Wissen, was wir lesen Was ist schön? Die Ästhetik in allem

Mann in dunkelblauem Hemd vor unscharfen Nadenbäumen, wenig Kopfhaare, schwarze Brille, sympathisch in die Kamera blickend
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Was ist schön? Eine alte philosophische Frage, der in der letzten Zeit immer mehr auch mit wissenschaftlichen Methoden nachgegangen wird. MDR WISSEN-Redakteur Karsten Möbius hat sich das Buch eines Wissenschaftsjournalisten zum Thema Schönheit angesehen, das genau diesen Ansatz verfolgt. Sein Fazit: "Schönheit lässt sich vielleicht tatsächlich theoretisch beschreiben."

Cover zu "Was ist schön?"
Bildrechte: Verlag Königshausen & Neumann

Worum geht es?

Es geht um das Phänomen der Schönheit, darum, was das überhaupt ist und ob es eine Möglichkeit gibt, das Schöne in Worte und in Kategorien zu fassen. Es geht um den Versuch, das Schöne zu verstehen. Also darum, etwas zu versuchen, was zunächst unmöglich erscheint. Denn "schön" ist eigentlich für jeden etwas Anderes.

Zur "Objektivierung" von Schönheit hat Gábor Paál ein eigenes Modell entwickelt, das aus den E-, O-, S- und K-Werten besteht. E meint die Bewertung von elementaren Sinnesreizen, O die formalen Eigenschaften von Objekten (also Muster, Symmetrien etc.), S die Beziehung zwischen einem Selbst und einem Objekt und K die Eigenschaften von Handlungen. Fehlende Werte lassen uns Dinge umgekehrt als hässlich erscheinen.

Die Grafik zeigt einen Kreis mit einem menschlichen Kopf in vier Situationen: rechts unter einer Dusche, unten beim Bau eines Vogelhäuschens, links beim Betrachten eines Vogelschwarms in Vogelform und oben beim Betrachten eines Vogels.
Britta Wagner übersetzt die Thesen des Buchs in ansprechende Illustrationen. Ihre Darstellungen der vier Schönheits-Werte hat unser Grafiker in einem Bild zusammengefasst: Wenn wir Reize als angenehm empfinden (E – rechts), uns eine Handlung Spaß macht, wir sie als sinnvoll ansehen (K – unten), Muster/ Regelmäßigkeiten erkennen und verstehen (O – links) und wir eine Beziehung zu einem Objekt haben (S – oben), empfinden wir Dinge und Handlungen als schön. Bildrechte: Britta Wagner / Verlag Königshausen & Neumann / MDR

Das E-O-S-K Modell erklärt auch, warum wir Dinge, die wir hässlich fanden, plötzlich auch als schön empfinden können. Nämlich dann, wenn wir plötzlich ein Muster, einen neuen Sinn erkennen oder wir eine Beziehung zu einem Objekt aufbauen.

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

Es ist der große Plan, der sofort sichtbar wird. Man nimmt das Buch und spürt, hier beginnt eine wirklich sinnvolle Suche nach dem Schönen und den Regeln, denen es folgt. Und es ist eine Suche, die zum einen unglaublich tief und theoretisch ist und gleichzeitig das Individuelle, das Persönliche nie aus den Augen verliert.

Die Aufnahme zeigt zwei Zebrafischlarven in starker Vergrößerung, in der sie Ähnlichkeiten mit Tierbabys aufweisen.
Schön? Schön! Zebrafischlarven im Porträt Bildrechte: Jürgen Berger / Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Wer hat's geschrieben?

Gábor Paál hat‘s geschrieben ein Wissenschaftsjournalist. Also ein Kollege. Eigentlich studierter Geograph. Aber die Schönheit scheint es ihm angetan zu haben. Mehr als uns allen. Wir alle lieben zwar Schönes, machen gern schöne Dinge, umgeben uns gern mit ihnen, aber Gábor Paál will das mit der Schönheit offenbar seit vielen Jahren genauer wissen. "Was ist schön? – Die Ästhetik in allem" ist schon sein zweites Buch zum Thema. 2003 hatte er sein Debüt mit "Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis".

An seiner Seite leistet die Grafikerin Britta Wagner einen wichtigen Beitrag, um Paáls Gedanken noch anschaulicher werden zu lassen.

Cover zu "Was ist schön?"
Bildrechte: Verlag Königshausen & Neumann

Die Daten zum Buch Gábor Paál: Was ist schön? Die Ästhetik in allem. Mit Illustrationen von Britta Wagner, Königshausen u. Neumann 2020, 306 Seiten, 28 €, ISBN 978-3-8260-7104-1

Wie ist es geschrieben?

Es ist keine Belletristik. Mal so nebenher zur Unterhaltung sollte man das Buch vielleicht nicht lesen. Es ist eine sehr ernsthafte und tiefgründige Beschäftigung mit dem Thema Schönheit. Allerdings ist es auch keine Doktorarbeit. Man kann es flüssig lesen, ohne vom Fach zu sein. Hin und wieder überkommt einen ein "Aha!" oder ein "Oho!". Dann wendet man den Blick vom Buch und schaut in die Luft, freut sich an einem neuen Gedanken, lässt ihn sich setzen und liest dann weiter.

Man spürt im Text den Journalisten. Eine schöne Mischung aus theoretischen Gedanken und dem Wechsel, direkt zurück ins Leben.    

Die Grafik zeigt einen Querschnitt durchs menschliche Gehirn.
Wenn es um Schönheit geht, sind gleichzeitig Hirnareale aktiv, die einerseits Emotionen hervorrufen (zentrales Nervensystem) und solche, die für die Ratio, die Vernunft zuständig sind (präfrontaler Cortex). Bildrechte: Britta Wagner / Verlag Königshausen & Neumann

Was bleibt hängen?

Schönheit lässt sich vielleicht tatsächlich theoretisch beschreiben. Die Theorie von Gábor Paál ist, dass Schönheit  verzeih mir, Gábor Paál – eine Mischung aus Emotion und Verstand ist. Neueste Forschungen zeigen, dass unterschiedlichste Hirnregionen beim Empfinden von Schönheit aktiv werden. Hirnregionen, die Emotionen freisetzen und Hirnregionen, die für die rationale Steuerung verantwortlich sind.   

Deshalb ist sie zum Teil erklär- und objektivierbar und trotzdem immer auch individuell; abhängig von unserer Biographie, unseren Erfahrungen und unseren Vorlieben.

Und immer, wenn ich jetzt in einem Café in einer fremden Stadt sitze, weiß ich, warum ich es schön finde (wenn ich es denn schön finde). Dieses Beispiel von Gábor Paál zum Thema Schönheit, das bleibt wirklich hängen.    

Mann in dunkelblauem Hemd vor unscharfen Nadenbäumen, wenig Kopfhaare, schwarze Brille, sympathisch in die Kamera blickend
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Der Rezensent Karsten Möbius ist Wissenschaftsjournalist mit Leib und Seele. Er produziert bei MDR WISSEN u.a. den Podcast „Die großen Fragen in 10 Minuten“. Er gibt nicht eher Ruhe, bevor er nicht in einem Details die grundsätzliche Bedeutung, in einer neuen Erkenntnis die spannende Geschichte entdeckt hat. Man merkt ihm an, dass ihm die Entdeckung der Welt jeden Tag wieder richtig Spaß macht.

0 Kommentare