Handschreiben macht Kinder klüger

Hefte 'raus und mitgeschrieben: Die Handschrift ist ein großartiges Training für unser Gehirn und macht uns schlauer. Eine neue Studie aus Norwegen bestätigt das.

Ein Junge schreibt
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Handy, Tablet, Tastatur: Wer macht sich heute noch Notizen mit Zettel und Stift? Im digitalen Zeitalter verkümmert unsere Handschrift und wird immer mehr zu einem nostalgischen Relikt. Das ist nicht nur schade für die Kultur, sondern in erster Linie für unser Gehirn.

Es geht um Bildung. Handschreiben unterstützt die Rechtschreibung, das Lesen, das Textverständnis, letztlich die schulische Leistung insgesamt.

Dr. Marianela Diaz Meyer, Schreibmotorik Institut

Zu diesem Ergebnis kam STEP (Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben) vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) und dem Schreibmotorik Institut bereits 2019.

Das Gehirn will arbeiten

Nun wird die Sorge um unsere Handschrift ein weiteres Mal bestätigt. In einer Studie untersuchten Audrey van der Meer vom der NTNU (Norwegian University of Scienen and Technology) und ihr Team die Hirnaktivitäten beim Schreiben mit der Hand. Das erste Mal taten sie dies 2017 bei Student*innen. In ihrer aktuellen Studie von 2020 nahmen sie die Hirnaktivitäten von Jugendlichen und Kindern unter die Lupe.

Das Profil einer blonden jungen Frau mit einer EEG-Kappe auf dem Kopf. Die Kappe besteht aus 250 runden Elektroden.
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Die Studienteilnehmer*innen trugen jeweils für 45 Minuten eine EEG-Kappe mit über 250 Elektroden, die kleinste elektrische Impulse im Gehirn wahrnehmen können.
So erhielten van der Meer und ihr Team 500 Datenimpulse pro Sekunde und pro Teilnehmer*in.

Ergebniss: Das Gehirn bei Kindern und Erwachsenen ist sehr viel aktiver, wenn sie Notizen per Hand statt über eine Tastatur machen.

Schreiben mit allen Sinnen

Die Verwendung von Papier und Stift gibt dem Gehirn viel mehr Anknüpfungspunkte für Erinnerungen. Das Schreiben mit der Hand ruft viel mehr Aktivitäten in den sensomotorischen Bereichen des Gehirns hervor.

Audrey van der Meer, NTNU

Die Handschrift spricht also verschiedenste Sinne an. Der Körper nimmt wahr, wie es sich anfühlt, den Stift aufs Papier zur drücken, wie sich die Hand bewegt, wenn wir die einzelnen Buchstaben schreiben und wie es sich anhört, wenn der Stift übers Papier gleitet. Laut van der Meer bewirken diese Erfahrungen, dass sich verschiedene Teile des Gehirns miteinander in Verbindung setzen. Das wiederum sorgt dafür, dass wir besser lernen und uns besser an unsere Notizen erinnern können.

Für die Forscherin ist dies die Bestätigung, dass es enorm wichtig ist, Kinder schon früh dazu anzuregen, mit der Hand zu malen und zu schreiben - vor allem in der Schule. Doch genau das ist es, was in der heutigen Zeit langsam verloren geht, denn wir schauen und tippen zunehmend auf Tastaturen und Bildschirmen herum. Das gilt für Erwachsene und Kinder.

Eine Erhebung in 19 EU-Ländern ergab, dass Kinder zwischen 9 und 16 Jahren in Norwegen rund vier Stunden am Tag online verbringen. In Deutschland sind es etwas mehr als zwei Stunden. Die Bestrebungen von Schulen, digitales Lernen voranzutreiben, könnten diese Zahlen noch erhöhen. Digitales Lernen hat natürlich viele positive Aspekte, doch die Handschrift leidet darunter erheblich.

Hält man sich die Entwicklungen der letzten Jahre vor Augen, laufen wir Gefahr, eine oder mehrere Generationen hervorzubringen, die nicht in der Lage sind, mit der Hand zu schreiben.

Audrey van der Meer, NTNU

digital vs. analog

Ein Lehrer am Gymnasium, gibt Matheunterricht an einem Bildschirm.
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Immer mehr Schulen in Norwegen und Finnland setzen auf einen komplett digitalen Unterricht. Handschriftliches Training wird sogar mitunter vollkommen vernachlässigt. Darüber gibt es eine große Debatte.
Einige Lehrer*innen argumentieren, dass das Schreiben mit einer Tastatur die Kinder weniger frustriert und sie mehr Text in kürzerer Zeit schreiben können. Doch Wissenschaftler*innen wie Audrey van der Meer haben einen anderen Blick auf die Handschrift.

Mit der Hand schreiben zu lernen ist ein langsamerer Prozess, aber es ist für die Kinder wichtig, durch diesen ermüdenden Prozess zu gehen. Es erfordert feinmotorisches Können und die Sinne.

Audrey van der Meer, NTNU

Darüber hinaus glaubt van der Meer, dass wir unserem Gehirn keinen großen Gefallen tun, wenn wir das Handschreiben aufgeben.

Unser Gehirn hat sich über Tausende Jahre entwickelt. Es befähigt uns, in Aktion zu kommen und uns angemessen zu verhalten. Damit sich das Gehirn bestmöglich entwickeln kann, sollten wir es dafür benutzen, worin es am besten ist. Wir sollten ein authentisches Leben führen. Wir müssen all unsere Sinne nutzen, draußen sein, alle Arten von Wetter erfahren, Menschen treffen. Wenn wir unser Gehirn nicht herausfordern, kann es sein volles Potenzial nicht entfalten - und das wird Auswirkungen auf unsere schulischen Leistungen haben.

Audrey van der Meer, NTNU

Genau deswegen sollte das Handschreiben einen festen Platz in den Lehrplänen behalten.

JeS

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Aktuell | 09. Juni 2020 | 14:24 Uhr

15 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo Thomas H,
danke für die Rückmeldung. Das klingt ja in etwa so, wie wir es gemeint haben. Natürlich ist es für den Unterricht zu Hause notwendig, dass jeder Schüler Zugang zu einem digitalem Gerät hat. Das Beispiel zeigt aber, da es zum Einen nicht der Fall ist und zum Anderen die Schule nicht die Schüler mit Geräten für den privaten Bereich ausstattet. Es zeigt aber auch, dass trotz teilweise digitalem Unterricht noch mit der Hand geschrieben wird.

THOMAS H vor 7 Wochen

MDR-Wissen-Redaktion:
Eigentlich wollte ich mich nicht mehr melden, aber vor ca. einer Stunde, habe ich mich mit einem Schüler einer 6. Klasse über das Thema Laptopverwendung in seiner Schule unterhalten.
Dabei kam auch zur Sprache, wie es sich mit dem Handschriftlichen in der Schule verhält und er hat erzählt, das es sogar noch Schönschreiben gibt (für mich eine positive Erfahrung). In Bezug digitalem Gerät für alle SchülerInnen ergab das Gespräch, das es Diejenigen, welche kein eigenes Gerät haben, sich kümmern müssen, wie sie an Hausaufgaben, welche über eine App von den Lehrkräften an die Schüler weitergeleitet werden, herankommen. Eine Aussage die mich etwas irritiert hat, bezieht sich auf das Nichtvorhandensein eines Geräts bei Schülern, was von den Lehrkräften als Ausrede zu nicht erledigten Aufgaben bezeichnet würde. Es würde sich damit zeigen, das es dringend notwendig ist, das auch das Vorhandensein von Digitalgeräten bei allen SchülerInnen sichergestellt wird.

MDR-Team vor 7 Wochen

Lieber Thomas H,
der Zusammenhang ist uns schon bewusst. Dennoch sind es verschieden Themen. Die Digitalisierung im Bildungsbereich greift nicht direkt in die Digitale Ausstattung im privaten Bereich ein. Wenn jeder Schüler ein Tablett im Unterricht nutzen könnte, heißt das nicht, dass jeder Schüler das zu Hause auch könnte und umgekehrt.
Ihre Meinung wollen wir Ihnen doch gar nicht absprechen. Die Befürchtung, dass unter der Digitalisierung die Handschrift leiden könnte, haben ja nicht nur Sie. Darüber wird bereits lange und offen diskutiert.
Fakt ist aber, dass trotz Digitalisierung nicht jeder Schüler ein eigenes digitales Gerät hat oder in naher Zukunft haben wird. Daran ändern auch die angesprochenen Spenden nichts. Und einige aussagekräftige Zahlen dazu haben wir Ihnen in unserem letzten Kommentar geliefert.