Kleidungsstücke, Taschen und Koffer liegen durcheinander auf dem Boden eines Kleiderschranks
Hier müste einmal dringend aufgeräumt und ausgemistet werden: Chaos im Kleiderschrank (Symbolfoto) Bildrechte: Colourbox.de

Marie-Kondo-Methode Was ist magisch am Ausmisten?

Schon für den antiken Philosophen Platon stand fest: Persönliches Glück hängt mit der Ordnung der Seele zusammen. Wer vor lauter Chaos seinen Alltag nicht durchblickt, tut sich schwer mit der Ausgeglichenheit. Für Marie Kondo heißt Ordnung aber mehr, als ab und zu mal durchzuwischen. Die Japanerin hat unter dem Titel "Magic Cleaning“ in Deutschland ein neues Buch veröffentlicht – und sich damit mitten hineinmanövriert in die Lifestyle-Kanäle der sozialen Netzwerke.

von Christine Reißing

Kleidungsstücke, Taschen und Koffer liegen durcheinander auf dem Boden eines Kleiderschranks
Hier müste einmal dringend aufgeräumt und ausgemistet werden: Chaos im Kleiderschrank (Symbolfoto) Bildrechte: Colourbox.de

Ob Postkarten, Fotos oder alte Liebesbriefe: Macht etwas keine Freude mehr, muss es weg – zumindest, wenn es nach Marie Kondo geht. Die Japanerin wird im Internet als "Aufräumkönigin“ gefeiert. Auch Jasmin Schindler aus Leipzig hat die Ratschläge befolgt:

Sie sagt eben: Wenn eine Erinnerung nicht glücklich macht, dann braucht sie auch nicht weiter bei uns wohnen. Und deshalb habe ich zumindest schon ein paar Dinge weggeworfen, bei denen ich auch genau wusste: Ich hab sie mindestens zehn Jahre nicht angeguckt – also werden sie mir jetzt demnächst auch nicht fehlen. Und, ja – bei Dingen, wo ich noch unsicher war, habe ich jetzt einfach noch nichts gemacht. Aber ich denke mal, früher oder später werde ich dann auch noch mal da anfangen müssen.

Jasmin Schindler

Einen Großteil ihrer Klamotten hat die 28-Jährige längst rausgeschmissen, viele Bücher verkauft und Kisten an die Straße gestellt. Darüber berichtet sie auf dem Blog „Healthy Habits“, gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Patrick Hundt – ebenfalls Minimalist.

Ich hab vielleicht an die zehn T-Shirts, fünf Pullover und zwei, drei Hosen – was ich normalerweise anziehe. Und dann noch ein paar Sachen für besondere Anlässe. Also ich glaub, ich hab schon weniger und ich versuche, wenn ich etwas Neues kaufe, dann etwas Altes wegzuschmeißen. Ich hatte auch lange Zeit T-Shirts und Pullover in meinem Schrank liegen, die ich jahrelang nicht angezogen hatte – und von denen kann man sich auch ruhig mal trennen.

Patrick Hundt

"Besitz als Ballast“ lautet das Credo der Aufräumwütigen: ein radikaler Gegensatz zur Nachkriegsgeneration, die wirklich alles aufbewahrt hat – hätten doch wieder schlechte Zeiten kommen können. Annegret Wolf, Psychologin an der Uni Halle, erklärt den neuen Trend mit veränderten Bedürfnissen.

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
Bildrechte: Christine Reißing

In der Psychologie gibt es da die sogenannte Mangelhypothese. Die bezieht sich auf eine Bedürfnispyramide: In der untersten Stufe dieser Bedürfnispyramide sind solche existenziellen Bedürfnisse wie Kleidung, Essen, was zu trinken, ein Dach überm Kopf haben – und das haben wir jetzt alles. Und jetzt strebt man nach höheren Ebenen dieser Bedürfnispyramide. Man strebt jetzt also nach Selbstfindung, nach sozialen Kontakten, nach Sicherheitsbedürfnissen – nach Glück.

Annegret Wolf, Psychologin

Der Weg zum Glück führt für Marie Kondo nicht von Schrank zu Schrank, sondern über Kategorien. Auf Kleidung folgen Bücher, danach Papiere, Kleinkram und zuletzt Erinnerungsstücke – lästig findet Jasmin Schindler diese strenge Abfolge gar nicht.

Bei mir ist das eher so: Immer, wenn ich das Gefühl hab: ‚Irgendwie bin ich innerlich unruhig‘ und mich umgucke und da wirklich Dinge sehe, dass ich dann wirklich auch aufräume, um mich wieder aufgeräumter zu fühlen. Und das kann ich eigentlich auch so als Entspannungstechnik empfehlen.

Jasmin Schindler

Ein aufgeräumter Geist in einem aufgeräumten Zimmer also – an der Idee ist tatsächlich etwas dran.

Viel Zeug ist wirklich abträglich für unsere Psyche und für unseren Körper. Und neuere Studien zeigen zum Beispiel auch, dass ein aufgeräumter Schreibtisch tatsächlich gesündere Entscheidungen treffen lässt. Also man greift zum Beispiel mehr zu gesünderem Essen, man wird großzügiger, man wird empathischer – und man kann sich auch wesentlich besser konzentrieren.

Annegret Wolf, Psychologin
Marie Kondo, 2015
Bildrechte: IMAGO

Wie picobello sie ihre Wohnungen aufgeräumt haben, präsentieren Social-Media-Nutzer derzeit auf Instagram. Postmaterialistisch kann man diesen Trend wohl trotzdem nicht nennen, stellen die Fotos doch auch teure Designermöbel zur Schau. Vom Ausmisten sollte man sich ohnehin nicht zu viel versprechen, mahnt Psychologin Annegret Wolf: "Wir können jetzt keine Kausalrichtung herleiten. Das heißt: Nur weil ich jetzt früh mein Bett mache, heißt das jetzt nicht, dass ich auf einmal ein glücklicher Mensch bin."

Schlimmstenfalls wird man mit Marie Kondos Methode sogar ein unglücklicher Mensch. Denn die "Aufräumkönigin“ macht selbst vor Familienfotos nicht Halt. Und die könnte man – anders als das zwanzigste Paar Socken – eines Tages doch ernsthaft vermissen.

Mit ihrer Aufräum-Methode hat Kondo übrigens Millionen verdient. Unter dem Begriff "KonMari" haben Menschen aus aller Welt bei Youtube ambitionierte Vorher-Nachher-Videos hochgeladen.

Über das Thema berichtete MDR Aktuell im Radio | 17.02.17 : 08:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 13:40 Uhr