daten von 115 dieser Frauen hat er in einer Studie ausgewertet. Bisher gab es im deutschsprachigen Raum noch keine Untersuchungen zum Thema Crystal und Schwangerschaft. Eine Studie aus Kalifornien zeigt Schmidt zufolge aber, dass es negative Auswirkungen gibt:

Man hat gesehen, dass in der Gruppe der Crystal-belasteten Schwangerschaften die Rate der Frühgeburtlichkeit deutlich angestiegen ist, insbesondere die Rate der extremen Frühgeburtlichkeit. Für die schwangere Frau gibt es ein mütterliches Risiko: Schwangerschaftsbluthochdruck, Schwangerschafts-Komplikationen wie die Präeklampsie oder auch den Abort.

Dr. med. Uwe Schmidt - TU Dresden
Frühchen im Brutkasten
Eine mögliche Folge der Sucht: Frühgeburt Bildrechte: colourbox.com

Die Forscher wollen wissen, inwiefern sich das auch in Deutschland zeigt. Deshalb haben sie die Patientenakten der Crystal-Schwangeren ausgewertet. Und tatsächlich kam es häufiger zu vorzeitigen Wehen, Muttermundschwäche oder dem Hang zu Frühgeburten. Auch die Rate der im Mutterleib verstorbenen Kinder lag mit dreieinhalb Prozent weit über dem Referenzwert von 0,35 Prozent. Und noch etwas ist den Forschern aufgefallen, ergänzt Schmidt:

Die Crystal-konsumierende Schwangerschaft ist jünger als die durchschnittliche Schwangere. Die Frauen sind häufig allein stehend. Das ist auch signifikant erhöht. Und die Frauen gehen signifikant häufiger keiner Berufstätigkeit nach.

Dr. med. Uwe Schmidt - TU Dresden

Wie erkennen Gynäkologen Suchtsymptome?

Außerdem würden die Crystal-Konsumentinnen die Schwangerschaft häufig erst spät bemerken. Nur rund die Hälfte von ihnen habe die Schwangerschaft vor der kritischen 13. Schwangerschaftswoche erkannt. Das kann für Frauenärzte ein Hinweis sein, so Schmidt. Gynäkologen sollten aufmerksam sein: Wenn eine Frau relativ spät zur Vorsorgeuntersuchung kommt, könnte das möglicherweise ein Grund für Crystal-Missbrauch sein.

In dem Fall brauchen die Schwangeren eine intensive Begleitung durch diese Hochrisiko-Schwangerschaft, ergänzt Schmidt. Das wichtigste sei, die Frauen auf dem Weg aus der Sucht zu unterstützen. Denn trotz Schwangerschaft werde häufig weiter konsumiert. Und das bedeutet natürlich auch, dass das Kind die Droge mit konsumiert, sich nicht richtig entwickelt und womöglich mit einem Entzugssyndrom schon krank das Licht der Welt erblickt.

Ultraschallaufnahme eines fünf Monate alten Fötus.
Bildrechte: dpa

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 12:23 Uhr

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