Studie sieht Verlust von Ausbildungsplätzen Unter Druck: Berufsbildung in Corona-Zeiten

Durch die Corona-Pandemie hat sich wirtschaftlich viel verändert – Kurzarbeit, Jobverlust, Aufgabe der Selbstständigkeit. Doch wie könnte es in Zukunft aussehen? Wie werden die Auswirkungen auf die Ausbildungsplätze ausfallen? Eine neue Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) hat anhand von zwei Szenarien untersucht, wie die zukünftigen Ausbildungsmärkte aussehen könnten.

Ein junger Mann steht vor einer Klasse und hält ein Fahrzeugmodell in den Händen, das er beschreibt. Im Vordergrund unscharf Mitschülerinnen und Mitschüler, Gegenlicht schimmert
Die Berufsschule zählt zum dualen Ausbildungssystem in Deutschland. Bildrechte: imago stock&people

Die Verfasserinnen und Verfasser beziehen sich bei ihren Untersuchungen auf die drei wesentlichen Bereiche des Ausbildungssystems: das duale System, das schulische Ausbildungssystem und das Übergangssystem. Das duale System ist der Kern der Berufsbildung in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Schulabgänger wählt nach Angaben der Kultusministerkonferenz diesen Weg mit Ausbildungsbetrieb und Berufsschule.

Daneben gibt es eine Vollzeitausbildung in Berufsschulen und das sogenannte Übergangssystem. Letzteres dient der Berufsorientierung und ist speziell für Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss gedacht. Und hier, so die Studie des FiBS, werden in den kommenden Jahren deutlich mehr junge Menschen nach der Schule ausgebildet werden.

Unsere Studie zeigt sehr deutlich, dass für die Zukunft mit einem nachhaltigen Abbau von Ausbildungsplätzen zu rechnen ist.

Dr. Dieter Dohmen FiBS-Institut

In Zahlen sehen die Schätzungen so aus: Bis zum Jahr 2027 könnten sich die Ausbildungsverträge im dualen System um 435.000 verringern. Das sind 90.000 weniger als 2019. In diesem Jahr werden voraussichtliche 475.000 duale Ausbildungsplätze besetzt.

Auswirkungen der Covid-19-Pandemie größer als zur Finanzkrise

Um mögliche Entwicklungen besser verdeutlichen zu können, wurden in der Untersuchung zwei Szenarien beschrieben: Das erste Zukunftsszenario ist an die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2009 angelehnt. Damals führte die Krise zu einem Rückgang von circa acht Prozent der dualen Ausbildungsstellen. Das würde in diesem Jahr ein Abbau von circa 47.000 Stellen für 2021 bedeuten. Das schulische Ausbildungssystem hat sich damals als relativ krisensicher erwiesen, das Übergangssystem würde einen Zuwachs verzeichnen, ebenso die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger.

Allerdings zeichnet sich ab, dass die Auswirkungen der Pandemie deutlich größere wirtschaftliche Konsequenzen haben werden als die Finanzkrise von 2009. In einem zweiten Zukunftsszenario wurde mit einem eineinhalbmal so großen Negativimpuls gerechnet – sozusagen der Worst Case. Die Verfasserinnen und Verfasser gehen nicht davon aus, dass dieses Szenario eintreten wird. Dennoch kann es der Orientierung, insbesondere für politische Handlungsoptionen, dienen.

In junger Mann im Blaumann-Arbeitsanzug steht neben einem sprechenden Arbeiter oder Vorgesetzten in Latzhose in einer Werkhalle. Beide betrachten ein Werkstück, größerer golden glänzender Metallring wie von einem Rohr.
Berufsausbildung: Die Auswirkungen der Pandemie könnten deutlich größer sein als bei der Finanzkrise 2009. Bildrechte: imago stock&people

Das duale Ausbildungssystem würde noch stärker betroffen sein – bis 2027 würden nur 410.000 Ausbildungsplätze verbleiben. Wogegen im Übergangssystems bis zu 455.000 junge Menschen betreut werden würden. Wahrscheinlich würden auch die Stellen im schulischen Ausbildungssystem etwas weniger werden.

Die Szenarien stellen auch Fragen an die Politik: Angesichts des hohen Fachkräftebedarfs und zur Überwindung des Mangels ist es notwendig, das schulische, ebenso das duale Ausbildungssystem, weiter auszubauen. Ein weiterer Ausbau wäre in puncto Geschlechtergerechtigkeit denkbar: In drei von fünf Vertragsunterzeichnungen einer dualen Ausbildung tritt anschließend ein Mann eine Ausbildung an. Das duale Ausbildungssystem sollte also auch für Frauen attraktiver gestaltet werden. Ein erster Schritt könnte beispielsweise sein, dass mehr frauendominierte Berufe auch dual angeboten werden.

Link zur Studie

Die Studie Berufsausbildung in Krisenzeiten nachhaltig unter Druck: Was bedeutet die Corona-Krise für die Berufsbildung? ist hier als PDF abrufbar.

(fb)

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