Forscher untersuchen Effektivität von Regulierungen Weniger Zucker-Getränke durch Kennzeichnung und hohe Preise

Weltweit ist starkes Übergewicht - Adipositas - eine regelrechte Epedemie. Damit verbunden sind weitere Krankheiten wie Diabetes, Karies oder Herzerkrankungen. Ein zentraler Faktor dafür is unser Zuckerkonsum. Vor allem zuckerhaltige Getränke wie Softdrinks oder Fruchtsäfte sorgen für einen ordentlichen Zuckerüberschuss schon bei Kindern. Wie können Verbraucher dazu gebracht werden, lieber zu Alternativen zu greifen?

Nicht mehr als 50 Gramm Zucker am Tag (ca. 10 Teelöffel), besser noch weniger: So lautet die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das entspricht also gerade einmal einem großen Glas Limonade.

Gemeinsam mit zahlreichen anderen öffentlichen Gesundheitseinrichtungen hat die WHO die Regierungen der Welt, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie die Zivilgesellschaft aufgefordert, die Menschen bei einer gesünderen Getränkeauswahl zu unterstützen. Denn die Realität sieht nicht nur in Deutschland völlig anders aus: Wir nehmen viel zu viel Zucker zu uns. Ein großer Faktor dabei sind Softdrinks wie Cola, Limonaden und Säfte - also Getränke mit hohem Zuckergehalt. Sie gelten als besonders tückisch, da sie kein Sättigungsgefühl erzeugen, sagen Experten.

Durch den Konsum stark zuckerhaltiger Getränke kann sich das Risiko für übergewichts-assoziierte Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen. Eine verringerte Kalorienzufuhr von stark zuckerhaltigen Getränken kann somit das Risiko für diese Erkrankungen senken.

Prof. Dr. Bernd Weber, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Aber wie können die Menschen dabei unterstützt werden, zu einer gesünderen Getränke-Alternative zu greifen? Ideen dafür gibt es mehrere: Sie reichen von Lebensmittelampeln bis hin zu Verbotsregelungen. Doch was hilft wirklich? Das haben jetzt deutsche und britische Forscher in einer gemeinsamen Metastudie - genauer einem Cochrane Systematic Review - untersucht.

Zuckergehalt ausgewählter Lebensmittel (Quelle: AGES)
Lebensmittel Zuckergehalt
Glas Limonade (200 ml) bis zu 26 Gramm
Becher Fruchtjoghurt (200 g) bis zu 34 Gramm
Portion Frühstückscerealien (30 g) bis zu 13 Gramm

Professor Stefan Lhachimi vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen bezeichnet die Übersichtsarbeiten von Cochrane als "Goldstandard", wenn es um die die zusammenfassende Bewertung der zwar bereits vorhandenen, aber in der Literatur verteilten Evidenz gehe.

Lebensmittelampel Top - freiwillige Selbstverpflichtung Flop

Für ihre Untersuchung hat das Forscherteam insgesamt 58 Studien zu verschiedenen Maßnahmen gegen den Konsum zuckerhaltiger Getränke analysiert und einzelne "Interventionen" nach dem Grad ihrer wissenschaftlichen Evidenz bewertet. Das heißt also danach, wie sicher nachgewiesen ist, dass die jeweilige Maßnahme auch die gewünschte Wirkung bringt.

Visualisierung von unterschiedlich hohem Zuckergehalt in Softdrinks je nach Land.
Zuckerfalle Softdrinks: Nicht überall ist gleich viel drin! Bildrechte: Statista

Demnach gehören zu den erfolgreichsten "Interventionen" das Kennzeichnen von Lebensmitteln - etwa mithilfe des Ampel-Systems oder mit Emoticons wie lächelnden oder traurigen Smiley-Gesichtern - und die Änderung von Lebensmittelstandards in öffentlichen Einrichtungen. Außerdem seien auch Preiserhöhungen von zuckerhaltigen Getränken und ökonomische Instrumente wie zum Beispiel eine Zuckersteuer oder Subventionen für niedrig-kalorische Lebensmittel erfolgversprechend.

"Die Arbeit stellt umfangreich und in bisher einzigartiger Weise die Evidenz verschiedener Interventionen auf den Konsum zuckerhaltiger Getränke dar", sagt Professor Bernd Weber von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Zwar seien Studien, die Effekte außerhalb einer kontrollierten Laborumgebung aufzeigen, rar, aber die aufgeführten Arbeiten legten nahe, dass es sinnvolle, einfach durchführbare und effektive Interventionsmaßnahmen geben könne, um den Konsum stark zuckerhaltiger Getränke und damit die Kalorienzufuhr und Gesundheitsrisiken zu verringern. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie ist den Autoren des Cochrane Reviews zufolge eine der am wenigsten effektiven Maßnahmen.

Visualisierung der Pro-Kopf-Ausgaben für Softdrinks im Ländervergleich mit Deutschland auf Platz 10.
So beliebt sind Softdrinks im Ländervergleich. Bildrechte: Statista

Für Lhachimi, den Leibniz-Professor für Öffentliche Gesundheit - klingt das Ergebnis plausibel. Für die Politik sei aus seiner Sicht vor allem wichtig, dass sogenannte Lebensmittel-Ampeln vergleichsweise große Effekte auf den Verkauf von Süßigkeiten hätten und Preiserhöhungen sicher den Verkauf von Süßgetränken senken würden. "Letztes ist für andere gesundheitsschädliche, öffentlich verfügbare Produkte (Zigaretten und Alkohol) schon lange bekannt und hat auch zu entsprechenden Produktsteuern geführt", so Lhachimi weiter.

Der Staat und die Gesellschaft müssen durch scharfe Instrumente wie verpflichtende Lebensmittelampeln oder eine Preiserhöhung durch zusätzliche Besteuerung deutlich zeigen, dass diese Produkte potenziell gesundheitsschädlich sind.

Prof. Dr. Stefan K. Lhachimi, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)

Ernährungsministerin setzt auf Freiwilligkeit

Julia Klöckner
Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) Bildrechte: IMAGO

Während in anderen europäischen Ländern längst auf "Interventionen" wie sie die Studie vorschlägt, gesetzt wird, diskutiert die Politik in Deutschland schon seit längerem über geeigenete Maßnahmen. Das Ergebnis: Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner setzt auf Freiwilligkeit - also eine der am wenigsten effektiven Maßnahmen, geht es nach den Ergebnissen des Cochrane Reviews. Das stellte sie im Dezember 2018 mit ihrer "nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie: weniger Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten" vor. Denn die setzt auf die freiwillige Selbstverspflichtung der Industrie. Das stößt bei Experten auf Kritik.

Die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Klöckner kann nach Lage der Evidenz aus meiner Sicht nicht mehr lediglich auf Selbstverpflichtungen der Industrie pochen, sondern muss die vorhandene Evidenz endlich zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln.

Prof. Dr. Stefan K. Lhachimi, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)

Öffentlich diskutiert wurde beispielsweise bereits über die Einführung eines Ampel-Systems, wie es in Frankreich bereits unter dem Namen Nutri-Score eingeführt worden ist. Dass würde vor allem die Präsentation der Produkte verändern, was laut dem Bonner Neurowissenschaftler Weber wichtig wäre: "Es ist dringend erforderlich, sich zu vergegenwärtigen, wie stark die Art und Weise der Präsentation von Produkten ihren Konsum beeinflusst. Saliente und einfach verständliche Signale, welche auf oder in der Nähe der Produkte während der Entscheidung platziert sind, können Verbraucher dabei unterstützen informierte Entscheidungen zu treffen."

Wie machen es andere Länder in Europa? Auf den Inseln setzt der Gesetzgeber auf eine Zuckersteuer: Seit April 2018 muss die in Irland und Großbritannien für zuckerhaltige Getränke bezahlt werden. In Irland sind es 20 Cent für Getränke mit mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter - für Getränke mit mehr als acht Gramm sind es sogar 30 Cent.

Auch in Norwegen gibt es eine Zuckersteuer. 2018 wurde sie um bis zu 83 Prozent drastisch erhöht. Seitdem wurden zwölf Millionen Liter weniger süße Getränke verkauft - ein Rückgang um fast elf Prozent. In Dänemark und Finnland gab es aber trotz Steuer kaum einen Effekt.

Frankreich hat sich für eine Art Lebensmittel-Ampel entschieden: 2017 wurde dort der Nutri-Score eingeführt. Er zeigt auf einem fünfstufigen Label von dunkelgrün bis dunkelrot auf einen Blick wie die Nährwerte eines Produktes einzuordnen sind. Außerdem gibt es eine Zucker-Steuer. Die Einnahmen daraus fließen in die Sozialkassen des Landes.

Auch in Belgien gibt es eine Lebensmittelampel. Außerdem werden seit 2018 alle Zucker-Getränke mit Cent-Beträgen besteuert.

Bei Kindern könnten hier altersgerechte Maßnahmen, wie die Nutzung von farbigen Symbolen oder auch Anreizsysteme über Punkte oder Wettbewerbe einfach implementiert werden, so Weber weiter. Wichtig sei die Forschung über langfristige Effekte solcher "Interventionen" in realen Umgebungen zu stärken und politische Strategien auf ihre Wirkungen zu überprüfen. Denn da ist ja auch noch der Verbraucher, der sich verhalten müsste wie geplant. Aber da würden teilweise unerwartete oder gar paradoxe Verhaltensweisen beobachtet, so Weber.

Visualisierung des Rückgangs der Verkaufszahlen von Limonade in Deutschland.
In den vergangenen Jahren ist der Limonaden-Verbrauch in Deutschland nur leicht zurückgegangen. Bildrechte: Statista

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 12. Januar 2019 | 08:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 14:32 Uhr