Schlafforschung Traumhaft: Lernen im Tiefschlaf

Es reicht nicht, ein Buch unters Kopfkissen zu legen, um am Morgen zu wissen, was drinsteht. Aber es hilft, kurz vor dem Schlafen reinzulesen. Und jetzt wissen wir, dass wir sogar im Tiefschlaf Neues lernen können.

von Liane Watzel

reißerische Satzfestzen auf Schnipseln 5 min
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Sprachen lernen einfach so im Schlaf? Wissenschaftler aus Bern kamen in einer Studie zu verblüffenden Ergebnissen.

Mo 25.03.2019 14:46Uhr 04:31 min

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Wer schon mal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß, wie mühsam Vokabeltraining sein kann. Die deutsche Forscherin Rosa Heine belegte in ihrer Dissertation von 1914, dass man Vokabeln am besten kurz vor dem Schlafengehen lernt. Aber wie ist das mit komplett neuen Inhalten, kann man sich auch im Tiefschlaf Unbekanntes eintrichtern? Genau das hat ein Forschungsteam der Universität Bern untersucht und herausgefunden: es geht! Ihren Versuchspersonen wurden im Tiefschlaf Wörter einer künstlichen Fremdsprache vorgespielt und diese waren inklusive der deutschen Übersetzung im Wachzustand abrufbar.

Vokabeltraining im Tiefschlaf

Bei der Untersuchung wurden zwei Zustände des schlafenden Hirns genutzt. Im Tiefschlaf gleichen Gehirnzelllen ihre Aktivitäten kurzzeitig aufeinander ab, um gleich darauf gemeinsam in eine inaktive Phase zu fallen, diese Zustände - Up-States und Down-States - wechseln jede halbe Sekunde.

Die Forscher arbeiteten genau mit diesen Zuständen. Den Schlafenden wurden über Kopfhörer Begriffe einer künstlichen Sprache vorgespielt  - etwa "Tofer" für "Schlüssel" und "Guga" für "Elefant". Nach dem Schlafen konnte die Versuchspersonen angeben, ob es sich bei "Tofer" und "Guga" um etwas Großes oder Kleines handelt. Die Antworten der Pobanden waren in 60 Prozent der Fälle richtig.

Messung der Hirnströme im Schlaflabor.
Die Tiefschlafphase im EEG zeigt Gehirnzellen im aktiven "Up-State" und passiven "Down-State" Zustand. Bildrechte: Simon Ruch/Marc Züst , Universität Bern

Ko-Autor der Studie Marco Züst erklärt, was diesen Studienfund so spannend macht: Sprachareale und Hippocampus sind bei der Gedächtnisbildung unabhängig vom Bewusstseinszustand aktiv, im Schlafzustand ebenso wie im Wachsein. Das war bisher noch nicht bekannt.

Was bedeutet der Fund für die Schlafforschung?

Zwei Männer und eine Frau sitzen an einem Computertisch und lächeln in die Kamera.
Die Forscher der Uni Bern: Marc Züst, Simon Ruch und Katharina Henke (v.l.n.r.) Bildrechte: Tom Willems/Universität Bern

Aber was bedeutet das nun für die Schlaf- und vielleicht auch für die Lernforschung? Sicherlich werden die Funde der Schweizer die Debatte um den Schlaf neu entfachen: Bis heute ist umstritten, ob Schlaf ein von der Außenwelt abgeschirmter Zustand ist oder nicht. Außerdem tun sich viele neue Fragen auf, wie Professor Katharina Henke von der Uni Bern sagt: "In welchem Ausmaß und mit welchen Folgen die Zeit des Schlafens zum Erwerb neuen Wissens genutzt werden kann, wird sich in der Forschung der kommenden Jahre zeigen."

Risiken und Nebenwirkungen

Wichtig für die Forschung ist auch der Blick auf mögliche Nebenwirkungen. Schließlich erfüllt der Tiefschlaf wichtige Funktionen, beispielsweise wirkt er sich auf das Immunsystem aus. Im Tiefschlaf verarbeitet es die tagsüber gesammelten Informationen über Krankheitserreger und Keime. Aber was passiert nun, wenn der Tiefschlaf gezielt eine neue Funktion übernimmt und zum Lernen benutzt wird: Hat das Auswirkungen auf das Immunsystem und was macht es mit der Qualität des Schlafes an sich?

Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachmagazin "Cell" veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 16. Januar 2018 | 09:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2019, 15:06 Uhr