Demonstrant mit Plakat Hass ist Keine Meinung auf der Demonstration.
Bildrechte: imago/IPON

Studie Jeder 3. Deutsche vertritt ausländerfeindliche Positionen

Fast jeder dritte Deutsche vertritt ausländerfeindliche Positionen, die Abwertung von einzelnen Gruppen steigt. So lässt sich das Ergebnis der Leipziger Autoritarismus-Studie stark komprimiert zusammenfassen, die autoritäre und extreme Einstellungen in Deutschland untersucht hat. Dr. Oliver Decker von der Uni Leipzig überraschen die Ergebnisse im Einzelnen nicht. Er erforscht die Entwicklung seit 2006.

Demonstrant mit Plakat Hass ist Keine Meinung auf der Demonstration.
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Die Kernpunkte der neuen Befragungswelle: 36 Prozent aller Befragten stimmen der Aussage zu, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen um den Sozialstaat auszunutzen - 47,1 Prozent in Ost, 32,7 Prozent in West. Ähnlich sieht es aus beim Stichwort Überfremdung - im Osten halten 44,6 Prozent der Befragten das Land für im gefährlichen Maß überfremdet, im Westen 33,3 Prozent. Einstellungen, die Wissenschaftler als "Einstiegsdroge" in den Rechtsextremismus werten, da die Hemmschwelle, solchen Aussagen zuzustimmen, besonders niedrig ist.

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Oliver Decker Bildrechte: Liane Watzel

Als besorgniserregend wertet Oliver Decker die Aussagen über Sinti und Roma: Über 50 Prozent der Deutschen stimmen diskriminierenden Aussagen über diese Gruppe zu. Deren Diskriminierungserfahrungen wiederum werden dagegen kaum thematisiert. Wie aber kommt es zu einer quasi flächendeckenden Ablehnung einer so kleinen Gruppe? Decker erklärt das scheinbare Paradoxon. Er sagt, bei Ressentiments und Vorurteilen spielen direkte Erfahrungen überhaupt keine Rolle: "Man muss das von der Person aus denken, die das Vorurteil hat, Vorurteile muss man als etwas sehen, das mit den Bedürfnissen der Person zu tun hat."

Demokratie vs. autoritäre Gesellschaft

Im Fall der Sinti und Roma hängt das zusammen mit einem anderen scheinbar widersprüchlichen Phänomen, wie die Studie aufzeigt: Einerseits eine große Zustimmung zur Demokratie an sich und ihrem Funktionieren, das in den neuen Bundesländern seit 2006 von 27 Prozent auf knapp 50 gestiegen ist. Zum anderen belegt die Studie aber ein starkes Maß an autoritärer Aggression und und einem hohen Wunsch nach einer autoritären Gesellschaft.

Über die Studie: Zum 9. Mal befragten Leipziger Wissenschaftler zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung bundesweit 2.416 Menschen (West 1918, Ost 498), wie sie zu rechtsautoritären Diktaturen, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus stehen.
Die Mengenverhältnisse bei den Befragten spiegeln die Bevölkerungszusammensetzung wider, so die Forscher.
In der letzten Befragungswelle von 2017 wurden außerdem autoritäre Persönlichkeitsmerkmale erfasst. 

Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich, sagt Decker, wenn man sich den Demokratiebegriff, und das was Menschen darunter verstehen, näher anschaut.

Demokratie wird nicht verstanden als eine freie plurale, also mit mehreren Interessen bestehenden Gesellschaft. Sondern die Idee, es gibt so etwas wie eine Mehrheitsdiktatur, dass eine Demokratie von der Herrschaft einer homogenen einheitlichen Gruppe getragen wird, einer 'Volksgemeinschaft‘, wenn man das mal zuspitzen will.

Dr. Oliver Decker

Das bestätigt sich in der Befragung indirekt bei der Zustimmung zu Aussagen wie, "Wer nicht arbeitet, soll nicht die gleichen Rechte haben." Diese Haltung ist laut Befragung für ein Großteil der Deutschen zustimmungsfähig.

Autoritäre Dynamiken - was steckt dahinter?

Untersucht wurden in der Studie auch autoritäre Dynamiken als Schlüsselfaktor für rechtsextreme Einstellungen. Decker erklärt: "Wenn Menschen in einem autoritären System sozialisiert sind, kann eine Option sein, sie akzeptieren es und unterwerfen sich diesen Regeln. Dafür bekommen sie was. Das ist der Deal einer autoritären Herrschaft, das Quid pro quo: akzeptiere meine Macht, dafür darfst du an ihr teilnehmen."

Die Befragung zeigt demnach, dass rund 40 Prozent der Deutschen Merkmale eines autoritären Typus zeigen, nur 30 Prozent sind dagegen ausdrücklich demokratisch orientiert. Autoritäre Aggressionen sind bei 65 Prozent der Deutschen tiefgreifend ausgeprägt: "Den Wunsch, Andersdenkende auszugrenzen, teilen zwei Drittel der Deutschen."

Unterwerfungsmomente und ihre Folgen

In der deutschen Geschichte gibt es Decker zufolge etliche Beispiele solcher Unterwerfungsmomente - die Implosion des Kaiserreichs und Jahrzehnte später der DDR - aber auch die Einführung der Arbeitsmarktreformen, bei denen die meisten Menschen Einschränkungen des Einzelnen zustimmten, die einem gemeinsamen Prinzip, der Wirtschaft, dienten. Menschen mit Unterwerfungserfahrungen, egal ob in implodierenden autoritären Systemen oder bei der Akzeptanz eines abstrakten Ziels wie der Wirtschaft, erleben nicht immer das erhoffte Quid pro quo, führte Decker im Gespräch mit MDR Wissen weiter aus.

Dann werden Sündenböcke gesucht für die eigene Wut - in Form von Muslimen oder Sinti und Roma als Projektionsfeld, für all das, was man selbst nicht getan hat - im Falle der Sinti und Roma, die als "kriminell", "sich nicht an Regeln haltend" wahrgenommen werden - und damit das tun, was man selber nicht getan hat. Vorurteile erfüllen Funktionen - und deshalb werden Erfahrungen mit den "anderen" gar nicht gesucht - denn das würde sie ihrer eigentlichen Funktion, der Projektionsfläche für (autoritäre) Aggressionen, berauben. 

Wer ist Oliver Decker? Dr. Oliver Decker ist Direktor des Leipziger Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung, kurz Kredo, und leitet den Bereich Gesellschaftlicher und medizinischer Wandel.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung des Artikels hatten wir versehentlich die Friedrich Ebert Stiftung als Kooperationspartner genannt. Wir bitten das zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | 07. November 2018 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 12:42 Uhr