Artenvielfalt DDR-Umwelt: Es war nicht alles schlecht – auch für die Vögel

Mit der Wiedervereinigung konnte die Natur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR durchatmen. Doch nicht alle Tierarten sind Gewinner der Wende. Vor allem Kiebitz, Feldlerche & Co. geht es schlechter als zuvor. Doch warum?

Grafik Feldlerche
Die Grafik aus unsere interaktiven Story (Link unter dem Absatz) zeigt, wie sich der Bestand der Feldlerche seit 1990 entwickelt hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Planwirtschaft der DDR nahm keine Rücksicht auf die Natur. Verpestete Luft, verseuchte Gewässer und Böden waren das Ergebnis. Dennoch ging es einigen Vogelarten besser als heute, vor allem den Feld- und Wiesenvogelarten wie Kiebitz, Sperbergrasmücke und Braunkehlchen. Sie waren wie die Feldlerchen oder Ortolane hierzulande bis 1990 sogar weiter verbreitet als jenseits der innerdeutschen Grenze. Heute sind sie gefährdet, so wie die meisten Vögel, die den Lebensraum mit ihnen teilen. Doch was macht den Arten, die auf offenen Flächen wie Wiesen und Äckern zu Hause sind, das Leben so schwer?

Die Landwirtschaft in der DDR war ebenso intensiv wie die Industrie. Dennoch ließ sie einzelnen Vogelarten mehr Raum zum Überleben – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Felder wurden aus Notwendigkeit nicht nur mit Getreide, sondern auch mit verschiedenen Futterpflanzen, Kartoffeln und Rüben bestellt. Diese Vielfalt im Anbau sorgte für Artenvielfalt. Außerdem arbeiteten Mensch und Maschine weniger effizient als heute und so blieben die Feldränder ein attraktiver Lebensraum für Tiere. Auch ausgelaugte und ausgetrocknete Kuppen, steile Hänge und feuchte Senken konnten mit der vorhandenen Technik nicht bearbeitet werden und boten so Rückzugsräume.

1990: Kurzes Durchatmen für Tieren und Pflanzen

Durch den wirtschaftlichen Umbruch in den neuen Bundesländern verbesserten sich zunächst für viele Tiere und Pflanzen die Bedingungen. Sie eroberten sich aufgegebene Industrieflächen und Truppenübungsplätze zurück. Davon profitierten vor allem Offenlandarten wie die Feld- und Wiesenvögel. Auch der Beschluss der EU, landwirtschaftlich genutzte Flächen stillzulegen, schuf neue Lebensräume. In Brandenburg waren das fast 20 Prozent der zuvor bewirtschafteten Areale.

Viele bereits vorhandene Vogelbestände wuchsen in dieser Zeit, da Brachen nachgewiesenermaßen die stärksten positiven Effekte auf die Artenvielfalt im Allgemeinen und die Feldvögel im Besonderen haben.

Dr. Martin Flade, Leiter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin

Perfektion im Ackerbau setzt diese Feld- und Wiesenvögel unter Druck

Ab 1990 wurden auch in den neuen Bundesländern die Felder nach westlichem Bedarf bestellt und die Bewirtschaftung auf Effizienz getrimmt: mehr Weizen, mehr Raps und weniger Vielfalt. Die neue Technik rückte selbst dem letzten Halm am Feldrain zu Leibe. Die EU-Regelung, Brachflächen in der Landwirtschaft zu fördern, schaffte vorübergehend Erleichterung: Insekten und Kleinsäuger konnten sich ansiedeln, der Tisch für die Wald- und Wiesenvögel war wieder reichlicher gedeckt. Damit war es jedoch 2007 vorbei. Der Anbau von Energiepflanzen für Biosprit nahm Fahrt auf und damit auch wieder die großflächigen Monokulturen. Am deutlichsten leidet unter dieser Entscheidung die Grauammer, deren Bestand ab 2009 deutlich abnahm.

Grauammer
Die Grauammer leidet spürbar unter der Abschaffung der Brachflächen. Seit 2009 geht ihr Bestand zurück. Bildrechte: imago images/Shotshop

Konsequenzen der Agrarpolitik im Osten deutlicher

Die intensive Landwirtschaft ist für Feld- und Wiesenvögel in ganz Deutschland ein Problem. Inzwischen sind Dreiviertel der Offenlandarten gefährdet, nimmt man die hinzu, die auf der Vorwarnliste stehen, sind es sogar 87 Prozent. Bluthänfling, Braunkehlchen und Turteltaube kommen nur noch auf etwa die Hälfte des Bestandes von 1991. Der Kiebitz gehört zu den Brutvögeln der Agrarlandschaft, die seit 1991 in ihrem Bestand am stärksten zurückgegangen sind, allein in Ostdeutschland um etwa 80 Prozent. Die Auswirkungen der Agrarpolitik wie die Förderung von Monokulturen und Effizienz sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sogar noch größer, weil die bewirtschafteten Felder größer waren und sind. Dadurch sind auch die Folgen weitreichender.

Große Flächen bieten auch Chancen

Das Erbe der DDR-Landwirtschaft bietet jedoch auch neue Möglichkeiten: Auf den ausgedehnten Arealen der ehemaligen LPGs ließe sich ein großflächiger moderner Ökolandbau umsetzen, wie in einigen Biosphärenreservaten wie Schorfheide-Chorin zu 62 Prozent und dem Spreewald zu 72 Prozent bereits geschehen.

Auf den konventionellen Feldern am wichtigsten jedoch wäre die Wiedereinführung eines Mindestanteils von Brachen, die Abkehr vom Energiepflanzenbau, die Reduzierung des Pestizideinsatzes und Verbote von Neonikotinoiden und Glyphosat.

Dr. Martin Flade, Landschaftsplaner und Naturschützer

Dann würden sich die Feld- und Wiesenvögel wieder wohl fühlen und ihre Bestände könnten sich erholen. Und nicht nur sie. Denn es gibt weitere Arten, die davon profitieren könnten, wie Feldhasen und Hamster.

ms/krm

0 Kommentare