Koran und Tasbih in einer Nahaufnahme
Bildrechte: imago/UIG

Jahresversammlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle/S. Was ist aus der Wissenschaft im Islam geworden?

Die Leopoldina lädt an diesem Wochenende weltweit führende Wissenschaftler zu Ihrer Jahresversammlung nach Halle. Die Forscher tauschen sich über ein breites Themenspektrum aus: Neben den kulturellen Unterschieden in der Mathematik und neuen Erkenntnissen zur Stammzellenforschung geht es auch um eine besonders aktuelle Frage: Welche Rolle spielt die Wissenschaft heute noch in der islamischen Welt?

Koran und Tasbih in einer Nahaufnahme
Bildrechte: imago/UIG
Der Hauptsitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopldina in Halle/S.
Bildrechte: Markus Scholz für die Leopoldina

Es gab eine Zeit, da setzte die Wissenschaft in der islamischen Welt Maßstäbe. Wer im Mittelalter wie der Medicus lernen wollte, musste nach Arabien, raus aus dem wissenschaftsfeindlichen, katholischen Europa. Nicht umsonst schreiben wir arabische Zahlen und benutzen etliche Wörter, die aus dem Arabischen zu uns gekommen sind: wie Ziffer, Tarif, Elixier, Zenit oder Alkohol.
Heute spielt die Wissenschaft in der islamischen Welt keine große Rolle mehr, sagt Martin Riexinger, Professor für Islamwissenschaft an der Universität in Aarhus (Dänemark). Er beruft sich auf einen UNO-Bericht, der eine intellektuelle Stagnation in der arabischen Welt feststellt. Dies erkenne man beispielsweise daran, dass dort wenig geforscht, wenig veröffentlicht und nur wenige Patente angemeldet würden.

Wissenschaftsskeptische Strömungen im Islam

Der UNO-Bericht nennt auch Gründe. Wie zu erwarten war, steht in vielen Regionen die Religion dem Wissenschaftsbetrieb entgegen. Martin Riexinger betont, dass nicht der Islam als solcher forschungsfeindlich sei. Es gebe aber an vielen Orten eine innovationsfeindliche Auslegung der Religion, die nur wenig Wissenschaft zuließe. In Afghanistan, Saudi-Arabien oder dort, wo der Islamische Staat großen Einfluss hat, gäbe es kaum noch nennenswerte Forschung. Aber im Libanon sähe das schon anders aus.

Das betrifft vor allem die Geisteswissenschaften, sagt Stefan Knost vom Institut für Orientwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle. "Geisteswissenschaften findet oft nur im Rahmen dieser Ideologie statt. (...) Und das ist natürlich kein gutes Umfeld für Forschung." Bei den Naturwissenschaften sieht die Situation nur wenig besser aus. Sie sind praktisch und nützlich, da Naturwissenschaften häufig zur Lösung unmittelbarer Probleme dienen:  

Was die Gesellschaftswissenschaften angeht, ist das erste Ziel Lehrer auszubilden. Was naturwissenschaftliche Fakultäten angeht, ist das erste Ziel, Praktiker auszubilden: also Ärzte oder Ingenieure.

Stefan Knost, Institut für Orientwissenschaften MLU Halle/S.

Wer aus den Regionen der islamischen Welt kommt und forschen will, der geht ins Ausland. An zahlreichen europäischen und nordamerikanischen Universitäten sind viele Studenten mit arabischem Hintergrund. Sie machen dort Karriere und gehören häufig genug zu den Besten. Es erinnert alles an die Zeit, in der der Medicus auf der Suche nach Wissen war. Nur, dass im Moment der Wissenstransfer andersherum abläuft.

Wettbewerb der Wissenskulturen

"Mit der Themenwahl reagiert die Leopoldina auf eine zunehmend wichtige Diskussion in der Wissenschaft. Die Jahresversammlung soll dazu beitragen, für den Wettbewerb unterschiedlicher Wissenskulturen zu sensibilisieren, Hürden im interkulturellen Dialog zu identifizieren und Strategien zu deren Überwindung zu diskutieren“, sagte Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina, bei seiner Eröffnungsansprache zur Jahresversammlung. "Eine reflektierte Haltung zum Thema ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund wirtschaftlicher, politischer und religiöser Konflikte in einer globalisierten Welt geboten“, soh Hacker.

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 09:55 Uhr