Wissen, was wir lesen Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands

Karolin Dörner: Weiße junge Frau mit mittellangen, offenen Haaren mit Mittelscheitel. Hintergrund tiefenunscharf mit viel grün.
Bildrechte: Tobias Thiergen

"Wer das Buch einmal aufgeschlagen hat, der ist erstmal weg", sagt Karolin Dörner über den ersten vollständigen Schmetterlings-Atlas seit 40 Jahren. "Dieses Riesenwerk ist dabei nicht nur hilfreich, sondern auch wunderschön und unglaublich interessant", findet die MDR WISSEN Autorin, die sich ausführlich mit der Neuerscheinung beschäftigt hat.

Das Cover zeigt einen braun-gelben Schmetterling auf einer Staude mit blauen Blüten
Bildrechte: Verlag E. Ulmer

Ich wäre gerne dieser Mensch, der Vögel am Gesang, Bäume an den Blättern und Insekten am Gesurre erkennen würde. Bin ich aber nicht! Als ich vom Schmetterlingsatlas erfahren habe, dachte ich mir aber: Zeit das zu ändern! Ich will jetzt Schmetterlinge bestimmen. Dieses Riesenwerk ist dabei nicht nur hilfreich, sondern auch wunderschön und unglaublich interessant. Und ich stelle fest: Nur weil er hell leuchtet, ist es noch lange kein Zitronenfalter.

Worum geht es?

Der "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands" ist ein Atlas. Das heißt, es handelt sich nicht um eine sprachlich hübsch aufgearbeitete Geschichte über Schmetterlinge, sondern hier werden ganz faktisch 184 Tagfalter und 24 Widderchen abgearbeitet, mit Foto, Infos und Karte, wo sie wann vorgekommen sind. Man erfährt, was sie bedroht und auch, wie man sie schützen kann; immerhin sind 40 Prozent von ihnen bestandsgefährdet oder bereits ausgestorben.

Das Besondere: So vollständig war ein Schmetterlings-Atlas das letzte Mal 1980. 40 Jahre später gibt es nun erstmals ein Gesamtwerk für alle Schmetterlinge und Widderchen, die in Deutschland vorkommen oder vorgekommen sind.

Schmetterling mit blauem Rumpf und ockergelben Flügeln im Ruhezustand, die mit einem blau-orangenen Muster verziert sind.
Hauhechel-Bläuling (Gewöhnlicher Bläuling) Bildrechte: Martin Albrecht aus "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands", Verlag E. Ulmer

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

Ich kann dazu nur sagen: Der Atlas liegt jetzt schon seit einigen Tagen in meiner Küche und niemand hat bisher den Weg dran vorbeigeschafft.

Und wer das Buch einmal aufgeschlagen hat, der ist erst mal weg. Und staunt. Und guckt. Und überlegt.

Karolin Dörner

Und dann murmelt es so was wie: "Guck mal, der kommt auch bei uns vor!" "Krass, den gibt es nur an einer einzigen Stelle in Deutschland!" "Hast du den schon mal gesehen?" "Wow, sieht der toll aus!"

Und wie schafft das Buch das? Punkt eins: Wir sprechen hier von Schmetterlingen! Das alleine ist doch schon fesselnd. Punkt zwei: Von jedem Schmetterling gibt es rund drei Farbfotos, die die Pracht der Tiere eindrucksvoll in Szene setzen. Punkt drei: Die Deutschlandkarte, die immer eine komplette Seite für jeden Falter einnimmt und zeigt, wo die Tiere vorkommen und vorgekommen sind. Auf einem Blick sieht man: Ist er häufig? Kommt er bei mir vor? Wann das letzte Mal?

Doppelseite aus dem Atlas, links mit Abbildungen eines ockerfarbigen Schmetterlings mit starken schwarzen Zeichnungen, jeweils mit offenen und geschlossenen Flügeln sowie als Raupe. Auf der rechten Seite eine Deutschlandkarte mit Hinweisen zur Verbreitung dieses Schmetterlings.
Die Seiten sind übersichtlich und ansprechend gestaltet. Bildrechte: Verlag E. Ulmer

Wer hat's geschrieben?

Unterm Strich haben dieses Buch hunderte Menschen geschrieben: Die Idee für den Atlas stammt von Erst-Autor Rolf Reinhardt aus Mittweida in Sachsen. Vor zehn Jahren hat er das Mammutprojekt angefangen. Umzusetzen war das nur mit der Hilfe zahlreicher freiwilliger Schmetterlings-Enthusiasten. Daten kamen zudem von Landesämtern und Behörden, Vereinen, Museen, Arbeitsgemeinschaften und verschiedenen Monitoring-Projekten. Das Umweltforschungszentrum in Halle hat dann diese rund sechs Millionen unterschiedliche Datensätze in eine Form gegossen.

Das Cover zeigt einen braun-gelben Schmetterling auf einer Staude mit blauen Blüten
Bildrechte: Verlag E. Ulmer

Die Daten zum Buch Rolf Reinhardt, Alexander Harpke, Steffen Caspari, Matthias Dolek, Elisabeth Kühn, Martin Musche, Robert Trusch, Martin Wiemers, Josef Settele: "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands", Verlag E. Ulmer 2020, 432 S., 568 Farbfotos, 218 farbige Verbreitungskarten, € 49,95. ISBN 978-3-8186-0557-5

Wie ist es geschrieben?

Geschrieben ist es faktisch. Für jeden Schmetterling gibt es feste Rubriken, dazu gehören Verbreitung & Vorkommen, Lebensraum, Gefährdung, Schutz und Biologie & Ökologie. Letzteres gibt einen Überblick darüber, an welchen Pflanzen die Falter ihre Eier ablegen, wann sie als Falter vorkommen und an welche Pflanzen sie dann gerne gehen. Der gelbwürfelige Dickkopffalter mag zum Beispiel besonders gerne blau bis rotviolette Blumen. Die Raupen dagegen mögen Land-Reitgras.

Zwei Falter mit eingezogenen blaugrünen Flügeln halten sich an einer Blume fest. Die Farben der Flügel changieren; die oberen sehen eher blau, die unteren eher grün aus.
Ampfer-Grünwidderchen Bildrechte: Mario Trampenau aus "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands", Verlag E. Ulmer

Was bleibt hängen?

Sie können sich gar nicht vorstellen, was für wunderschöne bunt schillernde elegant geformte Schmetterlinge hier herumflattern! Ich wusste es nicht. Dank des Schmetterlingsatlas habe ich jetzt eine Ahnung.

Ich gehe jetzt wieder in den Garten. Ich habe noch lange nicht alle Schmetterlinge erkannt, die da rumflattern.

Karolin Dörner: Weiße junge Frau mit mittellangen, offenen Haaren mit Mittelscheitel. Hintergrund tiefenunscharf mit viel grün.
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Rezensentin Für Karolin Dörner ist das Schönste an wissenschaftlichen Themen: Sie sind wie kleine Rätsel, die man knacken muss, dann kommen die Aha-Momente, das Staunen und dann die große Frage: Wie bekomme ich das jetzt hin, dass auch alle anderen diesen wunderbaren Moment mit mir teilen?

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