80 Jahre nach der Reichspogromnacht: Kann sich ein solches Verbrechen heute wiederholen?


Was ist die "Reichspogromnacht"?

Am 9. November 1938 rufen die Nationalsozialisten ihre Partei und staatliche Behörden zu einer Welle der Massengewalt gegen Juden in Deutschland auf. Die Angriffe sind staatlich organisiert, ihnen sind fünf Jahre Diskriminierung und Vertreibung jüdischer Menschen durch die NS-Führung vorangegangen.

Vordergründiger Auslöser der Angriffe ist ein Attentat des 17-jährigen, polnischen Juden Herschel Grynszpan, der in der deutschen Botschaft in Paris zwei Kugeln auf den Diplomaten Ernst von Rath abfeuert. Grynszpan will auf die Deportation polnischer Juden aus Deutschland nach Polen, darunter seine eigenen Eltern, aufmerksam machen. Das NSDAP-Mitglied von Rath wird schwer verletzt und stirbt kurze Zeit später. Die NS-Führung nutzt die Tat für ihre Propaganda.

Offiziell behauptet die Partei in Gestalt ihres Propagandaministers Joseph Goebbels, die Ausschreitungen weder zu planen noch zu organisieren. Man werde bei spontan auftretender Gewalt gegen Juden aber auch nicht einschreiten. Im Hintergrund verständigt die Partei aber ihre Gauleitungen. Plünderungen sollen verhindert, sonst aber nicht eingegriffen werden. Brände sollen nur so unter Kontrolle gehalten werden, dass umliegende Gebäude nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. In allen Bezirken sollen so viele Juden wie möglich verhaftet werden.

Zwischen dem 7. und dem 10.11. greifen NS-Anhänger fast überall in Deutschland die jüdische Bevölkerung an. Insgesamt werden dabei innerhalb des deutschen Reichs mindestens 91 Menschen ermordet (andere Schätzungen gehen von mehr als 400 Todesopfern aus). Mehr als 30.000 jüdische Männer werden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, 1.200 Synagogen und Gebetshäuser sowie 7.500 Geschäfte zerstört.

Die NS-Führung nennt die Ereignisse verharmlosend "Reichskristallnacht", in der Nachkriegszeit hat sich der Begriff "Reichspogromnacht" durchgesetzt. Historiker sprechen auch von den "antijüdischen Novemberpogromen".

Weitere Informationen bei der Bundeszentrale für politische Bildung


Wie viele Menschen traf das Novemberpogrom in Mitteldeutschland?

In Magdeburg wurden 26 Geschäfte und die Synagoge zerstört. Auch die Gotteshäuser in Halle, Bernburg, Köthen, Halberstadt, Salzwedel, Stendal, Weißenfels, Sandersdorf wurden verwüstet oder zerstört. Die verhafteten Männer der Region Sachsen und Anhalt wurden in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, in Magdeburg sind 113 Fälle belegt. In Erfurt wurden 197 jüdische Männer verhaftet, in Leipzig waren es 500 Menschen. Bis auf die Synagoge in Görlitz wurden alle Gebetshäuser in Sachsen zerstört.


Sind die Täter der Reichspogromnacht spontan gewalttätig geworden?

Die NS-Propaganda behauptet, die Taten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 seien ein Ausdruck des "Volkszorns" gegen jüdische Menschen. Die meisten Historiker bewerten die Welle der Massengewalt heute allerdings als staatlich organisierten Terror. Es gibt zwar keinen Generalplan für die Ausschreitungen, jedoch stiftete die NSDAP ihre Parteigliederungen auf mehr oder weniger informellen Wegen zu den Taten an. Überall waren Schlägertrupps des SA beteiligt.


Welche Bedeutung hatte das Massenverbrechen?

Die Bewertungen der Reichspogromnacht sind unterschiedlich, einige Wissenschaftler sehen sie allerdings als wichtigen Wendepunkt. Antisemitismus war zwar schon zuvor Staatsdoktrin. Jüdische Deutsche waren aus dem Staatsdienst entlassen und aus Ämtern gedrängt worden. Doch mit dem 9. November 1938 begann die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Eigentum wie Immobilien, Geschäfte und Betriebe wurden nun arisiert, die jüdischen Besitzer also enteignet und die Wirtschaftsgüter günstig verkauft. So wurde den Juden in Deutschland die Existenzgrundlage geraubt. In den folgenden Jahren begannen die Deportationen in Konzentrationslager wie Buchenwald und ab 1941 auch in Vernichtungslager wie "Auschwitz" oder "Majdanek".


Kann man den Holocaust mit anderen Massenverbrechen vergleichen?

Alle Massenverbrechen wie Völkermord oder systematische Menschenrechtsverletzungen haben ihre eigene Entstehungsgeschichte und ihren eigenen Verlauf. Schon diese Erkenntnis ist allerdings das Ergebnis eines Vergleichs. Das zeigt: Vergleiche sind dann sinnvoll, wenn sie Verbrechen nicht relativieren wollen. Stattdessen können sie die Einzigartigkeit zeigen, aber auch nützlich sein, um Erkenntnisse über ihre Entstehung zu gewinnen.

Vergleicht man die systematische Ermordung der Juden in Europa mit Verbrechen wie dem stalinistischen Terror, fallen eine Menge spezifische Eigenheiten des Holocausts auf. Niemals zuvor oder danach wurde ein einzig aus rassistischer Ideologie motivierter Massenmord so genau geplant und mit industriellen Mitteln durchgeführt. Die durch die Gaskammern möglich gewordene "Fließband"-Tötung ist ohne weitere Beispiele in der Geschichte geblieben. Sechs Millionen jüdische Opfer starben, weil der deutsche, nationalsozialistische Staat die totale Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe betrieb.

Der Terror kommunistischer Staaten, Regierungen und Organisationen kostete unterschiedlichen Quellenangaben zufolge etwa 95 Millionen Menschen das Leben, zwei Drittel davon in China, etwa 20 Millionen in der Sowjetunion. Allerdings handelt es sich dabei um grobe Schätzwerte ohne offizielle Quellen. Diese Morde erstrecken sich über Jahrzehnte und haben gemessen an den Gesamtbevölkerungen einen erheblich geringeren Teil der Menschen getroffen.

Weitere Erkenntnisse zum Vergleich von Massenverbrechen bietet dieser Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung.


Welche Lehren wurden aus den Verbrechen der Nazis gezogen?

Nach dem Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Verbrechen wurde in Westdeutschland das Grundgesetz verabschiedet. Sein Artikel 1 gilt als direkte Antwort auf die NS-Gewaltherrschaft. Vor allem die Gewaltenteilung und mit ihr eine unabhängige, den Menschenrechten verpflichtete Justiz sind wichtige Instrumente zur Verhinderung neuer Diktaturen in Deutschland.

In Europa gründeten die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich Anfang der 1950er-Jahre die Europäische Union, die als Institution dafür Sorge trägt, das Konflikte zwischen ihren Mitgliedern nicht mehr auf gewalttätige Weise, sondern mit den Mitteln verhandelnder Politik gelöst werden.

Auf internationaler Ebene wurden die Vereinten Nationen (UN) gegründet, deren Erklärung der Menschenrechte bis heute Grundlage aller Versuche ist, zu einer humanitären, friedlichen Weltordnung ohne Massenverbrechen zu gelangen.