Wissen, was wir lesen Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese

Albrecht Wagner
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Was unterscheidet uns Menschen von den Tieren? Eine alte, aber nach wie vor spannende Frage, auf die ein Buch des Anthropologen Michael Tomasello, langjähriger Co-Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, eine Antwort bietet - eine sehr schlüssige, wie MDR WISSEN-Redakteur Albrecht Wagner findet.

Cover Mensch werden
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Worum geht es?

Sind wir einfach die schlauesten Affen oder doch etwas ganz Besonderes? Das Buch zeigt, was uns grundsätzlich von allen, auch den höchstentwickelten Tieren unterscheidet und woher diese Einzigartigkeit kommt. Von der Evolution haben wir besonders große Gehirne, geschickte Hände und flexible Sprechwerkzeuge bekommen. Aber damit mit dieser Grundausstattung unsere (bei allen Problemen) hochentwickelte Zivilisation entstehen konnte, musste etwas hinzukommen. Das Buch versucht, dieses geheimnisvolle "Etwas" zu finden.

Autor Michael Tomasello stellt dafür die Frage neu, wann ein Mensch zum Menschen wird. Seine verblüffend plausible Antwort: Nicht mit der Geburt, sondern in der frühkindlichen Entwicklung.

Albrecht Wagner

Vergleichende Experimente mit Affen und Kleinkindern schälen einen entscheidenden Punkt heraus. Wir Menschen können gedanklich und in unserer Wahrnehmung aus unserem Ich heraustreten und die Perspektive anderer Menschen und der "Menschen überhaupt" einnehmen. Diese Kategorie des Objektiven haben Tiere nicht. Sie bleiben in der "Ich-Perspektive". Wir Menschen verstehen uns dagegen nicht nur als Einzelwesen, sondern auch als "Wir", als eine Gruppe mit gemeinsamen Interessen, die für uns persönlich bindend sind und bei denen wir als Kleinkinder lernen, sie mit unseren individuellen Interessen in Einklang zu bringen.

Das Buch beschreibt die Entwicklungspfade, die uns über gemeinsame Aufmerksamkeit, kooperative Kommunikation und soziale Normen zum Menschen im vollständigen Sinn machen, einem Wesen, das verantwortlich und im Rahmen übergeordneter Werte eigenständig handelt.

Entwicklungsstufen Mensch - Affe
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

Durch die faszinierende Frage und die durchdachte, offene und fundierte Art, wie Michael Tomasello sich der Antwort nähert und sie begründet. Was uns zum Menschen macht, gehört zu den größten Menschheitsfragen. Michael Tomasello entwickelt seine Antwort quasi vor dem geistigen Auge des Lesers. Basis sind jahrzehntelange vergleichende Verhaltensforschungen bei Affen und Kleinkindern. Tomasello beschreibt zahllose Beobachtungen und Experimente und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen. Immer wieder zeigt er, was wir mit Affen gemeinsam haben und wo der Mensch komplett eigene Wege geht. Ein Gefühl der Fairness haben Affen beispielsweise nicht. Tomasello erklärt, dass es dafür die Perspektive des über dem "Ich" stehenden "Wir" braucht, um dieses Verständnis zu entwickeln.

Die Frage nach den Quellen der Moral, die von vielen Philosophen und Religionen gestellt wird, bekommt in dem Buch eine sehr nachvollziehbare und fast nüchterne Erklärung. Sie wird nicht von außen gegeben, sondern entsteht als Bewusstseinstatsache im Kleinkind, wenn es sich als Mitglied der Gruppe erlebt und die Normen der Gruppe als notwendig für das eigene Zurechtfinden verinnerlicht. Automatisch kommt das Verständnis, dass Normen, die ich bei anderen brauche, auch von mir selbst respektiert und befolgt werden müssen. Daraus entwickelt sich der Sinn für moralische Verpflichtung. Das Selbstverständnis von Tieren ist "ich will". Bei uns Menschen kommt ein zweiter, uns genauso grundsätzlich ausmachender Aspekt hinzu. Wir sehen unsere Existenz als "ich will" und "ich soll".

Wer hat's geschrieben?

Michael Tomasello
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Michael Tomasello, Jahrgang 1950, US-amerikanischer Psychologe, Neurowissenschaftler, Anthropologe und Verhaltensforscher. Von 1998 bis 2018 war er Co-Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Seine zahlreichen Studien mit Affen hat er hauptsächlich im Primaten-Forschungszentrum im Zoo Leipzig durchgeführt. Er ist Ehrendoktor der Uni Leipzig und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Cover Mensch werden
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Die Daten zum Buch Michael Tomasello: Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag 2020, 542 Seiten, 34 €, ISBN: 978-3-518-58750-8

Wie ist es geschrieben?

Gut verständlich und nachvollziehbar. Das will bei einem so komplexen und in große Theorietiefen führenden Thema eine Menge heißen. Michael Tomasello bündelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus Jahrzehnten der Forschung zu einem klar strukturierten Gedankengebäude, das er Stück für Stück entwickelt und zusammensetzt. Alles beruht auf Studien und Experimenten, die er beschreibt und die seine Überlegungen konkret und nachvollziehbar machen. Er ist ein souveräner Geist, der sein Thema komplett überblickt und dadurch verständlich strukturiert wiedergeben kann. Neben seine eigenen Forschungen stellt er gleichberechtigt zahlreiche frühere oder aktuell bei anderen Teams laufende Studien. Beim Lesen überträgt sich seine Lust, etwas wirklich bis zum Grunde wissen zu wollen. Das Buch verlangt Konzentration und Mitdenken, aber der Lohn, etwas über unser tiefstes Wesen als Menschen zu erfahren, ist gewaltig. 

Widmung aus Michael Tomasello "Mensch werden"
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Was bleibt hängen?

Dass gemeinsames Jagen bei Affen kein Teamwork im menschlichen Sinn ist sondern "Gemeinsamkeit im Ich-Modus". Die anderen sind nur "soziales Werkzeug", nicht Partner. D.h.: hinterher gibt es keine gerechte Verteilung, sondern jeder nimmt, was er kriegen kann. Und dass Tiere "keine Grammatik" haben. Ihre Sprach-/Kommunikationsformen können konkrete Objekte bezeichnen, aber nicht in Zusammenhänge bringen. Eine Banane bleibt für den Affen eine Banane, während sie für uns gleichzeitig Nahrung, Ziel (wenn wir sie haben wollen) oder, wenn sie zwischen einem Apfel und einer Orange liegt, die Mitte ist. Außerdem sollten wir unseren Eltern für die vielen Leckerbissen aus der Kindheit dankbar sein. Orang-Utan-Mütter haben in einem Experiment, bei dem nur ihre Jungen eine bestimmte Nahrung erwischen konnten, ihnen beim Heranholen geholfen, aber die Nahrung dann eiskalt selbst verspeist.

Albrecht Wagner
Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent Macht Wissen hörbar bei MDR Aktuell, MDR Kultur und MDR Jump. Spezialgebiet Kompliziertes leicht und unterhaltsam. Und: Denkt in Schüttelreimen: "Wozu tat Gott uns Hirne bauen – wenn wir uns auf die Birne hauen."

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