Eltern und Schüler der Grundschule gewinnen Honig und Bienenwachs aus Bienenwaben.
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Grönemeyer fordert Gesundheitsunterricht Schulfach Gesundheit? Politik sieht keinen Handlungsbedarf

An was erinnern Sie sich aus dem Bio-Unterricht? Vielleicht an ein Plastemodell mit herausnehmbaren Organen, das man wieder richtig zusammenstecken musste, ohne je zu erfahren, welchem Zweck die handvoll braunrote Milz eigentlich dient. (Bio)Unterricht heute geht anders und enthält in vielen Fächern Aspekte zum Thema Gesundheit und Ernährung. Doch Gesundheit als separates Unterrichtsfach – wie stehen Bildungsministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dazu? MDR Wissen hat nachgefragt.

Eltern und Schüler der Grundschule gewinnen Honig und Bienenwachs aus Bienenwaben.
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Mehr Gesundheitsunterricht in den Schulen! Das fordert aktuell der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz", unzerstützt zum Beispiel von Prof. Dietrich Grönemeyer. Die zuständigen Ministerien in Mitteldeutschalnd sehen da keinen großen Handlungsbedarf. Das zumindest ergab unsere Umfrage.

In Sachsen-Anhalt steht derzeit kein neues Unterrichtsfach zur Debatte, erklärt Bildungsminister Marco Tullner auf Anfrage von MDR Wissen: "Gesundheitsbildung spielt eine wichtige Rolle im schulischen Kontext. Aus diesem Grund werden in allen Schulformen und in verschiedenen Jahrgängen gesundheitsrelevante Inhalte thematisiert. Die fächerübergreifende und jahrgangsübergreifende Anbindung hat dabei ganz wesentliche Vorteile." Von Vorteil dabei ist Tullner zufolge, dass gesundheitlich relevante Inhalte in verschiedenen Kontexten vermittelt werden könnten.

Auch Thüringens Schulplan braucht aus Sicht des Erfurter Bildungsministeriums kein Schulfach, dass sich ausschließlich der Gesundheit widmet. Bildungsminister Holter erklärte auf Anfrage, Gesundheit habe schon jetzt einen hohen Stellenwert.

Die Schulen verfolgten einen ganzheitlichen Ansatz; das Thema Gesundheit sei von Anfang an Teil des schulischen Alltags. Beispiel dafür sei das Thema gesunde Ernährung im Fach Heimat- und Sachkunde in der ersten Klasse, in der Klassenstufe 3/4 dann der Anbau einheimischer Kulturpflanzen im Schulgarten. In den höheren Klassen "wandert" das Thema Gesundheit dann in andere Fächer wie Biologie.

Ein kleines Mädchen beim Zähneputzen.
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Sachsen setzt in der Debatte um Gesundheit als Unterrichtsfach auf Freiräume im Lehrplan und das Engagement der Lehrkäfte. Ein Schulfach Gesundheit einzuführen ist laut Bildungsministerium auf Anfrage von MDR Wissen nicht vorgesehen.

Das neue Schulgesetz vom April 2017 ziele bereits darauf, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich einen gesunden Lebensstil anzueignen. Sachsens Landesärztekammer plädiert dafür, Lehrer und Erzieher zu gesundheitsrelevanten Themen auszubilden und diese in die Lehrpläne aufzunehmen. Denkbar sei das auch in Form eines eigenen Schulfachs "Gesundheit".

Gesundheit in den Unterricht "einbauen"

Sachsen bietet den Schulen Unterstützungsangebote auf Internetportalen an, die Vorschläge zur Vermittlung von Ernährungs- und Verbraucherkompetenz, Lebenskompetenz oder Sport und Spiel bereithalten. Konkret sind das zum Beispiel Anleitungen zum Erwerb eines "Ernährungsführerscheins", oder Workshops zum Thema Essverhalten, Frühstückskultur oder über die Wege der Lebensmittel von ihrem Entstehungsort bis in die Versperbüchse im Schulranzen.

Wie oft die einzelnen Angebot abgerufen werden, wisse man nicht im Detail, sagt Projektkoordinatorin Sabine Zubrägel von der Landesarbeitsstelle Schule des Jugendhilfe Sachsen e.V.. Gut besucht seien aber die "regionalen Zirkel" für Lehrkräfte - regelmäßige Fortbildungen, in denen Lehrer Unterrichtsmethoden für verschiedene Themen kennenlernen, wie zum Beispiel in diesem April (2018), in dem Lehrkräften Präventionsmöglichkeiten gegen sexuellem Missbrauch vermittelt werden. Ob Gesundheit als einzelnes Fach die erhoffte Wirkung zeigen würde? Sabine Zubrägel ist skeptisch. Statt abfragbarem Wissen müsse Gesundheit und das Bemühen darum positiv besetzt sein, in dem zum Beispiel auch Mathe-Unterricht bewegt gestaltet wird, anstelle "Gesundheit" mit Wissensanhäufung und Lernstress für Noten zu verknüpfen.

Über den Tellerrand geschaut

Wie sieht es eigentlich in anderen Bundesländern aus? In Bayern gibt es an Realschulen das Fach "Ernährung und Gesundheit", Baden-Württemberg in Real- und Hauptschulen das Wahlpflichtfach "Alltagskultur, Ernährung, Soziales" und Niedersachsen hat das Fach "Gesundheit" seit 2002 im Curriculum beruflicher Gymnasien und von Realschulen. Dort heißt es in der Fachbeschreibung:

Gesundheit ist als ein Unterrichtsfach zu sehen, in dem interdisziplinär gearbeitet wird. Es bedient sich bei vielen Problemlösungen fachwissenschaftlicher Grundlagen unter anderem aus Biologie, Chemie, Physik, Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Ethik.

Dieser breitgefächerte Ansatz erinnert stark an das, was man in Finnland in der Oberstufe vorantreibt: Bis 2020 sollen in der Sekundarstufe II der Fächerunterricht aufgegeben und Themen fächerübergreifend bearbeitet werden. Das soll sich auch in der Lehrerausbildung niederschlagen, die die Schüler in diese Art von vernetzendem, themenübergreifendem Lernen hineinbegleiten sollen.

Der Dominoeffekt eines neues Schulfachs

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner deutet den Dominoeffekt an, den ein neues Schulfach auslösen würde: Welche Fachlehrer könnten den Unterricht übernehmen?

Thüringen stößt andere Gedankensteine um: Das, was an gesundheitlichen Aspekten in anderen Fächern im Lehrplan steht, müsste ausgearbeitet, ein neuer Lehrplan für das Fach entwickelt und Lehrkräfte ausgebildet werden. Beim Blick auf den Stundenplan sei zu bedenken: "Wenn an einer Stelle ein neues Fach eingeführt wird, muss in einem anderen Fach gekürzt werden." Wobei das bei näherer Betrachtung nicht ganz aufgeht - wird an einer Stelle Stoff entnommen, wird auch Unterrichtszeit frei. Jedenfalls gilt aus Thüringer Sicht die Arbeit an einem neuen Unterrichtsfach als "nicht verhältnismäßig", der Aufwand führe nicht zu Verbesserungen der Gesundheitsförderung im Vergleich zur heutigen Situation, heißt es aus dem Bildungsministerium in Erfurt.

Typisch deutsche Diskussion?

Die Diskussion um Gesundheit als Unterrichtsfach war kürzlich erneut durch den bekannten Mediziner Grönemeyer neu befeuert worden. Er ist kein Einzelkämpfer und das Thema an sich ist auch kein deutsches Phänomen. Schon 1986 in der Charta von Ottawa forderten die Teilnehmerländer der ersten Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung, dass Gesundheit nicht länger allein Thema der Mediziner in ihren Praxen sein sollte. Vielmehr sollten auch in Schulen und anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen Menschen zur Eigenverantwortung für ihre Gesundheit befähigt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 21. Februar 2018 | 07:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2018, 16:08 Uhr