Island Sagas Die Urquelle für Hobbit, Game of Thrones und Nibelungenlied

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum uns so viele Fantasy-Geschichten zurück ins Mittelalter versetzen? Kaum geht es um Trolle, Elfen und Drachen, kämpfen die Helden und Heldinnen wieder mit Schwert und reiten auf Pferden. Warum ist das so? Die Antwort lautet: Sie haben alle eine Inspirationsquelle: Isländische Vorzeitsagas. Diese historische Quelle wurde jetzt zum ersten Mal komplett ins Deutsche übersetzt und zwar von Studierenden der Uni Bonn.

Herr der Ringe, Game of Thrones, Terry Pratchett-Romane, was wären sie ohne diese fantastischen Elemente? Beziehungsweise: Was wären sie ohne die Vorzeitsagas aus Island? Rudolf Simek, Professor für Ältere Germanistik mit Einschluss des Nordischen an der Uni Bonn hat eine Vermutung:

Professor Rudolf Simek
Professor Rudolf Simek Bildrechte: privat

Vielleicht hätte es sie gegeben, aber nicht mit diesem Inhalt. Alles das hätten diese Autoren nie gewusst oder auch nicht gedacht, wenn es diese mittelalterliche Fantasy nicht gegeben hätte.

Rudolf Simek

Die Geschichte spielten vor tausend Jahren

Diese Sagas, heute würde man sagen Romane, stammen aus dem 13./14. Jahrhundert. Sie handeln aber nicht von dieser Zeit. Vielmehr wird 400 Jahre in die Vergangenheit geblickt, auf die Zeit zwischen 930 und 1030 n.Chr., kurz vor dem Ende der Herrschaft eines legendären Volkes im Norden Europas:

Diese Vorzeitsagas, die wir übersetzt haben, beschäftigen sich mit der nordischen Wikingerzeit. Sie beschreiben so ein Wikingerleben, vielleicht nicht realistisch, aber so, wie man es sich damals im Hochmittelalter vorstellte und wie wir es uns heute noch vorstellen.

Rudolf Simek

Game of Thrones
Erfolgsserien von heute - inspiriert von tausend Jahre alten Geschichten. Bildrechte: imago images / Cinema Publishers Collection

Ganz so blutrünstig wären die nämlich gar nicht gewesen, vermutet Wissenschaftler Simek. Die Vorzeitsagas bestimmen also noch heute das Bild der Wikinger. Sie haben uns Klassiker der Fantasy-Literatur beschert und prägen auch die Darstellung auf der Bühne, man denke nur an Wagners "Ring des Nibelungen". Auch Wagner hatte sich bei den Isländern bedient. Für seinen "Ring" diente nicht das Deutsche Nibelungenlied als Vorbild.

Das ist spannend, weil das Nibelungenlied erzählt ja herzlich wenig über diese ganze Jung-Sigurd Geschichte, mit dem Schwert und dem Drachen. Das wird alles in zwei Strophen abgehandelt. Das ist ja Vorgeschichte und das Nibelungenlied setzt viel später ein.

Rudolf Simek

Viele Sagas zum ersten Mal übersetzt

Ganz anders die Völsunga-Saga der Isländer, die die ganze Geschichte erzählt. Die haben Simeks Studierende jetzt neu übersetzt, zusammen mit allen anderen Vorzeitsagas. Mehr als die Hälfte davon zum allerersten Mal.

Es gibt Sagas, die noch nicht übersetzt oder schon lange niemand mehr gelesen hatte. Da gibt's haarsträubende Geschichten mit wilden Auerochsen, die besiegt werden müssen, dass man sich denkt: 'Wo kommt das in Island im Mittelalter her, solche Ideen?'

Bei all dem Spaß hat das Ganze aber auch wissenschaftlich Hand und Fuß. Die Übersetzungen können der Wissenschaft dienen, als historisches Dokument. Die Studierenden haben zusätzliche Glossare, Register und Stammbäume erstellt. Zuständig dafür war Studentin und Mitherausgeberin Valerie Broustin.

Am Ende der Saga werden die Helden genannt und die Nachkommen waren die und die und die. Und das war der und der und der. Das ist oft an die Saga hinten drangehängt. Ich denke, das ist dieser Aspekt, das man sich sagen möchte, guck mal, was ich für tolle Vorfahren hatte, also sich für die Familie so eine Abstammung zu schaffen.

Valerie Broustin

Tom Wlaschiha, 2016
Ohne die Island Sagas kein Game of Thrones. Ohne GoT kein Welterfolg für den Sachsen Tom Wlaschiha? Bildrechte: Getty Images

Ein bisschen Geschichte - und viel Unterhaltung

Die Stammbäume führen dann zurück bis zu Odin oder zu den ersten Siedlern Islands. Simek und Broustin vermuten daher, dass in den Geschichten ein Fünkchen Wahrheit und echte Geschichte steckt:

Wenn wir sagen, das ist doch nicht historisch! Niemand hat hier Drachen erschlagen und niemand hat hier Wiedergänger aus dem Grabhügel beschworen, um ein altes Familienschwert zurückzubekommen, aber ein Körnchen von Historizität oder zumindest wie man es sich vorgestellt hat, steckt dann doch drinnen.

Valerie Broustin

Ein Körnchen Geschichte mit einem Berg Unterhaltung. Simek ist sich sicher: Der alte Stoff schlägt die neue Fantasy-Literatur um Längen. Daher Pflichtprogramm für alle Fantasy-Liebhaber.

Das Buch

Rudolf Simek, Jonas Zeit-Altpeter und Valerie Broustin (Hrsg.): Sagas aus der Vorzeit – Bd 1: Heldensagas - Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen, Stuttgart Kröner Verlag, 320 S., 20 Euro.

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