Covid-19 Astrazeneca-Impfstoff: Thrombosen sind selten und behandelbar

Forscher sind sich jetzt sicher: Der Covid-Impfstoff von Astrazeneca hat die seltenen Fälle von Thrombosen in der Sinusvene bei den unter 55-Jährigen ausgelöst. Für Menschen über 60 ist das Risiko geringer.

Astrazeneca Impfstoff
Impfstoff von Astrazeneca: Bei etwa einer von 50.000 Impfungen von Menschen unter 55 Jahren löst er Thrombosen aus, die im schlimmsten Fall tödlich verlaufen können, wenn sie nicht therapiert werden. Bildrechte: IMAGO / Beautiful Sports

In Deutschland haben Behörden und medizinische Gremien erneut die Reißleine beim Corona-Impfstoff von Astrazeneca gezogen. Nachdem weitere Fälle der sogenannten Sinusvenenthrombose nach einer Impfung aufgetreten sind – insgesamt waren in Deutschland 29 Frauen und zwei Männer betroffen, in neun Fällen starben die Betroffenen an der Komplikation, alle waren jünger als 55 Jahre – ändert die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlung: Der als Vaxzevria oder auch AZD1222 geführte Impfstoff soll ab sofort nur noch für Menschen über 60 Jahren verwendet werden. Aus Sicht der Wissenschaft erscheint dieser Schritt nach Analyse der beobachteten Nebenwirkungen sinnvoll.

Impfung führt in seltenen Fällen zu ungewollten Antikörpern, die Blut verklumpen

Ein Team unter der Leitung des Greifswalder Professors Andreas Greinacher hat inzwischen die Blutproben von 25 betroffenen Patientinnen und Patienten analysiert und ist sich sicher: Bei den beobachteten Sinusvenenthrombosen handelt es sich tatsächlich um eine Nebenwirkung des Impfstoffs. Die Mediziner haben zwei Testverfahren entwickelt, die die betroffenen Patienten identifizieren können, wenn es nach der Impfung zu dieser Komplikation kommt. "Der zweite Test ist hochspezifisch, er findet nur genau diese Patienten. Und bei ihnen zeigt sich exakt das gleiche Bild", sagt Greinacher bei einem Pressegespräch.

In einer noch nicht begutachteten Studie haben Greinacher und seine Kollegen die Blutgerinnsel nach der Impfung beschrieben. Die Daten seien überzeugend, sagen nun mehrere Mediziner der deutschen Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH). Bei den Laboruntersuchungen fanden die Greifswalder spezielle Auto-Immun-Antikörper, die offenbar unabsichtlich durch die Impfung gebildet werden. Diese Antikörper verklumpten Blutplättchen (Thrombozyten). Die Klümpchen führten dann zu den beobachteten Verstopfungen der Hirnvenen. Dabei binden sie so viele von diesem "Plättchenfaktor 4", dass im übrigen Blut ein starker Schwund der Thrombozyten beobachtet werden kann.

Sind die Adenoviren schuld?

Der Mechanismus ähnelt einer Erkrankung, die "Heparin-induzierte Thrombozytopenie" (HIT) genannt wird, schreiben die Forscher. Dabei lagert sich der Blutgerinnungshemmer Heparin an den Blutplättchen an. Die Antikörper attackieren dann diese Klumpen aus Heparin und Blutplättchen und führen zu größeren Verklumpungen. Im Fall der Impfung haben Mediziner den Verdacht, dass es ein Teil der Adenoviren war, der die Rolle von Heparin übernommen und damit die Kettenreaktion ausgelöst hat. Dass es das Spikeprotein von Corona ist, halten sie für weniger wahrscheinlich, denn dann müsste die Reaktion auch bei den anderen Impfstoffen auftreten und dafür gibt es bislang nur wenige Anzeichen. Greinacher und Kollegen nennen die beobachtete Komplikation nun "impfungsinduzierte Immun-Thrombozytopenie (VIPIT)".

"Der Mechanismus bei diesen Nebenwirkungen unterscheidet sich auch grundsätzlich von dem, den wir beobachten, wenn es bei schwer erkrankten Covid-19 Patienten zu Thrombosen kommt", sagt Greinacher. Vollkommen unklar sei allerdings noch, wie der Impfstoff die Bildung der Auto-Immun-Antikörper auslöse, ob das direkt geschehe oder ob es bislang unentdeckte Cofaktoren bei den Betroffenen gebe - beispielsweise bestimmte genetische Voraussetzungen - die eine Art Kettenreaktion auslösen, an deren Ende es zur Bildung der Antikörper komme.

Robert Klamroth, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH), geht davon aus, dass es noch mehr Fälle gibt, die sich nicht nur auf die Sinusvenen beschränken. "Die Aktivierung der Blutplättchen durch die Antikörper erzeugt dann Thrombosen an atypischen Orten, wie zum Beispiel in der Sinusvene im Gehirn, aber sicher nicht nur dort", schreibt er in einem Statement für das Sciencemediacenter Deutschland. "Wir kennen mittlerweile Einzelfälle von Patienten aus Italien und England, bei denen eine solche Thrombose zum Beispiel in der Bauchvene oder sogar in der Arterie aufgetreten ist. Ich denke, wenn man dort genauer nachschaut, wird sich das nicht nur auf die zerebralen Sinusthrombosen beschränken.”

Möglicherweise auch mehr Fälle in Großbritannien

In Großbritannien wurde inzwischen 13,7 Millionen Impfdosen von AZD1222 verabreicht, dabei traten nur vier explizite Fälle von Sinusvenenthrombosen auf. Doch es gibt 48 weitere Verdachtsfälle von Thrombozytopenien. Trotzdem wäre das Vorkommen dieser Nebenwirkung dann immer noch deutlich seltener, als das für die EU beobachtete Verhältnis von einer Thrombose pro 50.0000 verabreichten Impfungen. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass im Vereinigten Königreich bislang vor allem die ältere Hälfte der Bevölkerung mit dem Stoff geimpft wurde. In Deutschland wurde AZD1222 vor allem für Krankenhauspersonal verwendet, in erster Linie Frauen im Alter von unter 55 Jahren.

Warum bislang vor allem jüngere Patienten von der Nebenwirkung betroffen sind, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Greinacher räumt hier allerdings ein, dass sie bei Älteren möglicherweise einfach nicht entdeckt wurde. "Es handelt sich trotz der ganzen Aufregung jetzt um eine sehr, sehr seltene Nebenwirkung. Bei älteren Patienten kommen thrombotische Ereignisse aber sehr viel häufiger vor und sind nicht unerwartet." Bei dieser Gruppe könnten die speziell durch die Impfung ausgelösten Thrombosen also einfach in der Menge der normalerweise vorkommenden Blutgerinnsel verschwunden sein.

Johannes Oldenburg, Transfusionsmediziner vom Uniklinikum Bonn und Vorsitzender der GTH, betont, dass es nach jetzigem Stand möglich sei, Betroffene nach einer Impfung schnell zu erkennen: "Durch die Arbeiten der Greifswalder Gruppe haben wir jetzt einen Diagnose-Algorithmus, der eine schnelle und zielgerichtete Diagnose ermöglicht." Laut Andreas Greinacher geht das aber erst, wenn der Prozess der Gerinnselbildung bereits eingesetzt hat. Da die Vorbedingungen noch nicht bekannt sind, kann leider nicht vorab festgestellt werden, ob jemand gefährdet ist, von dieser Nebenwirkung betroffen zu sein.

Nebenwirkung kann therapiert werden

Wenn die Diagnose aber rechtzeitig gestellt wird, können die Thrombosen gut therapiert werden, sagen die Greifswalder Mediziner. "Die Therapie mit Immunglobulinen hat sich als sehr wirksam erwiesen", sagt Greinacher. Dadurch und durch die jetzt vorliegenden Testverfahren könnten dem Grunde nach alle mittelgroßen Krankenhäuser die richtige Diagnostik durchführen und Betroffene nach der Impfung therapieren.

Alice Assinger von der Medizinischen Universität Wien, hält das für insgesamt gute Nachrichten: "Da dieser Mechanismus in abgewandelter Form bereits bekannt ist, gibt es eine Therapiemöglichkeit für die Patienten, was sehr beruhigend ist. Noch beruhigender ist die Tatsache, dass jedes mittelgroße Krankenhaus über diese Therapiemöglichkeit verfügt und Patienten damit rasch und sicher geholfen werden kann", schreibt sie zu der Studie aus Greifswald. "Weiter empfehlen die Autoren die Gabe von 'direct oral anticoagulants' (DOACs) anstelle von Heparin bei diesen Patienten. Diese Medikamente werden sehr häufig bei Patienten mit erhöhtem Thrombose-Risiko verschrieben und gelten ebenfalls als sicher und erprobt."

STIKO prüft, welche Impfstoffe für zweite Impfung genutzt werden können

Ob mit dieser Nebenwirkung auch bei den anderen Vektorimpfstoffen wie "Sputnik V" oder "Johnson & Johnson" gerechnet werden muss, kann Andreas Greinacher derzeit nicht sagen: "Wir haben bei den Herstellern dieser Impfstoffe um Proben ihrer Impfungen gebeten, bislang aber keine erhalten", sagt er bei dem Pressegespräch.

Offen ist auch die Frage, mit welchem Impfstoff die zweite, die Booster-Impfung bei denjenigen durchgeführt wird, die Astrazeneca bei der ersten Impfung bekommen haben. Die STIKO will dazu bis Ende April Empfehlungen abgeben. Bis dahin liegen möglicherweise bereits Daten aus den sogenannten "Mix and Match"-Studien aus England vor, bei denen bei Teilnehmern verschiedene Impfstoffe kombiniert wurden. Da der empfohlene Abstand zischen erster und zweiter Impfdosis bei AZD1222/Vexzevria drei Monate beträgt, stehen die ersten Zweitimpfungen im Mai an.

EMA gibt keine Altersbeschränkung

Anders als Deutschland rät die EU-Arzneimittelbehörde EMA vorerst nicht zu Einschränkungen bei der Anwendung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca. Die Überprüfung von neuen Hinweisen auf Blutgerinnsel laufe noch, teilte die Behörde am Mittwoch in Amsterdam mit. Eine aktualisierte Empfehlung der EMA sei für die Sitzung ihres Sicherheitsausschusses vom 6. bis 9. April zu erwarten.

Bisher habe die Überprüfung keine besonderen Risikofaktoren ergeben, etwa Alter, Geschlecht oder frühere Blutgerinnsel. "Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Impfstoff ist nicht bewiesen, aber er ist möglich und die weitere Analyse läuft." Die EMA sei weiter der Auffassung, dass der Nutzen des Astrazeneca-Impfstoffs bei der Abwehr von Covid-19 höher sei als die Risiken von Nebenwirkungen. Geimpften riet die EMA, auf die entfernte Möglichkeit der sehr seltenen Blutgerinnsel zu achten. Sollten sie entsprechende Symptome entwickeln, sollten sie sofort medizinischen Rat einholen, hieß es weiter.

6 Kommentare

Reuter4774 vor 28 Wochen

Und ich, weiblich, im " gefährlichen " Alter mit Thrombosevorerkrankungen bin mit Astra geimpft und will das auch zur Zweitimpfung.
Und während andere lamentieren dass es keine Termine gäbe, bin ich ohne Zwergenaufstand schon durch.
Oder sind Männer bei Spritzen/ Nadeln generell wehleidiger?

Reuter4774 vor 28 Wochen

Der prominenteste Impfstoff, der jährlich angepasst wird ist ein Vektorimpfstoff ( würde anders garnicht funktionieren)! Die Grippeschutzimpfung lieber Laie😹

Reuter4774 vor 29 Wochen

JEDER Impfstoff hat Nebenwirkungen. Ich, weiblich, unter 50 mit Thrombose Vorekrankungen bin mit Astra geimpft und bevorzuge das auch bei der Zweitimpfung! Wenn sie eine Impfung spüren, bedeutet das nur ihr Immunsystem reagiert darauf ( wie gewünscht). Wir Menschen sind offenbar sehr wehleidig geworden.
Und es gibt Impfungen ( Grippe), da wird es immer Vektorimpfstoff bleiben, nicht für jeden Erreger funktioniert jede Impfstoff Variante.
Aber keiner muss sich impfen lassen, warum das Theater? Warum kann man es den Anderen nicht gönnen/ selbst überlassen? Und jammert dann wieder rum, das man keinen " ordentlichen " Impfstoff hätte?