Gesellschaft extrem Wie das Internet zur Radikalisierung beiträgt

Radikale Gruppen nutzen das Internet auf die gleiche Weise wie Unternehmen, Parteien oder die Gesellschaft – aber mit anderen Zielen. Nur die Löschung von Inhalten zu beschleunigen, wird das Extremismus-Problem nicht lösen.

Politikwissenschaftler Peter Neumann 5 min
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Hat das Internet seit seiner Entstehung politische Radikalisierung gefördert? Können sich Extremisten wie Neonazis, Islamisten oder militante Anarchisten heute leichter Gehör verschaffen? Ja und Nein, sagen Wissenschaftler.

"Ja", weil radikale Gruppen natürlich die Möglichkeiten des Netzes ausnutzen. Allerdings nutzen sie dafür keine besonders anderen Methoden als legale gesellschaftliche Gruppen und Organisationen, etwa Parteien, Unternehmen oder Kulturvereine. Das Internet liefert nur in den allerseltensten Fällen eine alleinige Erklärung dafür, warum sich Menschen extremen Szenen angeschlossen haben – also antwortet die Forschung auch mit "Nein".

Dass es Angehörige von Minderheiten im Internet leichthaben, Gleichgesinnte zu finden, ist aber kein Phänomen, das politische Extremisten exklusiv für sich hätten. Es ist schlicht eine Eigenheit des Netzes und in vielen Fällen eine sehr positive. Freunde exotischer Musikrichtungen können viel leichter zueinanderfinden als früher. Wer unter einer seltenen Erkrankung leidet, findet schneller zu anderen Betroffenen und damit vielleicht zu helfenden Hinweisen.

Die Vorteile des Internets

Wer sich fragt, ob das Netz vielleicht ein Motor, eine Triebfeder für politischen Extremismus ist, der sollte einfach auf die Funktionen schauen, die das Internet für seine Nutzer hat, sagt der Politikwissenschaftler Peter Neumann vom Kings College in London.

Im Internet kann man sehr einfach kommunizieren und sehr günstig, in den meisten Fällen umsonst, und viele extremistische Gruppen haben nicht besonders viel Geld. Man kann über große Distanzen hinweg kommunizieren und was vielleicht am wichtigsten ist: Das Internet gibt einem oft das Gefühl, anonym zu sein. So traut man sich, Dinge zu sagen, die man sonst nicht sagen würde. Das senkt die Hemmschwelle für extremistische Gruppen.

Professor Peter Neumann

Vor dem Internet gab es in den USA keine geschlossene rechtsextreme Szene. Zu diesem Schluss kam der US-Soziologe Pete Simi, als er die Onlineforen der White Supremacists untersuchte. Zuvor waren die geographischen Distanzen zu groß, die einzelnen Gruppen zu lokal. Erst die Möglichkeit, über das Netz mit einem beliebig großen Publikum in Echtzeit zu kommunizieren, ließ die vielen verschiedenen Gruppen zusammenwachsen.

Niemand würde von Telefonextremismus sprechen

Neumann warnt allerdings davor, die Rolle des Netzes bei der Radikalisierung zu überschätzen. "Wenn man auf einer Karte anguckt, wo die Kämpfer des islamischen Staats herkommen, dann gibt es Häufungen", sagt er. Fast alle kamen aus Orten, wo sie auch jenseits des Internets Kontakt mit Rekrutierern des IS hatten. "Wenn nur die Botschaften im Netz für die Radikalisierung verantwortlich wären, dann müssten die Kämpfer von überall her kommen", sagt er. Aber klar ist: Das Internet gehört heute zur Kommunikation dazu, wie überall in der Gesellschaft. "Niemand würde von Telefonextremismus sprechen, nur weil Extremisten Telefone benutzen."

Politisch radikale Gruppen gehören allerdings fast immer zu den ersten Nutzern neuer technischer Möglichkeiten im Netz, sind also sogenannte "Early Adopter". So setzten Rechtsradikale in den USA bereits Ende der 1980er Jahre erste statische Webseiten auf. Seit den 2000ern trafen sich Extremisten in Foren, die aber von ihren Betreibern eher als "Onlinehinterzimmer" gesehen wurden, zu denen nicht jeder Zugang bekam. "Man ist dort nur hingegangen, wenn man bereits Extremist war und musste das Vertrauen der Betreiber gewinnen", sagt Neumann.

Ein Phänomen zeigte sich dabei schon relativ früh: Das Gefühl, im Netz anonym kommunizieren zu können, senkte bei vielen Nutzern die Hemmschwelle, sich auf extreme Art und Weise zu äußern. John Suler beschrieb diese Eigenschaft des Internets in seiner Studie "The Online Disinhibition Effect" bereits 2001.

Radikale verlieren die Kontrolle

Von der Mitte bis zum Ende der Nullerjahre wurden schließlich Videoplattformen immer wichtiger, weil sie stärkere Gefühle beim Publikum auslösten und daher für die Propaganda wichtig waren. Inzwischen ziehen sich viele Gruppen in Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Telegram zurück. Auch die Chaträume von Onlinespielen werden als Treffpunkte genutzt, weil diese von Geheimdiensten und Ermittlern nur schwer überwacht werden können.

Interessanterweise sind es nicht immer die Gruppen selbst, die ihre Kommunikation bestimmen. Als Neumann und seine Kollegen anhand der Social-Media-Profile von IS-Kämpfern aus Europa untersuchten, welche Angebote diese am meisten nutzten, stießen sie auf den Twitteraccount @shamitwitness.

Wie spätere Ermittlungen zeigten, gehörte der zu einem 24-jährigen Informatiker aus Bangalore in Indien, der als Sympathisant zwar sehr viele Nachrichten aus Syrien weiterverbreitete, selbst aber gar nicht dem IS angehörte. "Unter uns Forschern hat der Fall die Frage aufgeworfen, wie viel Kontrolle Extremisten überhaupt über ihre Internetauftritte haben", sagt Neumann.

Aktiv auf Menschen mit Fragen zugehen

Mit welchen Methoden sich demokratische Gesellschaften am besten gegen die Kommunikation extremistischer, antidemokratischer Gruppen wehren können, darüber besteht aktuell wenig Einigkeit. Neumann kritisiert, in Deutschland spreche man derzeit in erster Linie nur darüber, wie illegale Inhalte möglichst schnell gelöscht werden können. Damit reagiere die Politik aber immer nur, statt selbst aktiv auf Menschen zuzugehen, die im Netz nach Antworten auf ihre Fragen suchten.

Warum gibt es keine Organisationen, die im Internet aktiv sind, nach diesen Fragenden suchen und sie in ein Gespräch verwickeln, bevor es die Extremisten tun? Was wären die besten Methoden dafür? Das wäre auch eine wichtige Rolle für die Forschung: In welchen Situationen kann das effektiv sein, in welchen aber vielleicht auch kontraproduktiv? Da müssen wir Forscher noch viel mehr herausfinden, was im Netz funktioniert und was nicht.

Professor Peter Neumann

Löschen allein zwinge Extremisten meist nur dazu, auf andere, schlechter einsehbare Plattformen auszuweichen, wo sie dann für die Sicherheitsbehörden noch schlechter kontrollierbar sind. Ein weiteres Problem sei: Inhalte, die oft stark zur Radikalisierung beitragen, sind gar nicht illegal. So habe man bei den IS-Kämpfern festgestellt: Oft seien es einfach Nachrichten aus dem syrischen Bürgerkrieg gewesen, die die stärkste mobilisierende Wirkung hatten. Ähnliches lässt sich auch für die rechtsextremistischen Demonstrationen in Chemnitz und Köthen beobachten.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 28. August 2018 | 21:45 Uhr