Traumaforschung Wirkt: Kurztherapie für traumatisierte Jugendliche

Für traumatisierte Kinder und traumatisierte Erwachsene gibt es Therapien. Für Jugendliche mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen standen bisher keine zur Verfügung. Doch jetzt gibt es Hoffnung in Form einer kurzen, aber offenbar effektiven Therapieform aus Eichstätt.

Für traumatisierte Kinder gibt es Therapien und für traumatisierte Erwachsene auch. Nur nicht für die im Niemandsland zwischen Fisch und Fleisch: Auf Jugendliche mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gibt es bislang keine passgenaue Therapie, oder wie Professor Dr. Rita Rosner es im Gespräch mit MDR Wissen auf den Punkt bringt: "Die Jugendlichen sind bisher immer durchs Raster gefallen." Rosner leitet den Lehrstuhl für klinische und biologische Psychologie der katholischen Universität in Eichstätt und stößt mit einer neuen, tatsächlich kurzen Therapie in genau diese Lücke.

Sechs Monate statt zwei Jahre

Sechs Monate lang wird in 30 bis 36 Sitzungen mit traumatisierten Jugendlichen gearbeitet. Klingt nach wenig, wenn man an herkömmliche Therapien denkt, die in der Regel ein bis zwei Jahre dauern. Genau dieser kurze Zeitraum ist ein wichtiger Faktor für die Arbeit mit den Jugendlichen, die ohnehin mit den körperlichen und seelischen Umbrüchen in der Pubertät ringen, mit Überlegungen und Entscheidungen über die berufliche Zukunft, mit dem Erwachsenwerden an sich, der ersten romantischen Liebe, sagt Rosner:

Wenn man denen sagt, in vier bis sechs Monaten, bist du mit der Therapie fertig, können sie sich eher drauf einlassen, als wenn Sie sagen, das dauert mindestens  ein Jahr oder zwei.

Prof. Rita Rosner

Die Eichstätter Professorin folgt in ihrem Therapie-Ansatz der US-Verhaltensforscherin Patricia Resick. Resick leitet das nationale Zentrum für Ex-Militärs mit posttraumatischen Belastungsstörungen in Boston. Ihr Credo für Therapien: "Be as quick as possible". Was sie ihren Patienten vermittelt, beschreibt Resick selbst so:

Wir haben gelernt zu denken, dass gute Dinge guten Menschen passieren, und schlechte eben schlechten Menschen. Mein Therapieansatz will traumatisierten Menschen helfen, ihr Denken auszubalancieren. Zu fragen: Ist das ein Fakt? Oder denkst du dir das? Wenn man seine Denkweise ändert, ändert man auch seine Gefühle.

Patricia Resick

Resick räumt zwar ein, dass die Alpträume nach einem Trauma durch die Therapie nicht für immer ausgeschaltet werden: "Aber statt mehrfach in einer Woche hat man sie nur noch alle paar Wochen einmal."

Wie funktioniert der Therapieansatz aus Eichstätt ?

Rosners zufolge lernen die Jugendlichen in einer intensiven Anfangsphase mit bis zu vier Stunden pro Woche, ihre Emotionen zu regulieren. Erst danach geht es in der kognitiven Prozess-Therapie um das eigentliche Trauma. In der letzten Therapiephase mit einstündigen wöchentlichen Sitzungen wird sich den eigenen Entwicklungsaufgaben der Jugendzeit gewidmet, wie Rosner sie nennt. All dem, was durch das Trauma einer Vergewaltigung oder anderen Gewalterfahrung aus dem Blick geraten ist: Das eigene Leben, die eigenen Wünsche, Pläne, erste romantische Erfahrungen. Rosner zufolge kann die frühzeitige Behandlung Langzeitfolgen im Erwachsenenalter verhindern.  

Strohfeuer oder wirkungsvolle Methode?

Kann so eine Kurz-Therapie traumatisierten Menschen tatsächlich langfristig helfen? Die Eichstätter Wissenschaftlerin hat das in einer großen Studie in Berlin, Frankfurt und Ingolstadt untersucht: Eine Gruppe wurde nach ihrem neuen Ansatz, eine mit herkömmlichen behandelt und die Ergebnisse verglichen: Die neue Therapie zeigte deutlich größere Wirkung als die Methoden, "Interventionen" wie sie in der Fachsprache heißen, die bisher aus Kinder- und Erwachsenen-Interventionen adaptiert wurden.

Dabei zeigte die Gruppe in der neuen Therapiemethode nach Behandlungsende deutlich weniger Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung als die Kontrollgruppe. Auch andere psychische Erkrankungen, wie depressive Symptome oder Anzeichen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, gingen bei dieser behandelten Gruppe stärker zurück, sogar drei Monate später wurden diese Unterschiede noch beobachtet.  Die Teilnehmer der Kontrollgruppe konnten anschließend auch mit der neuen Therapie behandelt werden.

Illustration: Hand schneidet die Lunte aus dem bombenförmigen Kopf eines Teenagers ab.
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 29. April 2019 | 20:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2019, 14:36 Uhr