Lebenswerte Stadt Zukunftsvisionen für Erfurt-Nord

Erfurter Architekturstudenten haben sich ein Semester lang intensiv Gedanken dazu gemacht, wie man die Plattenbausiedlungen im Norden der Stadt wieder attraktiver machen kann. Jetzt stellen sie in einer Ausstellung ihre Modelle und Pläne vor. Der große Konsens: Anonymität minimieren, Gemeinschaftsflächen schaffen, die Bewohner von Anfang an mit einbeziehen.

von David Holland

Erfurt-Nord, Stadtteil Moskauer Platz. Wo man hinsieht: Plattenbau. Weit mehr als 5.000 Wohnungen in über 300 Gebäuden - damit ist der Moskauer Platz der größte Plattenbaustadtteil der thüringischen Landeshauptstadt. Das Problem: Zu DDR-Zeiten stark gefragt, möchte heute kaum noch jemand in der Platte leben. Die Einwohnerzahl hat sich von knapp 15.000 Menschen Anfang der 1990er-Jahre bis heute fast halbiert.

Diagramm Einwohnerentwicklung
Bildrechte: MDR Wissen / David Holland

Und die, die noch da sind, sind alt. Das Durchschnittsalter liegt bei 49,2 Jahren. Zum Vergleich - in Erfurt liegt das Durchschnittsalter bei 44,2, in Deutschland bei 44,4 Jahren. Die Sterberate in Erfurt Nord ist fast doppelt so hoch wie die Geburtenrate. Hinzu kommt, dass durch den Stadtumbau Ost zwar viele Plattenbauten abgerissen wurden - jedoch nichts Neues entstanden ist. Stattdessen führt es zu zunehmender Segregation.

Gebäude 1 min
Bildrechte: MDR/David Holland

Fr 12.04.2019 15:44Uhr 00:24 min

https://www.mdr.de/wissen/impressionen-erfurt-moskauer-platz-heute100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Neue Ideen sind gefragt

Wie soll es also weitergehen mit einer der größten Plattenbausiedlungen Thüringens? Auf die Suche nach der Antwort haben sich Architekturstudenten der Fachhochschule Erfurt gemacht. Ziel war es herauszufinden, wie zeitgemäßes Wohnen heute gelingen kann. Dazu sollten sie ein 3,5 Hektar großes Areal aus dem Besitz der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt (KoWo) neu gestalten.

Ein Semester lang haben die Studenten unter Federführung von Architekturprofessorin Petra Wollenberg modelliert, diskutiert, mit Anwohnern gesprochen, sich Rat von Soziologen und Stadtplanern geholt - und schließlich mehr als 30 Modelle und Pläne erstellt.

Fazit: Die Mischung macht' s

Eine erste wichtige Erkenntnis: Stumpf den Plattenbau abreißen und alles neu bauen, ist zwar auf den ersten Blick attraktiv, jedoch keine wirkliche Lösung:

Petra Wollenberg, Architekturprofessorin 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 12.04.2019 15:38Uhr 00:23 min

https://www.mdr.de/wissen/antworten/architekturprofessorin-petra-wollenberg100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Und für die neuen Wohnungen gilt: Unbedingt unterschiedliche Wohnungstypen und -größen einplanen. Egal ob Single-Haushalt, Familie, Studenten- oder Rentner-WG - für jede Art des Zusammenlebens und für jedes Gehalt sollte eine passende Wohnung vorhanden sein. Sonst ist soziale Segregation unausweichlich.

Grundriss Planung Erfurt Nord
Wohnungen mit verschiedenen Grundrissen je nach Bedarf Bildrechte: MDR Wissen / David Holland

Einen Ort der Geborgenheit schaffen und gleichzeitig die Anonymität der Großstadt minimieren - das hat Leonie Wehlend mit ihrem Entwurf versucht. Deshalb gibt es in ihrem Modell statt eines großen Komplexes mehrere kleinere quadratische Gebäude, die jeweils einen freien Innenhof haben, ähnlich der arabischen Bauweise. So fällt man von der Wohnungstür nicht gleich auf die Straße – sondern begegnet im Innenhof vielleicht seinem Nachbarn und kommt ins Gespräch.

Die wichtigste Erkenntnis für lebenswerte Städte ist jedoch: Moderne Architektur heißt auch Gemeinschaftsflächen schaffen. Das kann zum Beispiel so aussehen: Drinnen eine gemeinschaftlich genutzte Werkstatt, eine Bibliothek, ein Veranstaltungsraum. Draußen Grillplätze, Urban Gardening, Flächen für Car- und Bikesharing.

Marie Guse,  Architekturstudentin 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Diese Orte des Zusammenkommens bieten eine unglaubliche Qualität"

Fr 12.04.2019 15:38Uhr 00:29 min

https://www.mdr.de/wissen/marie-guse-architektur-studentin100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bei Architekturstudent Max Reiser ist dieser Ort des Austauschs zum Beispiel eine gemeinschaftlich genutzte Dachterrasse.

Entwurf für den Umbau eines Plattenbau´s.
Entwurf Max Reiser Bildrechte: MDR Wissen / David Holland

Und: Diese Gemeinschaftsflächen sollten unbedingt mit den Bewohnern gemeinsam entworfen werden, sagt Professorin Petra Wollenberg. Vorreiter auf dem Gebiet sind Städte wie Wien und Zürich.

Offen bleibt, wie es mit dem Moskauer Platz weitergehen wird. "Wir stellen die Ergebnisse der KoWo natürlich zur Verfügung", sagt Professorin Petra Wollenberg.

Petra Wollenberg, Architekturprofessorin 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 12.04.2019 15:33Uhr 00:56 min

https://www.mdr.de/wissen/antworten/architekturprofessor-petra-wollenberg-neubau-oder-abriss100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Doch auch wenn die Pläne in naher Zukunft für den Erfurter Norden noch nicht umgesetzt werden, so nehmen die Architekturstudenten von dem Projekt für ihre weitere Arbeit vieles mit, betont Architekturprofessor Michael Mann:

Prof. Michael Mann
Bildrechte: MDR Wissen / David Holland

Die größte Herausforderung ist, dass wir die Stadt nicht weiter spalten in reiche Gebiete und arme Gebiete. Die gemischte Stadt, das wissen sie alle, wird die beste sein.

"Das ist die wichtigste Aufgabe unserer Zukunft", sagt auch Architekturstudent Christian Brömmer. Die Ausstellung der Entwürfe der Studenten ist noch bis zum 24. April in der FH Erfurt an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung in der Schlüterstraße zu besichtigen.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Samstagmorgen | 15. September 2018 | 05:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 13:53 Uhr