Psychologie Stimmt wirklich: Ich sehe was, was Du nicht siehst

06. Juni 2019, 17:08 Uhr

Das Motiv eines Bildes oder eines Fotos bleibt immer gleich, egal wer es anschaut. Aber sehen verschiedene Menschen auch genau dasselbe, wenn sie das Bild anschauen? Eher nicht, meinen Wahrnehmungspsychologen aus Gießen.

Was denken Sie, wie oft Sie ihre Augen bewegen? Ganze zwei bis drei Mal pro Sekunde. Wir bemerken das gar nicht und denken stattdessen, wir sehen immer eine ganze Szene: Aber tatsächlich fixieren unsere Augen mehrere Ausschnitte, die erst gemeinsam ein Gesamtbild ergeben. Aber wo schauen wir zuerst hin? Bisher haben Wahrnehmungsforscher angenommen, das hängt vor allem vom Bild ab. Doch das Team um den Wahrnehmungspsychologen und Neurowissenschaftler Benjamin de Haas von der Universität Gießen sagt jetzt: Es kommt auf den Betrachter an.

Zum Beispiel ist es so, dass manche Leute sehr viel stärker dazu neigen, Gesichter in Bildern anzuschauen als andere Leute. Und manche Leute gucken zum Beispiel häufiger auf Text als andere Menschen – oder auf Essen.

Benjamin de Haas JLU Gießen

Insgesamt sechs solcher Kategorien, die unseren Fokus offenbar direkt anziehen, konnten die Forscher identifizieren. Überraschend war, dass diese Unterschiede zum einen schon für die erste Augenbewegung zu einem Bild auftreten würden und zum anderen, dass diese Unterschiede zwischen Leuten sehr systematisch waren: Also die individuellen Augenbewegungen für ein Set von Bildern sei eine gute Vorhersage dafür, wie sich die gleichen Personen bei einem anderen Bilderset unterscheiden werden.

Mit Eye-Tracking 700 Szenen untersucht

Für ihre Untersuchung haben die Forscher ihren Probanden jeweils dasselbe Set von 700 komplexen Szenen vorgelegt – von Menschen im Büro bis hin zu Sportlern auf einem Basketballplatz. Dabei haben sie die Augenbewegungen von mehr als hundert Freiwilligen gemessen – mithilfe sogenannter Eye-Tracking-Technologie. Das ist eine Kamera, die Augen beobachtet und mit der ermittelt werden kann, wohin der Betrachter blickt.

Aber wo kommen die Vorlieben her? Das Team vermutet, dass unsere Gene da eine Rolle spielen könnten. Dafür sprechen aktuelle Zwillingsstudien, meint de Haas. So habe eine US-Studie gezeigt, dass die Augenbewegungs-Muster von eineiigen Zwillingen sich stärker ähnelten als die von zweieiigen Zwillingen:

Unterschiede in Augenbewegungen sind zum Teil auf jeden Fall auf genetische Ursachen zurückzuführen. Und wir gehen davon aus, dass die Unterschiede, die wir jetzt gefunden haben, vielleicht eine ganz Tiefe biologische Wurzel haben.

Benjamin de Haas JLU Gießen

Deshalb will das Team weiter forschen: Zunächst wollen sie prüfen, ob unser Blickverhalten auch in der echten Welt so funktioniert. Außerdem sollen Gehirn-Scans Aufschluss darüber geben, was dabei in unserem Kopf passiert. Denn vielleicht unterscheidet sich unser Blick auf die Welt zum Teil auch einfach ganz physisch durch unsere Augenbewegungen voneinander – obwohl wir dasselbe sehen, nehmen wir die Dinge offenbar unterschiedlich wahr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. Juni 2019 | 16:50 Uhr