Kommunikation Warum wir uns keine Korrekturen merken

Ob in den Nachrichten oder von Freunden: Wenn wir eine Geschichte zum ersten Mal hören, bleibt sie uns in genau dieser Version im Kopf - auch, wenn sich später herausstellt, dass alles ganz anders war. Aber warum ist das so? MDR Wissen-Redakteurin Kristin Kielon hat nachgefragt.

Ein Geschäftsmann telefoniert im Auto.
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Zuletzt zu beobachten war das Phänomen nach dem Übergriff auf den Bremer AfD-Landeschef Magnitz: Obwohl die Polizei sogar ein Video veröffentlicht hat, das eine andere Geschichte erzählt, hält sich die Geschichte vom Kantholz und von Tritten gegen seinen Kopf eisern. Aber es sind auch nicht immer Ereignisse von politischer Bedeutung, bei denen das passiert. Auch alltägliche Geschichten können zum Dauerbrenner werden, obwohl sie nicht stimmen: Die von der Spinne etwa, die wieder aus dem Staubsauger krabbelt oder den Tierchen, die einst in Bob Marleys verfilzter Haarpracht gewohnt haben sollen. Wieso wir uns das merken, weiß Professor Stefan Schweinberger vom Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und kognitive Neurowissenschaften an der Universität Jena:

Es gibt in der Lern- und Gedächtnispsychologie einen ziemlich bekannten Effekt: Man nennt das den Anfangseffekt. Er zeigt, dass Menschen beim Lernen die ersten Informationen später sehr viel genauer erinnern können als Informationen, die später hinzugekommen sind. Dasselbe gilt im Grunde auch für das Gedächtnis, für komplexere Informationen, wie wir sie in Nachrichten aufnehmen.

Prof. Dr. Stefan Schweinberger

Für unser Gehirn ist eine erste Information eine Art Anker oder ein mentales Modell, ergänzt der Psychologie-Professor. Wenn dieser Anker fehlerhaft sei, habe das Konsequenzen für alle späteren Informationen, denn sie werden daran gemessen. Die erste Information sei aber nur sehr schwer wieder zu löschen.

Wir wissen, dass Menschen eine Tendenz haben, aktiv nach einer Bestätigung ihrer mentalen Modelle zu suchen. Informationen, die diesen Modellen eher widersprechen, werden tendenziell eher vernachlässigt. Das heißt dann in der Fachsprache 'confirmation bias' oder 'Bestätigungsfehler'.

Stefan Schweinberger

Im Fall von Nachrichten-Erzählungen wie der von dem Übergriff auf den Bremer AfD-Chef kommen weitere psychologische Effekte erschwerend hinzu: Da gebe es etwa die Salienz - also die Auffälligkeit. Das bedeutet dann, dass Nachrichten die besonderer, interessanter und auffälliger sind, in sozialen Netzwerken häufiger geteilt werden, erklärt Schweinberger. Auch die Vertrautheit spiele für unser Gehirn eine Rolle, denn unser Gedächtnis beziehe nie alle Fakten unserer komplexen Welt ein, meint der Wissenschaftler:

Wenn Sie die Geschichte mit dem Kantholz nach zwei Wochen wieder hören: Wenn Sie nicht so genau hinhören oder das auch nicht mehr so genau im Gedächtnis haben, was seither alles publiziert wurde. Kantholz oder Tritte gegen den Kopf sind dann ein Element im Gedächtnis, das als vertraut empfunden wird. Man hat das schon mal gehört und neigt dann dazu, diesem Sachverhalt eher Glauben zu schenken als ohne dieses Vertrautheitsgefühl.

Und mit den gefühlten Wahrheiten ist das eben so eine Sache. Genauso wie mit dem Gedächtnis: So weist der Kommunikations- und Medienpsychologie-Professor Tobias Rothmund von der Universität Jena darauf hin, dass es gar keine objektiven Erinnerungen geben kann:

Wenn wir uns an Informationen erinnern, dann nicht, weil wir die suchen und finden. Erinnerungen werden rekonstruiert. Eine wichtige Rolle bei der Rekonstruktion von Erinnerungen spielt die Wissensstruktur in unserem Gedächtnis. Insofern ist es vielleicht auch erklärbar, dass bestehende politische Orientierungen, Einstellungen und Überzeugungen im Zusammenhang damit stehen, wie leicht oder wie schwer solche Missinformationen korrigiert werden können.

Korrekturen dürfen die falsche Erstinformation also nicht noch einmal wiederholen, sind sich die beiden Jenaer Professoren einig. Stattdessen empfehlen sie, einfach eine ganz neue Erzählung mit den korrekten Informationen zu beginnen.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 22. Januar 2019 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 11:59 Uhr