West- vs. Ostdeutsch Identitäten: Das lange Nachleben der DDR

Obwohl erst nach dem Mauerfall geboren, fühlen sich junge Ostdeutsche immer noch stärker mit ihrer Region verbunden, als Gleichaltrige aus Westdeutschland. Leipziger Journalismus-Studenten wollten wissen, warum.

von Annegret Faber

Kristina Hammermann, 27 Jahre alt, ist 1991 im Harz in Sachsen Anhalt geboren und studiert jetzt in Leipzig Journalistik. Während der Schulzeit hätten sie und ihre Freunde oft Witze über den Osten und den Westen gemacht, obwohl sie den Inhalt nie so richtig verstanden hat. "Es gibt da immer diese kleinen Anspielungen, wenn man bei Freunden ist. 'Na willst du ein Bier? – Ja, klar, aber hast du auch ein Glas dazu?' Da kommt dann immer: 'Ne, wir sind doch hier nicht im Westen!'"

Ganz anders ist das bei ihrer Kommilitonin Theresa Gunkel. Die ist 1992 in Rottenburg bei Tübingen geboren. "Mir fallen keine Witze oder Sprüche oder ein Bezug, ein. Ost und West war nie ein Thema für mich", sagt sie.

Im Osten identifizieren sich 22 Prozent der Jugendlichen als Ostdeutsche

Beide Studentinnen hatten Ost und West nie thematisiert, bis eine Studie einen Anlass dazu gab. "Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?" lautet der Titel der Untersuchung der Otto-Brenner-Stiftung. Die ergab unter anderem: Fragt man Jugendliche aus Ost und West, sagen die aus dem Osten zu 22 Prozent: Ja, ich fühle mich als Ostdeutscher. Im Westen sind es dagegen nur acht Prozent, die sich als Westdeutsche fühlen.

Das ist zwar sehr wenig und zeigt, dass es für die meisten jungen Leute egal ist, auf welcher Seite der ehemaligen Mauer sie groß geworden sind. Doch es gibt einen Unterschied und die Frage: Warum identifizieren sich junge Menschen aus dem Osten eher mit ihrer Region?

In der DDR gab es Bananen nur an Weihnachten

Kristina Hammermann
Bildrechte: Hammermann

Die Studenten wollten dieser Frage selbst auf den Grund gehen und führten insgesamt sieben Interviews mit anderen jungen Menschen. Ihre Ergebnisse haben sie in der Reportage "Nach uns die Wende" zusammengefasst. Dabei zeigte sich: Im Wort Ostdeutsch steckt mehr als eine Himmelsrichtung. Der Osten ist Geschichte, Stasi, DDR, Trabi, zeitig in den Kindergarten gehen und Mütter, die arbeiten.

Die DDR gilt als Land, in dem es keine Bananen gab. Was so nicht stimmt: Zu Weihnachten gab es sie, aber das wissen nur DDR Insider und genau das ist es vielleicht, was selbst in Nachwendekindern noch drin steckt: Wissen über die verlorene Heimat der Eltern. Die haben oft genug darüber gesprochen.

Westdeutsche Studentinnen machten Witze über Ostdeutschland

Entsprechend spannend seien die Interviews für die Journalistik-Studentinnen gewesen, sich mit Gleichaltrigen über ihre Identität zu unterhalten. Sie spielen auf ihrem Tablet Auszüge aus zwei der Interviews ab. Zuerst Anne Ramstorf, 1991 in Ostberlin geboren.

Ich habe erst mit 20 Jahren begriffen, dass ich ostdeutsch bin. Das war, als ich auf einer Couch in Westdeutschland saß, mit Kommilitoninnen, die ich während meines Studiums in Tübingen kennen gelernt hab. Die haben mir deutlich gemacht, dass ich anders aufgewachsen bin. Meine Mutter ist relativ früh wieder arbeiten und ich in die Krippe gegangen. Wir zahlen ja den Soli für euch und solche Sprüche kamen dann, und ach, du fährst jetzt zu deiner Familie nach Leipzig, willst du eine Kiste Bananen mitnehmen – haha. Von da an ging so ein Denkprozess bei mir los.

Anne Ramstorf, Bloggerin

Würden Außerirdische regionale Identitäten überflüssig machen?

Florian Arndt – ein Leipziger, direkt nach der Wende geboren und heute erfolgreicher Geschäftsmann – wurde der Unterschied spät bewusst, findet ihn aber heute ziemlich überflüssig.

Ich fand den zweiten Teil von Independence Day toll. Da gab es Außerirdische und plötzlich haben sich alle identifiziert und gesagt, wir sind Erdenbürger. Ich glaube, wenn wir auf außerirdisches Leben stoßen würden, würde sich diese ganze, ich bin Sachse, Thüringer, Bayer, würde sich diese Diskussion schnell erledigen, weil wir sagen würden, ich bin Mensch und die sind was anderes.

Florian Arndt, Unternehmer

Lieber über Zukunft sprechen als über Vergangenheit

Theresa Gunkel
Bildrechte: Theresa Gunkel

Und das war die andere Seite der Befragung. Zwar gibt es viel Gesprächsstoff, viel Verbundenheit zu dem, was die Eltern erlebt haben, aber auch eine klare Position, die heißt: Wir wollen lieber über die Zukunft reden, statt über die Vergangenheit. Und Theresa und Kristina, was antworten sie, wenn sie gefragt werden, wo sie herkommen?

"Ich persönlich identifiziere mich nicht über eine Nationalität. Dass ich in Ostdeutschland aufgewachsen bin, hat mich geprägt, aber ich fühle mich nicht als Ostdeutsche", sagt Hammermann. Gunkel antwortet: "Wenn mich im Ausland jemand fragt wo ich herkomme, sage ich, ich komme aus Deutschland. Und wenn mich in Deutschland jemand fragt, dann sage ich Süddeutschland."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. November 2019 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2019, 17:08 Uhr

0 Kommentare