Pflanzenschutzmittel wird mit einem Traktor auf einem Feld versprüht
Bildrechte: IMAGO

Artensterben Wie viele Pestizide sind in den Gewässern?

Pestizide kommen in der deutschen Landwirtschaft vielerorts zum Einsatz. Oft landen sie auch in nahegelegenen Gewässern. Mit 190 Messstationen in ganz Deutschland, allesamt platziert in Gewässern am Rand von Ackerflächen, will das Umweltforschungszentrum jetzt herausfinden: Sorgen die Pestizide für ein Artensterben im Wasser?

von Annegret Faber

Pflanzenschutzmittel wird mit einem Traktor auf einem Feld versprüht
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"Unsere Gewässer sind in einem miserablen Zustand", sagt Professor Matthias Liess. Er leitet das Department System-Ökotoxikologie am Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ). 50 Prozent der Arten in Gewässern seien bereits verschwunden. Eine alarmierende Situation, die nach Liess' Ansicht trotzdem zu wenig erforscht ist.

Denn bisher gibt es vor allem Datenreihen aus dem Labor, nicht aber vom Gewässer am Feldrand. Dadurch seien auch die Grenzwerte für Belastungen im Gewässer viel zu niedrig angesetzt, kritisiert Ökotoxykologe Liess und spricht von einem zugelassen Wert, der bis um das 100fache zu hoch sei.

Porträt von Professor Matthias Liess vom Leipziger Umweltforschungszentrum
Professor Matthias Liess vom UFZ. Bildrechte: André Künzelmann/UFZ

Man guckt nicht so leicht nach draußen und das ist das Problem. Man überprüft nicht: wie ist in der Natur die Situation. Und da gibt es diverse Vorbilder, wie der Dieselskandal, wo es ähnliche Problematiken gibt. Das wir auf der einen Seite eine Vorhersage haben, wie viel wohl in diesem Fall aus den Auspuffen der Autos raus kommt, aber es wird nicht überprüft, ob das tatsächlich der Fall ist. Und so ist es auch mit den Pestiziden.

Matthias Liess, Umweltforschungszentrum Leipzig

Die UFZ-Forscher starten deshalb in diesen Wochen ein Pilotprojekt, ein Monitoring direkt an Gewässern am Feldrand. 190 Messstationen sollen in den nächsten drei Jahren Daten liefern. Untersucht werden dabei alle Arten, vom Fisch über Insekten bis hin zu kleinsten Bakterien. Mikrobiologe Dr. Antonis Chatzinotas wird genetische Information isolieren. Die DNA der Lebensgemeinschaften.

Pestizide sind wie Medikamente

Anhand dieser DNA versuchen wir die Zusammensetzung dieser Lebensgemeinschaft zu beschreiben, über alle Gruppen hinweg..,. Dann liegt ein großer Satz von mehreren 1.000 Sequenzen vor, die dann bioinformatisch und statistisch ausgewertet werden um beispielsweise in dem konkreten Projekt Netzwerke darzustellen.

Dr. Antonis Chatzinotas, Mikrobiologe

Für Jutta Klasen aus dem Fachbereich Chemikaliensicherheit des Umweltbundesamtes ist die Studie sehr wichtig, "weil diese Studie uns repräsentative Daten aus der ganzen Bundesrepublik liefern wird über Rückstände". Und Birgit Wolf vom bayrischen Umweltministerium fordert, die Landwirte in das Monitoring mit einzubinden. Denn:

Wir von Umweltseite haben das wenig in der Hand, wie die Pflanzenschutzmittel eingetragen werden. Es geht auch um Anwendungen, die den Eintrag von Pflanzenschutzmitteln weitgehend unterbinden.

Birgit Wolf, Bayerisches Umweltministerium

Denn ohne Landwirt werde die Rechnung nicht gemacht. Und von dem wünscht sich Matthias Liess, dass er dem Acker mal eine Entziehungskur gönnt. Viele Bauern würden ihr Feld wie einen Kranken behandeln. Regelmäßig Pestizide seien aber nicht gut. Das sei, als würden wir jeden Tag Tabletten schlucken, sagt der Ökotoxikologe: "Man sollte nur dann Medikamente nehmen, wenn man krank ist und so muss das mit den Pestiziden laufen." 2020 soll das Pilotprojekt dann abgeschlossen sein. Danach sollen die Bundesländer selbstständig die Gewässer am Feldrand überprüfen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Januar 2018 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2018, 17:35 Uhr