Neue Methode Elektroden gegen Depressionen

Operationen am und im Hirn sind nichts Besonderes mehr. Parkinson-Patienten werden damit behandelt oder auch Menschen mit Tourette-Syndrom. Können Elektroden auch Menschen mit schweren Depressionen helfen?

Die Methode ist nicht neu: 150.000 Parkinson-Patienten tragen bereits Elektroden in ihrem Gehirn. Nun heilten Forscher von der Universität in Freiberg damit schwere Depressionen.

Tiefe Hirnstimulation

Dabei werden zwei kleine Löcher in den Schädel gebohrt und die Elektroden ins Hirn eingebracht, erklärt Professor Dr. Thomas Schläpfer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg. Tiefe Hirnstimulation nennt sich diese Methode. Der Patient ist bei vollem Bewusstsein, während die Elektroden ins Belohnungszentrum des Gehirns geschoben werden. Dort geben sie 24 Stunden am Tag Strom-Impulse von drei Milliampere ab. Schläpfer vergleicht das mit natürlichen Impulsen, die vom Herz ausgehen, um einen Herzschlag anzuregen. Er leitet die Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie.

Darstellung eines menschlichen Schädels, auf dem sich zwei dünne Kabel befinden, die bis ins Innere des Gehirns reichen. Sie enden in einem bunten Bereich, der das Belohnungszentrum darstellen soll.
Zwei dünne Kabel reichen ins Hirn-Innere. Bildrechte: Universität Freiburg

OP bei vollem Bewusstsein

Über welchen Weg die kleinen Stromimpulse ins Hirn kommen, klingt sehr martialisch und tut schon beim Lesen weh, gilt in der Branche aber als Standard OP. Der Impuls kommt von einem Kästchen, ähnlich einem Herzschrittmacher, groß wie eine Streichholzschachtel, nur etwas flacher. Das wiederum ist im Brustbereich unter der Haut implantiert. Von dort führen, ebenfalls unter der Haut, dünne Kabel hinter dem Ohr zur Stirn und über zwei kleine Löcher in der Stirn, direkt ins Belohnungszentrum.Sie werden mit Plastikklappen verschlossen und sind, weil nahe am Haaransatz, kaum sichtbar.

Veränderung während Operation

Porträt von Prof. Dr. Thomas Schläpfer. Er hat graue Haare und trägt eine schmale Brille. Sein Gesicht ist in eine Hand gestützt.
Prof. Dr. Thomas Schläpfer Bildrechte: Universität Freiburg

16 Probanden zwischen 18 und  65 Jahren ließen sich bislang operieren. Alle litten unter schweren Depressionen und galten als nicht therapierbar, lebten sehr zurück gezogen und konnten keine Freude mehr empfinden.  Schon während der OP hätten die Freiberger Forscher an ihnen Veränderungen beobachtet, sagt Professor Schläpfer:

Ganz plötzlich, ganz kurz nach Einschalten der Stimulation, nehmen die Kontakt auf mit der Umgebung, beginnen zu sprechen, nehmen die Umgebung war. Manche sagen schon  bei der Operation spontan, 'ich könnte nächsten Sommer dort und dort in die Ferien gehen'.

Thomas Schläpfer

Skeptiker: Keine Methode für viele

Mann mit Brille
Prof. Ulrich Hegerl Bildrechte: MDR/Stefan Straube

Die Hälfte der 16 Probanden hat laut Studie heute keinerlei Symptome mehr. Der anderen Hälfte gehe es deutlich besser. Allerdings gab es eine Vergleichsgruppe, die gleiche Ergebnisse zeigte, kritisiert Professor Ulrich Hegerl, der Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Diese Patienten bekamen ebenfalls Elektroden implantiert, wurden allerdings nicht elektronisch stimuliert.

Man muss wissen, dass auch schon die ganze Suggestivkraft so einer Operation therapeutisch wirksam ist. Und die Menschen, bei denen dieses Verfahren in Frage kommt, das sind nur ganz, ganz wenige.

Ulrich Hegerl

Fünf Millionen Menschen sollen in Deutschland unter Depressionen leiden. Zehn bis dreißig Prozent seien nicht therapierbar. So eine OP sei nur für die schwersten Fälle geeignet, bestätigt Thomas Schläpfer. Er glaubt an die Methode und arbeitet bereits an der nächsten Studie mit 50 Patienten. Sie soll die Grundlage werden für eine Zulassung in Europa, hofft er. Erst diese Folgestudie wird zeigen, ob zwei kleine Elektroden im Gehirn eine weitere Möglichkeit sind, die Krankheit Depression zu lindern, wenn nicht gar zu heilen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 19. März 2019 | 06:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 05:00 Uhr