Schlüssel-Schloss Grafik.
Könnte offener Zugang zu wissenschaftlichen Studien das Problem der räuberischen Journale eindämmen? Bildrechte: Colourbox.de

Debatte um Wissenschaftsveröffentlichungen Wie Open Access Fakescience verhindern kann

Nach umfangreichen Recherchen über betrügerische Wissenschaftsverlage wird im Netz über #Fakescience debattiert. Experten der Leipziger Unibibliothek hoffen, dass sich Veröffentlichungswege der Forscher verbessern.

von Clemens Haug

Schlüssel-Schloss Grafik.
Könnte offener Zugang zu wissenschaftlichen Studien das Problem der räuberischen Journale eindämmen? Bildrechte: Colourbox.de

Unter dem Hashtag #fakescience haben NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung in den vergangenen Tagen umfangreiche Recherchen zu einer dubiosen Parallelwelt scheinbar wissenschaftlicher Journale und Fachverlage veröffentlicht. Betrüger geben sich den Anschein, eine Zeitschrift für Forschungsbeiträge zu sein oder eine wichtige Konferenz zu veranstalten um einerseits Wissenschaftler anzulocken und damit die oftmals üblichen Veröffentlichungsgebühren für wissenschaftliche Beiträge einzustreichen.

Diese auch Raubverlage oder Raubjournale genannten Betrüger eröffnen andererseits wirtschaftlichen Interessengruppen und PR-Agenten die Möglichkeit, Werbung als Forschungsbeiträge zu tarnen. Neben ahnungslosen Forschern fallen vor allem Laien auf diese Masche herein, wenn sie etwa nach Fachaufsätzen über ihre Krankheiten suchen.

Die promovierte Biologin Astrid Vieler ist Leiterin der Zentralbibliothek Medizin in der Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) und Referentin für sogenannte Open-Access-Publikationen, also frei zugängliche Fachaufsätze. In einem Blogbeitrag auf der Internetseite der UBL hat sie bereits im Herbst vergangenen Jahres vor den Raubverlagen gewarnt. MDR Wissen hat mit ihr über die aktuelle Debatte gesprochen.

MDR-Wissen: Wissenschaftler haben sehr unterschiedlich den Hashtag #Fakescience reagiert. Einige fanden gut, dass nun Problem mit den sogenannten Raubverlagen diskutiert wird. Andere übten heftige Kritik am Hashtag #Fakescience selbst, weil er betrügerische Absichten auf Seiten der Forscher nahelegt. Wie sehen Sie das?

Astrid Vieler
Dr. Astrid Vieler, Universitätsbibliothek Leipzig Bildrechte: Astrid Vieler/UBL

Astrid Vieler: Ich bin tatsächlich nicht glücklich mit dem Begriff "Fakescience", denn er unterstellt Vortäuschung oder Fälschung. Schaut man die Beispiele an, geht es aber viel eher um ungeprüfte Wissenschaft. Man weiß nicht, welche Qualität die Beiträge in solchen Journalen haben. Das muss nicht immer Schrott sein. Gelingt es den Betrügern, bekannte Forscher anzulocken, kann man davon ausgehen, dass deren Artikel selbst dann eine gewisse Qualität haben, wenn sie nicht gründlich begutachtet wurden. Renommierte Wissenschaftler werden sich hüten, Schrott oder Fälschungen zu veröffentlichen, weil das extrem schädlich für den Ruf ist, wenn es herauskommt. Vielleicht wäre also der Hashtag #Junkscience besser gewesen.

Gefährden räuberische Journale aus Ihrer Sicht die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Verlagswesens?

Das kommt auf die Art des Publikums an. Für die Wissenschaft selbst schätze ich die Gefahr sehr gering ein, denn als Forscher kennt man die wichtigen Journale im eigenen Bereich, genau wie die Konferenzen, auf denen man die Leute trifft, mit denen man sich austauschen möchte. Eher lassen sich Menschen täuschen, die nicht im Wissenschaftssystem stecken, also Laien genauso wie Industrie. Aber natürlich gibt es einfache Methoden, wie man sich schützen kann, etwa, indem man mit Google Scholar nach Studien sucht und nicht nur mit Google. Schon dadurch wird die Auswahl etwas eingeschränkt. Fundierte Informationen, etwa in der Medizin, liefern vor allem Datenbanken wie Pubmed, dort gibt es eine viel höhere Sicherheit, wissenschaftliche Qualität zu finden.

Trotzdem gab es an der Universität Leipzig in den vergangenen zwei Jahren insgesamt fünf Forscher, die Geld beantragt hatten, weil sie in einem räuberischen Journal veröffentlichen wollten. Wie kam es dazu?

Das war sehr unterschiedlich. Den einen mangelte es an Erfahrung, andere sagten: Das hat ein Kollege vorgeschlagen und ich hab nicht nochmal nachgeguckt. Es war also etwas nachlässig. Vergleicht man die Zahl dieser fünf Fälle in eineinhalb Jahren aber mit den insgesamt rund 5.000 Beiträgen, die Forscher der Uni Leipzig pro Jahr veröffentlichen, dann kommt das wirklich selten vor. Das gilt auch für den gesamten, deutschlandweiten Umfang der Veröffentlichungen in den sogenannten räuberischen Journalen. Trotzdem ist es sinnvoll, dass wir als Bibliothek genau hinschauen und Expertise entwickeln, um solche Fälle zu verhindern. Wir sind die Schnittstelle zwischen den Wissenschaftlern und den Verlagen. Und unsere Erfahrung war in allen Fällen, wo wir gesagt haben: 'Gucken Sie sich das Journal nochmal an, wenn sie dort veröffentlichen ist das wahrscheinlich nicht gut für ihre Reputation', dann waren die Wissenschaftler sehr dankbar für den Hinweis.

Kannten die betroffenen Forscher das Problem der räuberischen Verlage überhaupt?

Ihnen war das relativ neu, haben sie gesagt. Einer meinte dann, ihm sei es schon merkwürdig vorgekommen, dass von den "Gutachtern" seines Beitrags so wenig substanzielle Nachfragen kamen. Aber bei vielen überwiegt wahrscheinlich der Stress des wissenschaftlichen Alltags, sie sind dann froh, wenn sie ihre Arbeit fertig veröffentlicht haben.

Der Leesesaal der Universitätsbibliothek in Leipzig
Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Besucher eines Lesesaals der Universitätsbibliothek Albertina in Leipzig. Bildrechte: imago/Sebastian Willnow

Raubverleger nutzen oft sogenannte Open-Access-Modelle: Ein Forscher bezahlt einen Verlag für die Veröffentlichung, anschließend ist der Beitrag frei zugänglich. Dieses Modell ist entstanden, weil große Wissenschaftsverlage wie Elsevier oder Springer Nature oft sehr hohe Gebühren für den Abruf von Forschungsartikeln verlangen, deren Erarbeitung bereits mit öffentlichen Geldern bezahlt wurde. Gerät nun Open Access durch die Enthüllungen rund um die Raubverleger in ein schlechtes Licht und profitieren die klassischen Wissenschaftsverlage davon?

Das denke ich nicht. Denn fast alle renommierten Verlage hatten bereits eigene Skandale bei der Begutachtung von Studien. Auch in den Journalen mit dem besten Ruf passieren Fehler. Bei der Masse, die derzeit publiziert wird, ist es immer schwieriger, genügend Experten zu finden, die eine Studie fachlich vernünftig beurteilen können. Da gab es Fälle, in denen sich Studienautoren mit Hilfe einer zweiten Mailadresse selbst als Gutachter ihrer eigenen Arbeit vorgeschlagen haben. Und die Herausgeber waren froh, dass sie jemanden gefunden hatten. Nur weil man als Verlag die Publikation für sehr viel Geld an Bibliotheken verkauft, ist man da nicht auf der sicheren Seite.

Gibt es dennoch Konsequenzen, die Verfechter des Open Access Modells aus dem jetzt debattierten Problem mit den Raubverlagen ziehen sollten?

Albertina Universitätsbibliothek Leipzig
Regale mit gedruckten Büchern in der Universitätsbibliothek Leipzig: Ein Großteil neuerer wissenschaftlicher Veröffentlichungen erfolgt nur noch digital. Trotzdem sind die damit verbundenen Kosten für die Bibliohteken oft höher. Bildrechte: IMAGO

Durchaus, denn es gibt ja verschiedene Wege, wie man Open Access umsetzen kann. Dass Forscher für die Veröffentlichung Gebühren an einen Verlag bezahlen, ist nur eine Methode, die aber eben anfällig ist für Betrug, weil dabei viel Geld an den Verlag fließt. Deshalb gibt es andere Ansätze, etwa Fair-Open-Access. Dabei versuchen sich Institutionen wie Bibliotheken, Institute oder Hochschulen auf internationaler Ebene die Kosten für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen zu teilen. Es wird berechnet, wie viel Geld man braucht um ein bestimmtes Buch veröffentlichen zu können und dann wird gefragt, wer mitfinanzieren möchte. Je mehr das unterstützen, desto weniger kostet es für jeden Einzelnen.

Im traditionellen Wissenschaftsverlagswesen ist es dagegen so, dass sich die Verlage die Nutzungsrechte von den Autoren übertragen lassen und deswegen diese Artikel immer neu verkaufen können, nicht nur an eine Bibliothek, sondern an Einrichtungen weltweit. Aus dem heraus hat sich die Fair-Open-Access-Schiene entwickelt. Zuletzt gab es da in der Mathematik einen Schub, bei dem mehrere renommierte Journale umgezogen sind, weg vom großen etablierten Verlag. Sie waren mit den Konditionen nicht einverstanden, sondern wollten freien Zugang zu den Texten, und zugleich aber nicht, dass die Autoren dafür bezahlen müssen. Jetzt finanzieren sie das über alternative Wege, über Einrichtungen, die das unterstützen aber auch über Bibliotheken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Juli 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2018, 12:01 Uhr