Mono-, bi- und polyphasisch Schlafforschung: Plädoyer für die Siesta

Schlaf gilt als Zeitfresser: Von durchschnittlich 80 Lebensjahren schlafen wir 24. Das ist eine Menge Holz. Kann man die Schlafdauer verringern, indem man anders, quasi effektiver, schläft? Und wann ist Schlaf überhaupt effektiv: Häppchenweise über den Tag verteilt, also polyphasisch, oder monophasisch, am Stück? Oder doch ganz anders als wir denken?

Ein Kind mit einer Schlafmaske und Kopfhörern 5 min
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MDR Wissen-Reporter Maurice probiert es aus: das polyphasische Schlafen.

Di 26.03.2019 13:17Uhr 05:29 min

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Aus der Schlafforschung der 1970er-Jahre ist bekannt, dass der Mensch eine innere Uhr hat. Abgeschottet von äußeren Einflüssen wie Tag und Nacht und Uhrzeit lebten Versuchspersonen wochenlang in Bunkern und notierten, wann sie schlafen gingen, wann sie aßen. Ergebnis der Bunkerversuche: Etwa zwei Drittel der Zeit am Tag waren die Bunkerprobanden wach, ein Drittel der Zeit schliefen sie. "Das ist bei den meisten Menschen so", bestätigt Schlafforscher Steffen Schädlich im Gespräch mit MDR Wissen: "Die innere Uhr geht über 25 Stunden. Über die äußeren Lichtgeber wird das synchronisiert, sodass wir im normalen Tagesablauf bleiben."

Und das passiert im Schlaf normalerweise

Ein Mann jongliert  mit Bällen
Hätte ohne Schlaf wohl nicht so gut jonglieren gelernt: In Träumen festigen sich gelernte Fähigkeiten. Bildrechte: imago/Eßling

Die Schlafforschung unterscheidet mehrere Schlafphasen und Zyklen, sagt Schädlich: "Der Schlaf hat keine monotone, gleichförmige Struktur. Neben dem leichten Schlaf gibt es den Tiefschlaf oder auch Deltaschlaf. Der ist extrem wichtig um uns körperlich zu erholen. Und es gibt den so genannten Traumschlaf, den REM-Schlaf." Der ist wichtig für die geistige Gesundheit, um komplexe Mechanismen im Gedächtnis zu verankern, sagt Schädlich: "Typische Beispiele dafür sind Jonglieren, Fahrradfahren, Autofahren. Sowas wird nur im Traumschlaf ins Gedächtnis übermittelt. Nur dann kann man es auch richtig lernen."

Diese Schlafphasen folgen aufeinander, nach 20 Minuten Tiefschlaf folgt eine kurze Leichtschlafphase und dann der Traumschlaf. Ein solcher Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten. Erwachsene brauchen davon vier bis fünf, sagt der Hallenser Mediziner: "Und dann sind wir bei einer normalen Schlafzeit, im Durchschnitt 7,5 Stunden."  Aber muss das nachts am Stück sein?

Mehr Lebenszeit durch polyphasischen Schlaf?

Zweifellos verbringen wir viel Lebenszeit mit schlafen. Im Laufe der Geschichte haderten Menschen immer wieder mit diesem vermeintlichen "Zeiträuber". Zum Beispiel Richard Buckminster Fuller. Wie schon andere vor ihm wertete der amerikanische Architekt und Visionär Schlaf als "verschwendete Zeit". Indem er Nickerchen einlegte, wann er sie brauchte, kam er schließlich auf ein polyphasisches Schlafmuster, nach dem ihm zwei Stunden pro Tag reichten. Alle sechs Stunden 30 Minuten, "Dymaxion" nannte Fuller seine Schlafmethode. Er soll zwei Jahre so gelebt haben, bevor er sie wieder aufgab. MDR Wissen Reporter Maurice hat eine andere Variante des polyphasischen Schlafes getestet, die Methode "Uberman": Alle vier Stunden 20 Minuten Schlaf, also auch zwei Stunden.

Dr. Steffen Schädlich
Schlafforscher Steffen Schädlich Bildrechte: David Holland

Für Schlafforscher Schädlich reichen die kurzen Schlafphasen nicht für eine komplette Erholung des Körpers aus: "Der normale Mensch kann nicht mit dem Einschlafen direkt in den Traumschlaf gelangen." Bis auf die Narkoleptiker. Bei ihnen fällt der Körper unwillkürlich binnen Sekunden oder Minuten in den Traumschlaf, inklusive der Begleiterscheinungen – alle Muskeln fallen aus.

Die Light-Variante: Schlafen wie Ronaldo

Cristiano Ronaldo jubelt nachdem er ein Tor erzielt hat.
Fußballstar Cristiano Ronaldo Bildrechte: dpa

Supersportler Ronaldo schläft fünf mal am Tag 90 Minuten. Was sagt der Schlafmediziner dazu? "Besser als 20 Minuten. Diese 90 Minuten reichen theoretisch um einen Schlafzyklus zu durchlaufen". Optimal ist er aus Sicht des Mediziners trotzdem nicht. Zu Beginn des Einschlafens steht der Tiefschlaf im Vordergrund und der Traumschlaf tritt nur kurz auf. Das ändert sich im Laufe der Nacht, der Tiefschlaf wird weniger und der Traumschlaf mehr: "Wird man nach diesem ersten Zyklus immer wieder wach, fängt das immer wieder von vorn an. Das heißt, über 24 Stunden oder länger gerechnet, habe ich zwar ausreichend Tiefschlaf - aber der Traumschlaf wird darunter definitiv leiden," erklärt Steffen Schädlich.

Schlafforscher plädiert für Siesta

Des Rätsels Lösung ist am Ende ganz einfach. Wir haben alle als polyphasische Schläfer angefangen, als Säuglinge. Bei denen tickt die innere Uhr noch polyphasisch: Trinken, verdauen, schlafen. Trinken, verdauen, schlafen. Bis zum Schulbeginn steigt man um auf den biphasischen Schlafrhythmus: Eine lange Schlafzeit in der Nacht und eine am Mittag. Und genau dieses Schlafmuster ist das effektivste, meint der Forscher aus Halle, denn monophasischer Schlaf mit langer Nacht-Schlafzeit, wie die meisten ihn praktizieren, ist eigentlich nicht das, was die Natur vorgegeben hat:

Würde man das Mittagstief für einen Mittagsschlaf nutzen, käme man zu einem biphasischen Schlafmodell. Das käme tatsächlich dem am nächsten, was dem Menschen von der Natur gegeben ist. Das was in den südlichen Ländern gemacht wird, diese Siesta, ist sehr sinnvoll.

Dr. Steffen Schädlich

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um zwei | 26. März 2019 | 14:53 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 09:32 Uhr