Was wir lesen

Wissen, was wir lesen Wenn die Dinge mit uns reden

Autorenfoto von Clemens Haug
Bildrechte: Tobias Thiergen/MDR

"Vielen von uns ist nicht klar, wie außerordentlich faszinierend und vielfältig die menschliche Fähigkeit des Sprechens ist", sagt MDR WISSEN-Autor Clemens Haug nach der Lektüre eines neuen Buchs über Computerlinguistik. Unsere Empfehlung der Woche fasst "50 Jahre Computerlinguistik zusammen", die, so sein Resümee, "durch zahlreiche alltägliche Beispiele auch für unvorbereitete Leser lebendig und unterhaltsam wird."

Das Cover zeigt eine riesige zylinderförmige Box zur Sprachsteuerung auf der linken Seite. Davor ein kleines, zur Box aufblickendes Mädchen, das eine hilflose Armbewegung macht.
Bildrechte: Dudenverlag

Worum geht es?

Siri, Alexa, Deep L und Co: Wie Computer, Smartphones und Co. echte menschliche Sprache lernen, Fachbegriff Computerlinguistik, auf Englisch: Natural language processing (NLP). Dazu müssen sie einerseits unsere oft genuschelten, undeutlichen und, vor allem, immer wieder anders formulierten Eingaben verstehen. Andererseits sollen sie uns spontan antworten, möglichst ohne vorformulierte Sätze parat zu haben. Christoph Drösser beschreibt die Anfänge dieser Entwicklung in den 1950er Jahren und zeigt, wie es zu den aktuellen Durchbrüchen kam, die unseren Umgang mit Maschinen grundlegend verändern werden.

Wie schafft es das Buch mich zu fesseln?

Wer versucht, den Computern echte Sprache beizubringen, muss verstehen, wie Menschen sprechen.

Clemens Haug

Und hier ist das Buch besonders unterhaltsam, denn vielen von uns ist nicht klar, wie außerordentlich faszinierend und vielfältig die menschliche Fähigkeit des Sprechens ist. Oder war Ihnen klar, dass bereits Babys in der Sprache ihrer Eltern brüllen, dass also französische Neugeborene in einer anderen Tonhöhe schreien als deutsche? Dass Kinder Sprache nicht über abstrakte Regeln aus dem Schulunterricht lernen, sondern über unterbewusst ablaufende statistische Prozesse, die nach dem Trial-and-Error-Prinzip aus wenigen Beispielen Regeln ableiten? Und dass Computer mit Hilfe solcher statistischer Verfahren heute viel besser sprechen können als früher, dass sie aber beim Lernen noch viel, viel schlechter sind als Kleinkinder?

Christoph Drösser, Autor, posiert, sitzend neben einer spiegelnden Glasfassade, lächelnd für ein Foto.
Der Autor Christoph Drösser Bildrechte: Liesa Johannsen

Wer hat's geschrieben?

Christoph Drösser war Redakteur der ZEIT und gründete dort das Magazin „ZEIT-Wissen“. Als Wissenschaftsjournalist wurde er mehrfach ausgezeichnet und lebt heute als freier Autor in San Francisco, wo er die rasanten technologischen Entwicklungen im Silicon Valley verfolgt.

Das Cover zeigt eine riesige zylinderförmige Box zur Sprachsteuerung auf der linken Seite. Davor ein kleines, zur Box aufblickendes Mädchen, das eine hilflose Armbewegung macht.
Bildrechte: Dudenverlag

Die Daten zum Buch Christoph Drösser: Wenn die Dinge mit uns reden, Dudenverlag 2020, 160 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-411-74225-7

Wie ist es geschrieben?

Auf journalistisch höchstem Niveau: Drösser versteht es, sich angenehm kurz zu fassen. Auf gerade einmal 146 Seiten fasst er 50 Jahre Computerlinguistik zusammen, die durch zahlreiche alltägliche Beispiele auch für unvorbereitete Leser lebendig und unterhaltsam wird. Dabei geht er auch auf die häufig übertriebene Euphorie angesichts neuer Technologien ein und zeigt, wie diese immer wieder die Kurve vom Gipfel der Erwartungen durch das Tal der Enttäuschungen bis zum finalen Plateau der Produktivität durchlaufen.

Die Grafik zeigt ein Koordinatensystem mit Erwartungen (y-Achse) im Verhältnis zur Zeit (x-Achse). Die Spracherkennung ist der zeitlich letzte Eintrag, der auf der Kurve, die erst steil nach oben zeigt, dann tief fällt und bei der Spracherkennung wieder deutlich bergauf geht.
Erwartungen an Künstliche Intelligenz Bildrechte: Dudenverlag

Was bleibt hängen?

Dass hinter künstlicher Intelligenz vor allem komplexe Mathematik steckt, die zwar kein fühlendes Wesen besitzt, die menschlichen Ausdrucksweisen aber erstaunlich gut nachbilden kann. Dass Apple mit Siri zwar am Anfang technologisch weit vorne lag, inzwischen aber Google und Amazon mit ihren Technologien die Marktführerschaft übernommen haben. Dass eine Sackgasse droht, wenn die beiden Techkonzerne mit ihrem Duopol Konkurrenten aus dem Markt halten, dass aber Open-Source-Lösungen hier möglicherweise für eine vielfältige Entwicklung sorgen, wie sie etwa bei smarten Mobiltelefonen zu beobachten war.

Autorenfoto von Clemens Haug
Bildrechte: Tobias Thiergen/MDR

Der Rezensent Clemens Haug ist Online- und Hörfunkautor mit Schwerpunkt Astronomie, seit diesem Jahr auch Covid-19. Recherchiert gerne in die Tiefe und betrachtet Themen aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven.

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