Biodiversität Erfolge für Artenvielfalt in Ecuador, Rückschlag in Großbritannien — es bleibt eben kompliziert

Manche Arten kriegen gerade so die Kurve: Ein Leguan ist jetzt auf der Galapagos-Insel Santiago zurück. Indes beschließt Großbritannien, zum Thema Naturzustand erstmal nicht zu viel zu erzählen. Das alles vor dem Hintergrund des wichtigen UN-Biodiversitätsgipfels im Dezember.

Ein Reptil mit typischer Leguan-Form und grau-gelber Haut sitzt auf einem angefressenen, schon holzigen Blatt eines Feigenkaktus. Ansicht von vorn. Leicht offener Mund und kritsich-verschmitzter Blick. Drum herum kleine grüne Blätter, Hintergrund unscharf.
Zurück in der Heimat: Der Drusenkopf lebt wieder auf Santiago. Bildrechte: IMAGO / McPHOTO

Eine außerordentlich dümmliche Erscheinung, so hat das der alte Darwin gesagt und machte sein vernichtendes Resümee u.a. an der Gesichtslinie zwischen Nasenloch und Ohr fest. Darwin hatte gut reden, zu seinen Lebzeiten erfreuten sich in Deutschland noch Erdmännchen und Tümmler-Delfine bester Gesundheit. Um die Artenvielfalt war's noch nicht ganz so schlimm bestellt. Hätte Darwin gewusst, dass dem von ihm so gescholtenen Galapagos-Landleguan das gleiche Schicksal droht, wie dem zu seiner Zeit Vorzeige-Aussterber Dodo, dann hätte er möglicherweise anders geurteilt.

Überhaupt ist das Köpfchen des Reptils nicht dümmlich, sondern außerordentlich entzückend: Verschmitzter Blick und zackige Haube, frei nach dem Motto: Liebe Menschen, ihr kriegt mich nicht. Recht hat er: Drusenköpfe, so der andere Name des Tieres, galten seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Galapagosinsel Santiago als ausgestorben. Im Jahrhundert davor waren sie nach Darwinschen Beobachtungen noch putzmunter auf der Insel vertreten. Jetzt aber haben die Mini-Saurier das Eiland zurückerobert, durch einen geglückten Wiederansiedlungsversuch, bei dem im Jahr 2019 3.000 Tiere nach Santiago gebracht wurden.

Davon profitieren nicht nur die dort lebenden Leguane, die eben von der Artensterben-Schippe springen konnten, sondern auch das wiederhergestellte Ökosystem der Insel. Dass die Wiederansiedlung auf einer der Galapagos-Inseln gelingt, ist sinnbildlich – schließlich steht die Gruppe im Pazifik wie keine andere für Artenvielfalt und deren entsprechende Verletzlichkeit. Ende der Siebziger wurde sie zum Weltnaturerbe der Unesco.

Großbritannien: Keine Infos zu Vogel- und Fischbeständen

Das Tierchen ist also wieder wohlauf – so viel zu den guten Nachrichten des Tages. Die weniger guten beziehen sich auf Europa und stehen im Blatt New Scientist. Wie dort berichtet, werde die Regierung von Großbritannien in diesem Jahr rund zwei Drittel ihrer Messdaten zum Zustand der britischen Natur nicht veröffentlichen. Der Beschluss sei stillschweigend erfolgt. Damit gelangen zum Beispiel Informationen zu Vogelpopulationen und Fischbeständen vorerst nicht an die Öffentlichkeit.

Rosinenpicken […] ist nur Feigheit.

Chris Packham Naturforscher und Fernsehmoderator

Vorerst, weil man durchaus plane, die Zahlen im kommenden Jahr zu veröffentlichen. New Scientist moniert in diesem Zusammenhang aber die Beiläufigkeit dieser Entscheidung und das zudem ungünstige Timing – und verwies dabei auf die Weltnaturkonferenz der UN im Dezember in Montreal. Diese wolle man zunächst abwarten, so das verantwortliche Ministerium. Die Entscheidung löst bei Naturschützenden und -forschenden Kopfschütteln aus: "Das wäre so, als würden wir die Feuerwehr inmitten eines Überraschungsangriffs zurückhalten, um uns erstmal zu berappeln und überlegen, was wir tun könnten", so zitiert das Blatt den Naturforscher und Fernsehmoderator Chris Packham, der die jetzt nur noch kleine zu veröffentlichende Datenauswahl als feiges Rosinenpicken bezeichnet.

Schöner Name – und leider ausgestorben

Nördlicher Weißbrustigel
Fun Fact: Früher gab es zwei verschiedene Igel-Arten in Deutschland. Einen Ostigel und einen Westigel. Der Ostigel oder Weißbrustigel unterscheidet sich durch seine weiße Brust. Heute lebt er u.A. im Iran, in Russland oder auf der Balkan-Halbinsel. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Nördlicher Weißbrustigel
Fun Fact: Früher gab es zwei verschiedene Igel-Arten in Deutschland. Einen Ostigel und einen Westigel. Der Ostigel oder Weißbrustigel unterscheidet sich durch seine weiße Brust. Heute lebt er u.A. im Iran, in Russland oder auf der Balkan-Halbinsel. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Stellersche Seekuh
Die Stellersche Seekuh, früher auch Borkentier genannt, lebte im nördlichen Pazifik. Sie wurde bis zu acht Meter lang und bis zu zehn Tonnen schwer. Bildrechte: IMAGO / agefotostock
Ein ausgestopfter Beutelwolf.
Der Beutelwolf, auch Tasmanischer Tiger genannt, war das größte räuberisch lebende Beuteltier. Das letzte Exemplar wurde 1930 in Tasmanien gefangen. Dieses ausgestopfte Exemplar steht in den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Martin Luther-Universität Halle. Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn
Ein ausgestorbenes Känguru.
Das Mondnagelkänguru war mit 3,5 Kilogramm ein relativ kleines Känguru. Namensgebend war der weiße, halbmondförmige Schulterstreifen. Die letzten Tiere wurden in den 1950er Jahren gesehen. Bildrechte: John Gould, Henry Richter, Public domain, via Wikimedia Commons
Ausgestorbene Entenart.
Labradorenten von links nach rechts: Weibchen und Männchen. Die Enten brüteten höchstwahrscheinlich in Labrador, Neufundland. Das letzte bekannte Exemplar wurde 1878 geschossen. Bildrechte: John James Audubon, Public domain, via Wikimedia Commons
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Ein ausgestopfter Beutelwolf.
Ein ausgestopfter Beutelwolf. Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn

Die deutsche Biologin und Ornithologin Kathrin Böhning-Gaese verweist gegenüber MDR WISSEN auf den Umstand, dass der Rückgang der Artenvielfalt neben dem Klimawandel die zweite große Krise unserer Zeit ist. "Ein vollständiger Verlust der Biodiversität würde dazu führen, dass auch die Menschheit aussterben würde", so Böhning-Gaese in der MDR WISSEN-Sommerserie Drei Minuten Zukunft. "Das heißt: Der Klimawandel bedeutet, wie wir auf der Erde leben und die Biodiversität, ob wir auf der Erde leben."

Hoffnung auf Dezember

Die Rechnung ist einfach: Wir Menschen sind aus der Natur entstanden und beziehen allerhand Leistungen aus der Natur – zu den offensichtlichsten zählen Luft, Nahrung und Medizin. "Wir sind damit als Menschen ganz fundamental von der Biodiversität abhängig", betont Böhning-Gaese. Die Forscherin verweist aber auch darauf, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Rückschritte, sondern auch Fortschritte gemacht wurden. "Die Zukunftskommission Landwirtschaft hat es zum Beispiel geschafft, zwischen den Umweltschützern auf der einen Seite und den Landwirtschaftsverbänden auf der anderen Seite einen Kompromiss zu finden, ein gemeinsames Positionspapier aufzusetzen." Dennoch: "Natürlich ist man mindestens einmal am Tag verzweifelt. Man sieht, dass es nur so ganz langsam vorankommt."

Bei der UN-Weltnaturkonferenz im Dezember, dem größten internationalen Treffen zur Biodiversität, wird sich zeigen, ob es gelingt, ein neues Abkommen zum Artenschutz aufzusetzen. Und mit ihm entsprechende Ziele für das Jahr 2030. Für 2020 wurden die nicht mal ansatzweise erreicht. Dabei geht es doch um viel mehr als darum, herzlich-dümmlich dreinblickenden Gestalten wie den Galapagos-Landleguan vorm Aussterben zu retten, sondern in erster Linie auch unsere eigene Art.

Wissen

Galapagos Echsen 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
5 min

Auf Galapagos – und nur auf Galapagos – gibt es ganz besondere Bewohner, für die sich Forscher der Universität Leipzig interessieren: die Meerechsen.

Do 10.12.2020 14:58Uhr 05:00 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/aktuell/galapagos-echsen-102.html

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gernelernen Echsen 61 min
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2 Kommentare

Anni22 vor 1 Wochen

Wir sollten mehr auf uns schauen. Da kann man was bewirken, z.Bsp keine Windräder in den Wald setzen und erst Recht nicht in Naturschutzgebiete. Keine Nahrungsmittel zu Sprit verarbeiten. Nicht dauernd alle Grünflächen mähen. Kleine und große Wasserrückhaltesysteme bauen. AKWs bauen um Co 2 zu reduzieren. Und vor allem nicht dauernd nach einer größeren Bevölkerungszahl rufen, sondern endlich begreifen, die Umwelt ist am Limit, noch dichtere Besiedlung
braucht niemand. Dann haben die "wilden" Tiere und Pflanzen noch eine Chance! Aber ich glaub der "Menschenaffe" ist einfach zu "schlau" und bringt sich um....


Kleingartenzwerg vor 1 Wochen

Die eigentliche Kriese ist die Überbevölkerung, alles andere nur die Folgen. Das gilt insbesondere auch für den Rückgang der Artenvielfalt.