Drei Kinder in die Berge
Schüler bei Projekttagen in den Bergen. Hier wird das Thema Klimawandel erfahrbar. Bildrechte: TU München / Valerie Frimmer

Didaktik-Studie Draußen lernen fördert die Motivation

Eine Studie belegt, dass Mathe und Sachkunde Schülern draußen mehr Spaß macht als im Klassenzimmer. Klingt gut, aber heißt das, dass wir bald keinen Zitronensäurezyklus oder Mathe-Formeln mehr pauken müssen?

Drei Kinder in die Berge
Schüler bei Projekttagen in den Bergen. Hier wird das Thema Klimawandel erfahrbar. Bildrechte: TU München / Valerie Frimmer

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Den Satz kennt vermutlich jeder. Und er darf heute ergänzt werden: Nicht in der Schule, sondern im Leben lernen wir - besser. Denn Draußenlernen, das belegt eine Studie der Universitäten München und Mainz, beflügelt die Selbstmotivation von Schülern.

Ulrich Dettweiler
Professor Ulrich Dettweiler plädiert für das Draußenlernen mit Kindern Bildrechte: Ulrich Dettweiler

Professor Ulrich Dettweiler hatte mit seinem Team mit 300 Schülern im Alter von elf bis 13 Jahren den Effekten des Unterrichts außerhalb der Schulräume in einem speziellen Schulforschungszentrum in Berchtesgaden nachgespürt. Motivation, autonomes Arbeiten und soziale Beziehungen werteten die Schüler beim Unterricht außerhalb höher als beim klassischen Lernen innerhalb des Schulgebäudes.

Am unkompliziertesten lässt sich Dettweiler zufolge in der Grundschule der Unterricht nach draußen verlagern. Optimal wäre, alle ein bis zwei Wochen einen halben Tag außerhalb der Schule zu verbringen, sagt der Wissenschaftler. In Sachkunde zum Thema nachhaltiger Konsum in den Supermarkt gehen und herausfinden, was alles in Plastik verpackt verkauft wird und beim nächsten Draußentag auf dem Wochenmarkt die Verpackungen und Produkte vergleichen. Oder Matheunterricht im Park - wie viele Blätter hängen an einem Ast? Wer das eimal gezählt hat, bekommt beim Blick auf den ganzen Baum eine konkrete Idee von der Zahl 10.000, sagt Dettweiler.

Zack, zack! - oder was Schüler im Unterricht vermissen

Genau das ist es, was Schüler im Alltagsunterricht oft vermissen: Wissensverknüpfung. Ein 13-jähriges Mädchen, eine an sich gute Matheschülerin sagt im Studienbericht der Münchner und Mainzer Forscher über den Mathematikunterricht: "Es sollte klarer erklärt werden, ausführlich, so dass das alles nicht so nebulös bleibt." Aber oft wird nicht einmal erklärt, wie eine 12-Jährige in der Studie vom naturwissenschaftlichen Unterricht erzählt:

Er (der Lehrer. - Anm.d.Red.) kopiert Seiten vom Buch und wir lernen eigentlich nichts, und dann brüllt er: 'Zack, Zack jetzt müsst ihr aber fertig sein!'

12jährige Schülerin in der Bildungsstudie
Jugendliche auf einer Almwiese.
Bio-Unterricht draußen: Forschung am Berghang Bildrechte: TU München / Valerie Frimmer

Auch im Unterricht in Sachsen ist das Alltag, wenn man sich mit Schülern in Leipzig unterhält: "Die schreibt was an die Tafel, wir schreiben ab, und nächste Stunde wird ein Test drüber geschrieben," erzählen Jungen an einem Leipziger Gymnasium im Gespräch mit der Redaktion. Nachfragen? Lieber nicht, sonst hieße es: "Dann müsst ihr eben besser aufpassen!"

Das ist beim Unterricht draußen offenbar anders. In der Münchner Studie beschreibt eine Schülerin den Umgang untereinander in der Forschungswoche als "entspannter und hilfsbereiter" als im Klassenraum - sowohl zwischen Lehrern und Schülern, als auch zwischen Schülern untereinander. Das könnte ein Hinweis sein auf eine Art Mikro-Klimawandel fürs Klassenzimmer.

In der Oberstufe dagegen sind langfristige, fachübergreifende Projekte schwieriger zu organisieren, wenn statt in Klassenverbänden in Kursen gelernt wird. Unmöglich ist es trotzdem nicht. Dettweiler hat eine Abiturientenstufe begleitet, die statt Abifahrt eine Forschungsfahrt machte, und vor Ort biologische Indikatoren des Klimawandels in den Alpen und in norwegischen Gletschern untersuchte. Das Projekt wurde von den Schülern in Projektgruppen en Detail durchdacht und organisiert, von der Sponsorenwerbung bis zum Sicherheitsmanagement unterwegs. Ein Schuhersteller sponserte Bergstiefel, eine norwegische Firma Zelte und Schlafsäcke und eine Stiftung Geld. "Wir haben unterwegs auch mal Babybrei gelöffelt, weil jemand einen ortsansässigen Hersteller angeschrieben hatte", sagt Dettweiler. Manchmal gehen Lerneffekte auch durch den Magen - hier die Erkenntnis, ob jeder Sponsor zu jedem Projekt passt.  

Eine Gruppe Schüler betritt mit zwei Lehrern den Ausläufer eines Gletschers.
Unterricht auf dem Gletscher. Bildrechte: TU München / Bernhard Laux

Oberstufe der Zukunft ohne Fächerabgrenzung

Im deutschen Schulalltag ist so ein "Ausbruch" aus klar abgegrenzten Fächer-Zuordnungen wie Mathematik, Geographie, Biologie noch selten. Inzwischen erarbeiten Oberstufenschüler zwar auch fächerübergreifende Projektarbeiten - aber eben als einmaliges Projekt, und nicht als Regel. Finnland dagegen arbeitet inzwischen daran, bis 2020 in der Sekundarstufe II den Fächerunterricht aufzugeben und Themen fächerübergreifend bearbeiten zu lassen. Das soll sich auch in der Lehrerausbildung niederschlagen, die die Schüler in diese Art von vernetzendem, themenübergreifendem Lernen hineinbegleiten sollen.

Kleines Projekt, große Wirkung

Wenn sich Kinder und Jugendliche außerhalb der Schulräume Wissen aneignen und sich Sinnzusammenhänge selbst erschließen, ist viel gewonnen, glaubt Dettweiler. Dazu kommt, dass sich Lehrkräfte und Kinder anders erleben als im Klassenraum, und auch die Kinder sich untereinander.

Auf einem drei Kilometer langen Spaziergang zum Forschungsort kommt man ins Erzählen, und den Lehrern erschließen sich Zusammenhänge, wenn das Kind von daheim erzählt.

Prof. Ulirch Dettweiler

Oder bei Projekten außerhalb entfalten Kinder ungeahnte Talente, die im Regeluntericht niemals offenbar werden. Auch das kann Dettweiler zufolge das Klassenklima oder den Blick auf einzelne Schüler positiv verändern. Regelmäßige Draußen-Tage könnten auch schwierige Konstellationen, in denen die Chemie zwischen Lehrkraft und Schülern nicht stimmt, ändern oder entspannen.

Rhythmisierung statt Kurzschluss

Wichtig sei für Lehrer, die solche Projekte anstoßen wollen, dass sie sie dauerhaft in ihren Klassenalltag integrieren, damit sich deren Wirkung entfalten kann, sagt Ulrich Dettweiler, der derzeit an der Universität Stavanger in Norwegen lehrt.

Offene Ohren für Projekte finden Schulen bei Fach-Didaktikern an den Universitäten, die für Bachelor- oder Master-Arbeiten der Studierenden nach Projekten suchen und auch bei Stiftungen, bei denen man Geld für Schulprojekte anfragen kann.

Junge an einer Stereolupe
Wichtig ist, so Dettweiler, dass sich Kinder Wissen selbst erschließen. Bildrechte: TU München / Valerie Frimmer

Schluss mit der Kurvendiskussion?

Trotzdem hat auch das Draußenlernen Grenzen sagt Professor Dettweiler: "Formeln lernt man nicht beim Spaziergang". Andererseits lassen sich auch für Zitronensäurezyklus oder Kurvendiskussion Sinnzusammenhänge erstellen und vermitteln, und das ist dem Wissenschaftler zufolge genau das, was den Draußen-Unterricht so wichtig für den Drinnen-Unterricht macht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Werkstatt | 30. Januar 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2018, 16:03 Uhr