Mutter hält ihr Babys
Die Kommunikation zwischen Eltern und Säuglingen ist etwas Besonderes - aber gar nicht mal so individuell, wie man vermuten könnte. Bildrechte: Colourbox.de

Trotz kultureller Unterschiede Wenn wir mit Babys sprechen, machen wir alle das Gleiche

19. Juli 2022, 12:59 Uhr

Wenn Menschen mit Kleinkindern sprechen oder ihnen etwas vorsingen, verändern sie ihre Stimme auf eine Weise, die in vielen Kulturen weltweit sehr ähnlich abläuft. Das hat ein internationales Forscherteam herausgefunden. Das deutet daraufhin, dass sich unsere Art, mit Babys zu sprechen, womöglich evolutionär entwickelt hat und nicht (nur) kulturell geprägt ist.

Sprachsignale sind eine wichtige Basis für die Beziehung zwischen Eltern und Kleinkindern. Weil Säuglinge sich nicht selbst helfen können, verwenden sie ein unverwechselbares Signal, um sich bemerkbar zu machen: Sie schreien. Um sie zu beruhigen, verfallen Erwachsene meist direkt in eine Kombination aus Sprache und Singsang, die das Kind beruhigen soll.

Internationale Sammlung mit Audiofiles

Um herauszufinden, wie sich diese Kommunikation zwischen Eltern und Kindern in verschiedenen Kulturen unterscheidet, legten die Forschenden einen Korpus aus 1.615 Audiofiles an, die in 21 Kulturen auf der ganzen Welt aufgenommen wurden. (Diese Audiosammlung ist übrigens online frei abrufbar). Im Korpus enthalten sind sowohl Äußerungen, also Sprache und Gesang, die von Erwachsenen an andere Erwachsene gerichtet sind, als auch Audioaufnahmen, in denen Eltern oder Großeltern mit Kleinkindern kommunizieren.

Anschließend analysierte das Forscherteam die so gewonnenen Audiodateien, beispielsweise nach Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe. Das Ergebnis: Menschen auf der ganzen Welt klingen sehr unterschiedlich. Sprache, wie wir miteinander umgehen und wie wir singen, unterscheidet sich mitunter stark – aber wenn wir beispielsweise ein wütendes Kleinkind beruhigen wollen, verändern wir alle unsere Stimme auf die exakt gleiche Art. Mithilfe einer Computeranalyse von akustischen Merkmalen fanden die Forscherinnen und Forscher heraus, dass Menschen in vielen verschiedenen Kulturen etwas höher sprechen und singen, wenn sie ein Kleinkind adressieren. Außerdem hatten alle Aufnahmen, die in einem (Groß-)Eltern-Kind-Kontext entstanden, reinere Klangfarben und wenn gesungen wurde, waren diese Lieder etwas gedämpfter.

Menschen erkennen, ob Kommunikation sich an Kinder richtet

Im nächsten Schritt spielten die Forschenden ihre Aufnahmen 51.065 Menschen aus 187 Ländern vor. Diese Menschen sprachen unterschiedliche Sprachen, aber sie alle konnten gut erraten, ob Sprache und Gesang, die sie als Audiodatei hörten, an ein Kind oder einen Erwachsenen gerichtet waren.

Ein Überbleibsel der Evolution?

Diese Ergebnisse sind besonders spannend, weil sie nahelegen, dass sich unsere Art, mit Babys zu sprechen, kulturübergreifend entwickelt hat – und nicht so stark individuell geprägt ist wie gewöhnliche Sprache oder Gesang. Das ist ein möglicher Hinweis darauf, dass diese "Babysprache" eine gemeinsame Funktion haben könnte, ähnlich wie beispielsweise Alarmrufe, die viele Tierarten verwenden, um sich gegenseitig vor Gefahren zu warnen. Dass alle Menschen einheitlich und intuitiv mit Kleinkindern kommunizieren, verbindet uns also gewissermaßen mit dem Tierreich und könnte eine Art Überbleibsel der Evolution sein.

Nicht umsonst waren auch zwei Forscher des Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie an der Studie beteiligt, die sich dort unter anderem am Department of Human Behavior, Ecology and Culture und dem Department of Linguistic and Cultural Evolution damit auseinandersetzen, welche Rolle Kultur in der menschlichen Entwicklung spielt.

Links/Studien

Die Studie im Journal Nature Human Behaviour gibt's hier.
Die Audiodatenbank mit Aufnahmen aus 21 Kulturen ist hier öffentlich zugänglich.

iz

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